Full text: Hessenland (1.1887)

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Gegen diese Verordnung hatte sich der Bundes 
tag erklärt. Lepel, der seinem Herrn nicht ver 
hehlte, daß er sie selbst für ungesetzlich erkenne, ! 
hielt dennoch die Versammlung, deren Mitglieder j 
ohne vorherige Jnstruktionseinhaltung votirt 
hatten, nicht für kompetent, gegen den Kurfürsten 
als Souverain so wie es geschehen war, vor 
zugehen. , 
Es entspannen sich nun, da er sich tn den j 
Verhandlungen in Widerspruch mit seinen ! 
Kollegen setzte, von welchen namentlich der Bor- ! 
sitzende, Graf Buol, von seiner Regierung, mit 1 
der der Kurfürst direkte Verbindungen ange- j 
knüpft hätte, im Stiche gelassen wurde, durch 
Uebertragung in das private Leben sehr uner- j 
glückliche Zustände. Die Gediegenheit und Offen 
heit von Lepels Charakter und seine Geschäfts 
tüchtigkeit überwanden dieselben aber bald und 
erwarben ihm in kurzer Zeit Anerkennung und 
Achtung. 
Im Februar 1821 starb Kurfürst Wilhelm 1. 
Die Geschichte hat manches harte Urtheil über 
diesen vielgeprüften Monarchen, der sich nie vor 
Napoleon gebeugt hat, gefällt — für Lepel, dessen 
treuen Dienste im Unglück er nicht vergaß, war 
er immer ein gerechter und gütiger Herr ge 
wesen, deffen Heimgang jener aufrichtig betrauerte. 
Seinen Genoffen im Exil hatte der Kurfürst 
eine Pension von jt 1200 Thlv> testamentarisch 
bestimmt, sie mochten seinem "Rachfolger dienen 
oder nicht. 
Bald sollte Lepel in den Genuß dieser Pension 
treten, denn sein Verhältniß zum neuen Landes 
herr» war oder wurde wenig günstig. Es 
machten sich in den. Kreisen, die dem Kurfürsten 
persönlich nahe standen, Einflüsse geltend, welch« 
dem nicht gegen jedermann gefügigen Manne, 
allmählich die Stellung so verleiden sollten, daß 
er um seine Entlassung bat. Zudem war LepelS 
Stellung auch dadurch bei der fortschreitenden 
Reaktion unhaltbar. geworden, daß er zu der sehr 
kleinen Minorität gehörte, welche eine liberale 
Meinung vertrat, die Oesterreichs damalige 
Staatsleitung um keinen Preis duldete. Als 
ein allerhöchster Erlaß des Kurfürsten seinem 
Bundestagsgesandten verbot, während der drei 
monatlichen Ferien Frankfurt zu verlassen, trat 
er zurück. (Fortsetzung folgt.) 
Die Doktorin Dirke. 
Eine biographische Skijje von Fr. von Hohenhausen. 
m 16. Juli 1846 starb eine einsame alte 
Frau in einem ärmlichen Hause der alten 
Wilhelmshöher Allee zu Kassel; sie ahnte 
es nicht, daß sie nach kurzer Zeit eine literarische 
Berühmtheit werden würde! „Das Hessenland" 
hat gewiß ein Recht, sie als eine seiner berühm 
ten Frauen zu feiern. Es war Charlotte 
Die de, die Brieffreundin von Humboldt. Als 
Greisin fristete sie ihr Leben mit ihrer Hände 
Arbeit, und zwar mit einer Arbeit, die eigentlich 
nur für die Jugend paßt; zarte künstliche Blumen 
hatten ihre altersschwachen zitternden Hände zu 
schaffen! Aus der Werkstätte des trauernden 
Alters ging der Blumenschmuck hervor, den die 
lachende Jugend beim Tanze trug. Wie mancher 
Seufzer, wie manche Thräne mag die mühsame 
Arbeit begleitet haben! 
Die arme alte Frau, die Blumen und Kränze 
wand, um das tägliche Brod zu gewinnen, war 
auch einst jung und schön gewesen, wie die Träge 
rinnen ihrer Arbeiten; sie war auch einst glück 
lich gewesen — aber freilich nur kurze Zeit! 
Sie war eine Pfarrerstochter, anmuthiger und 
liebenswürdiger wie jemals eine solche von den 
Dichtern damaliger Zeit erfunden und gefeiert 
worden ist. Durch Goldsmiths Viaar of Wake- 
field, durch „Louise" von Voß und Bürgers 
„Pfarrerstochtcr von Taubenheim", hatten die 
Pfarrerstöchtcr einen poetischen Nimbus erhalten, 
den auch Goethe bei seiner Friederike von 
Sesenheim als Zauber empfand. 
Die arme Blumenmacherin war aus einem 
reichen Hause; ihr Vater, Pfarrer Hildebrand 
im Hannoverschen, hatte keine Kosten gescheut, 
um ihr'eine sorgfältige Erziehung, ja eine fast 
gelehrte Bildung zu verschaffen. Sie las schon 
mit neunzehn Jahren philosophische Schriften, 
dichtete und sehnte sich nach idealen Freund 
schaften. Sie schwärmte für „das Wahre, Gute 
und Schöne", wie man damals die Sehnsucht 
nach der Liebe nannte. 
Charlotte Hildebrand lebte auf dem schönen 
Stückchen Erde, welches durch da- Wesergebirge 
hervorgebracht ist. Namentlich verweilte sie oft 
in dem kurhessischen Städtchen Riyteln, das eine 
wahre Perle landschaftlicher Schönheit genannt 
werden kann, auch das reizende Rehburg mit 
seinen köstlich duftenden Tannenwäldern und das
	        

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