Volltext: Hessenland (1.1887)

69 
liebliche Eilsen, das in dem tiefen Thalkessel mit 
seinen rothen Dächern wie eine Schale frischer 
Aepfel in grünen Blättern liegt, besuchte Char 
lotte alljährlich mit ihren wohlhabenden Eltern. 
Das beliebteste Sommervergnügen war aber eine 
Reise nach dem damaligen stolzen Modebad Pyr 
mont. Unter dem Lindendom der berühmten 
Pyrmontcr Allee sollte das junge Mädchen den 
Mann kennen lernen, durch den es eine berühmte 
Frau wurde. 
Auf einer der Bänke, welche durch die Nähe 
der schönen kühlenden Fontaine besonders beliebt 
sind, saß Charlotte eines Morgens mit ihrem 
Bater. Beide knüpften alsbald ein Gespräch an 
mit einem jungen Mann, der sich zutraulich neben 
sie gesetzt hatte. Man wurde damals leichter 
bekannt in Badeorten, weil man nicht mißtrauisch 
war, wie man es jetzt leider sein muß; binnen 
wenige» Minuten hatte das schöne junge Mäd 
chen den unscheinbaren Nachbar in ein philoso 
phisches Gespräch verwickelt. Sie bemerkte wohl, 
daß er einen schlechten Rock hatte, aber seine 
guten Manieren fiele» ihr dadurch nur noch 
mehr auf, auch fand sie ihn häßlich, aber er sah 
geistvoll aus, sie erkannte seine innere Schönheit 
und lauschte auf seine Worte, als kämen sie aus 
einer besseren, bisher nur von ihr geahnten 
Welt. Auch der junge Mann empfand eine 
sichtbare Freude, daß er ein so liebliches Ohr 
und einen so holden Mund gefunden hatte, die ver- 
ständnißvoll hören und anregend reden konnten. 
Der Pfarrherr fand ebenfalls viel Gefallen an 
dem jungen Manu, den er für einen Studenten 
aus Göttingen hielt, er lud ihn mit herablassen 
der Miene zum Mittagessen ein, und man ging 
gemeinschaftlich in den Speisesaal. Dort ent 
hüllte es sich denn bald, daß der interessante 
Sprecher allerdings ein Student aus Göttingen 
war, aber den vornehmen Namen Wilhelm von 
Humboldt trug. 
Es ist bekannt, daß er dainals und auch 
später ein sehr unschönes Aeußere besaß, im 
besten Frack sah er aus wie ein Schneiderlcin, 
grau, klein, dünn und linkisch, wie mußte er erst 
im schlechten Reiseanzug sich ausnehmen! Aber 
er machte doch einen schönen Eindruck auf das 
junge Mädchen durch die klare Ruhe seines 
Wesens und die geistige Wirkung seiner Worte. 
Nach einem halben Jahrhundert erinnerte sie 
sich noch an die „geheiligten Empfindungen", die 
er in ihr erregt hatte. 
Drei glückliche Tage eines freien, unbeschäf 
tigten Badelebens, in dem man stets die drei 
doppelte Stundenzahl anderer Tage besitzt, 
flössen den beiden jungen Leuten wie ein ange 
nehmer Traum dahin. Humboldt schrieb nach 
damaliger Sitt- eine pathetisch-sentimentale Sen 
tenz in Charlottens Stammbuch, reiste aber ab, 
ohne eine Wort von Liebe zu sagen, obwohl sein 
ganzes Wesen durchglüht schien von ihrem seeli 
schen Liebreiz. Sie selbst fühlte sich unendlich 
bereichert und hing noch mehr als früher ihren 
schwärmerischen Empfindungen nach; sie war zu 
bescheiden, zu demüthig und ächt weiblich zurück 
haltend, um Hoffnung auf eine nähere Verbind 
ung mit dem vornehmen, geistig bedeutenden 
Jüngling zu hegen, in welchem ihr liebevoller 
Scharfblick schon den einst berühmten Mann er 
kannt hatte. - Sie verschloß „die vorüber ge 
gangene schöne Erscheinung in das Allerheiligste 
ihres Innern und sprach nie darüber, sicherte 
dieselbe auf diese Weise vor Entweihung durch 
fremde Berührung", wie sie später geschrieben hat. 
Diese Begegnung fand am 16. Juli 1788 
statt. Humboldt hatte versprochen, im Herbst 
das Heimathsdors von Charlotte Hildebrand zu 
besuchen. Er kam aber nicht, sondern verweilte 
länger, als er beabsichtigt hatte, in Pempelfort 
bei Düsseldorf, wo Jacobi damals alle großen 
Geister so gern festhielt. 
Wie mag das junge Mädchen sehnsüchtig ans 
den verheißenen Besuch geharrt habin: cinjni» 
wandelte sie bei Mondenschein im Garten des 
Pfarrhauses, wo Rosen und Kartoffeln idyllisch 
zusammen blühten, dann las sie beim Schlafen 
gehen wie ein Gebet ihr geliebtes Stammbuch- 
blättchen durch, auf welches Wilhelm von Hum 
boldt schrieb: 
„Gefühl fürs Wahre, Gute und Schöne adelt 
die Seele und beseligt das Herz, aber was ist 
es selbst dieses Gefühl, ohne eine mitempfindende 
Seele, mit der man es theilen kann!" 
Aber diese „mitempfindende Seele" blieb aus; 
statt dessen kam ein unwillkommener Freier. 
Wie mancher Mädchentraum wird durch einen 
solchen zerstört! 
Sie hatte in Rinteln im Hause ihrer Jugend 
freundin einen Doktor Diede aus Kassel kennen 
gelernt und sich mit ihm verlobt, ohne die Zu 
stimmung ihrer Eltern zu haben. Welche Be 
weggründe sie, obwohl auch sie den Doctor nicht 
liebte, zu der Heirath veranlaßt haben, ist nicht 
zu ermitteln gewesen. Sie selbst spricht in 
ihren Briefen an Humboldt in folgender melan 
cholischer Weise von diesem Ereigniß: 
„Ich wurde verheirathet im Frühling 1789, 
lebte nur fünf Jahre in dieser kinderlosen Ehe 
und ging keine zweite ein." Daß sie verheirachet 
wurde, spricht doch nicht für ihren freien Ent-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.