Volltext: Hessenland (1.1887)

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graben. Diese toteg er 1603ben zahlreichzugezogene« 
Juden zur Wohnung an, nachdem er auch ihnen 
ein Statut, die sogenannte „Judenstätigkeit" ge 
geben hatte. Ferner die Erbauung eines neuen j 
Schloßthurms im Jahre 1605 und die 1610 er- ! 
folgte Grundsteinlegung zu dem vorderen Erker- j 
gebäude sowie mehrere andere bauliche Veränder- i 
üngen im Schloß. Der neue Schloßthurm, bis ! 
zum Jabre 1829, wo er auf Befehl des Kur- j 
fürsten Wilhelm II. abgebrochen wurde, eine j 
Zierde der Stadt Hanau, kam an die Stelle eines ; 
älteren Thurms zu stehen, des sogenannten Heiden- ' 
thurms, dessen Ursprung man wiewohl mit Un- ; 
recht auf die Zeit der Römer zurückführt. Bei 
der Grundsteinlegung des vorerwähnten Erker 
baus am 19. April 1610 waren eine Menge ; 
vornehmer Standespersonen zugegen. Außer , 
einer Urkunde, welche die Namen derselben ent- ! 
hielt, wurden verschiedene Münzen in de» Grund- ! 
stein gelegt, welche man im Jahr 1713, als 
Graf Reinhard den Eingang verändern und zu ! 
dem Ende das Werk Philipp Ludwigs bis auf 
den Grund abbrechen ließ, noch vorfand. 
Im Jahre 1610 erneuerte der Graf mit 
Johann Reinhard von Hanau-Lichtenberg den 
bereits 1581 abgeschlossenen Erbvertrag. Mit 
seinem Bruder Graf Albrecht hatte er viel Ver 
druß, da dieser im Gegensatz zu den alten Haus 
verträgen einen Theil des Landes beanspruchte. 1 
Graf Philipp Ludwig hatte sich schon 1604 mit > 
ihm dahin geeinigt, daß er ihm die Einkünfte 
der Aemter Schwarzenfels, Naumburg, Orten 
berg und Afsenheim jedoch unter Vorbehalt der 
Landeshoheit überließ. Aber auch bei dem Ab 
schluß des Erbvertrags machte Albrecht neue 
Schwierigkeiten. Albrecht stiftete durch seine > 
Verheirathung mit Ehrengard von Isenburg die 
Hanau-Schwarzenfelsische Nebenlinie, welche nach , 
dem Tode des Grafen Philipp Moritz und dessen 
unmündigen Sohns Philipp Ludwig III. im Jahre 
1641 mit Albrechts Sohn Johann Ernst auf 
nur einen Monat und etliche Wochen zur Regierung ; 
kam, da Johann Ernst bereits am 12. Januar 
1642 an den Kinderblattern verstarb. 
Philipp Ludwigs hervorragende staatsmännische 
Begabung war die Ursache, daß ihn Kaiser - 
Rudolf II. im Jahre 1608 zu seinem kaiserlichen ' 
Rath ernannte, ihn in wichtigen Angelegenheiten 
an seinen Hof nach Prag berief und ihnt ein hohes < 
Amt in seinen böhmischen Erdlanden anbot. 
Allein unser Graf zog es vor, seine ganzen Kräfte 
der Wohlfahrt seines eignen Landes zu widmen. 
1612 übernahm er jedoch im Interesse eines ; 
ihm durch Blutsverwandschaft und gleiches Be- ; 
kenntniß verbundenen Hauses eine divlomatische 
Mission an den Hof des König Jakob I. von 
England, indem er dort als Freiwerber um 
die Hand der schöne» Elisabeth für Friedrich 
von der Pfalz, den später so unglücklichen Winter 
könig, auftrat. Die spanische Diplomatie legte 
dieser Verbindung allerlei Hindernisse in den 
Weg, welche der Graf aber alle zu beseitigen 
wußte. 
Von England kehrte er über Holland und 
Frankreich zurück, wo er den König Ludwig XIII. 
und dessen Mutter, die Regenttn Marie, begrüßte. 
Diese ersuchten ihn. dem neugewählten Kaiser 
Matthias ihre Glückwünsche zu überbringen. 
Philipp Ludwig traf ihn m Frankfurt, wo er 
gekrönt worden war, nicht mehr an und reiste 
ihm deßhalb nach Nürnberg nach. wo er sich 
seines Auftrags entledigte. 
Kurz nach seiner Rückkehr erkrankte er ' und 
beschloß nach knrzciit aber schwerem Leiden am 
9. August 1612 erst 36jährig seine glanzvolle 
und für Hanau so gesegnete Laufbahn, indem 
er von seiner Gemahlin Katharina Belgika nach 
folgende Kinder hinterließ: 
1. Charlotte Louise, starb ledig 1649. 
2. Amalie Elisabeth, die spätere Gemahlin 
Landgraf Wilhelm V. von Hesse«. 
3. Katharine Juliane, vermählt mit Graf 
Albrecht Otto von Solms. 
4. Philipp Moritz, sein Nachfolger. 
5. Wilhelm Reinhard, gestorben 1630. 
6. Heinrich Ludwig, geblieben 1632 bei der 
Belagerung von Mastrich. 
7. Friedrich Ludwig, gestorben 1628 zu Paris. 
8. Jakob Johann, gefallen 1636 bei der Be 
lagerung von Elsaß-Zabern. 
Philipp Ludwig starb zu früh für sein Land 
und seine Familie, für seine Familie, denn sein 
früher Tod machte abermals eine Vormundschaft 
nöthig, und es war nur gut, daß er sterbend die 
Sorge für sein Land und seine Kinder i» eine 
fo starke Hand legen konnte, wie es die seiner 
Gattin, der staatsklugen Oranieriu war, und 
für die Grafschaft, denn wieviel Gutes hätte 
dieser seiner Zeit weit vorsusgeeilte Fürst noch 
zuin Wohl seiner Unterthanen stiften können! 
Seine letzten Lebenstage hat sein Lieblings 
prediger und Beichtvater, der Pfarrer Appelius 
von Altenhaßlau ausführlich beschrieben. Philipp 
Ludwig war ein frommer evangelischer Christa 
Voll Glaubenszuverstcht sah er dem Tode ent 
gegen. Am 7. August, als er sein Ende nähe 
glaubte, rief er: „Macht alle Thüren auf, lasset 
alle meine Leute kommen, damit sie sehen, wie 
ich so fröhlich sterbe. Er hatte'indeß noch schwer
        

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