Full text: Hessenland (1.1887)

provisorischen Vorstand des Ministeriums des Innern ! 
ernannt, in welcher Stellung er bis zum 23. Februar 
1850 verblieb. Treffliche Gesetze entstammen be- j 
kanntlich jener Zeit. Die Reinheit seines Charakters , 
verschaffte ihm die allgemeine Hochachtung, und auch ' 
seine politischen Gegner stimmten in sein Lob ein. 1 
Die Residenzstadt Kassel verlieh ihm am 10. Juni 1850 ' 
das Ehrenbürgerrecht. Seit 1851 lebte Staatsrath Eber- 1 
hard wieder in seinem lieben Hanau, dessen Oberbürger 
meister er fast zwanzig Jahre gewesen war und um 
dessen städtische Verwaltung er sich hochverdient ge 
macht hatte. Was Oberbürgermeister Schomburg der 
Residenzstadt Kassel gewesen ist, das war Bernhard 
Eberhard der Stadt Hanau. Sein Andenken wird 
stets ein gesegnetes bleiben. 
* * 
Todesfälle. Am 22. Februar d. I. starb hier 
in Kassel plötzlich an einem Herzschläge Fräulein 
Marie Calm, (geboren am 3. April 1832 zu 
Arolsen), eine reichbegabte Dichterin und Schrift 
stellerin, die sich namentlich auch mit der „Frauen 
frage" beschäftigt hat. Sie war Mitbegründerin und 
Förderin der hervorragendsten WohlthätigkeitSanstalten 
unserer Stadt, von denen wir nur den Franenverein, 
die damit verbundene Fachschnle, den Volkskinder 
garten, die Volksküche nennen wollen. Von ihren 
Schriften führen wir an: „Die Stellung der deut 
schen Lehrerinnen", „Bilder und Klänge", „Weib 
liches Wirken", „Leo", „Ein Blick in's Leben", 
„Wilde Blumen", „Bella's Blaubnch", „Echter Adel", 
„Daheim nud Draußen", „Die Sitten der guten 
Gesellschaft". Die Verblichene verband mit hervor 
ragenden Gaben des Geistes ein außergewöhnliches 
Organisaftonstalent, welches sie im Interesse der 
Allgemeinheit zu verwerthen stets bestrebt war. Ihr 
Hinscheiden wird hier tief empfunden und allgemein 
beklagt. — An dem gleichen Tage verschied hier nach 
längerem Leiden im 66. Lebensjahre der Professor- 
Karl Äugn st F r i e d r i ch S ch o r r e, Gymnasial- 
oberlehrer a. D, der sich in einer lange Reihe von 
Jahren als Lehrer der Mathematik und Naturwissen 
schaften wesentliche Verdienste um das hiesige Gym 
nasium (Lyceum Friderieiamini) erworben hat. 
Geboren am 23. Oktbr. 1821 zu Rrnteln, besuchte er 
das dortige Gymnasium, studirte hiernach in Mar 
burg Mathematik und Raturwissenschaften, wo er 
eilter der eifrigsten Schüler Gerling's, Hcssel's, 
Stegmann's war. Nachdem er von Ostern 1846 ab 
am Gymnasium zu Rinteln Praktikant gewesen war, 
wurde ^er im August 1846 mit Vcrsehung einer 
Lehrerstelle am Gymnasium zu Kassel beauftragt. 
1850 wurde er als Lehrer an das Schullehrer semi- 
narinm zu Homberg versetzt, kehrte aber im Herbste 
1851 in seine frühere Stellung am Kasseler Gym- 
nasiunl zurück. Seit dieser Zeit wirkte er hier ununter- 
brochen bis zn seiner Ostern 1884 erfolgten Pensio- 
nirnng. Im Dczernber 1853 war er zum ordent 
lichen Gymnasiallehrer ernannt und am 14. Juli 
1869 zum Gyuinasialoberlehrer befördert worden. 
Am 27. Dezember 1881 hatte er den Titte! „Professor" 
erhalten. Die Lehrerkollegien des Friedrichs- und 
des Wilhelntsgymnasiums dahier haben dem Ver 
blichenen einen warmen Nachruf gewidmet, in welchen: 
namentlich' die unermüdliche Treue und die selbstlose 
Hingabe in Erfüllung der Pflichten seines Amtes 
hervorgehoben werden. 
Wie uns aus Frankfurt a. M. mitgetheilt wird, 
ist dort am Sonntag der als Schriftsteller rühmlichst be 
kannte Publieist Dr. Gustav Adolf Vogel im 
Alter von 75 Jahren gestorben. Der Verblichene, aus 
Schmalkalden gebürtig, besuchte das Gymnasium zn 
Rinteln, wo er mit seinem Mitschüler Franz Dingel 
stedt in die freundschaftlichsten Beziehungen trat. Beide 
waren auf der Universität Marburg Mitglieder desselben 
Corps: Schaumburgia, und blieben auch später noch 
eng mit einander verbanden. Eine lange Reihe von 
! Jahren war Dr. Vogel Redakteur des „Frankfurter- 
Journals", aus welcher Stellung er vor etwa 10 Jahren 
ausschied. Er zeichnete sich durch reiche geistige Be 
gabung und nimmer versiegenden Humor aus.' 
❖ ❖ 
E in Z eitu ng sj u bi l äu nt. Die älteste Zeitung 
in unserem Hessenlande ist die „H a n a ue r Z e i t u n g". 
Sie kann ans eine Vergangenheit von zweiJahrhunderten 
zurückblicken. Fehlenzwar auch über ihr erstes Entstehen 
genauere Nachrichten, so ist doch sicher, daß die von 
den Erben des Hofraths Handel der Hanauer Stadt- 
bibliothek geschenkte Reihenfolge älterer Jahrgänge 
mit dem Jahre 1687 beginnt. Robert Prntz gibt 
in seiner „Geschichte des deutschen Journalismus" 
als Zeit ihrer Gründung sogar das Jahr 1678 an. 
Sie erschien zuerst mit kaiserlichem Privilegium unter 
dem 9c amen „Enropäische Zeitung" wöchentlich in 
zwei Nummern, 1750 wurde sie wöchentlich in vier 
Nummern herausgegeben, und vom Jahre 1814 an 
erscheint sie täglich. Im Jahre 1775 nahm sie den 
Namen „Neue europäische Zeitung" an, im Jahre 
1784 änderte sie denselben in „Hanauer neue euro 
päische Zeitung" um und seit 1814 erscheint sie als 
„Hanauer Zeitung". Im Jahre 1825 ging sie aus - 
dem Eigenthume des Hofraths Handel in dasjenige 
der Familie Kittsteiner über, in deren Besitze sie sich 
heute noch befindet. Sie erfreute sich schon in der 
ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einer großen 
Verbreitung und wetteiferte damals nicht unrühmlich 
mit den benachbarten Frankfurter Zeitungen. In 
den 40er Jahren unseres Jahrhunderts war sie wohl 
das verbreitetste Blatt in Kurhessen, und wenn sie 
auch unter der Ungunst der Zeitverhältnisse in den 
50er und den folgenden Jahren einen Rückgang er 
litt, so nahm sie doch unter der Redaktion des leider 
zn früh verstorbenen, durch Intelligenz, Talent, Kennt 
nisse und die trefflichsten Eigenschaften des Charakters 
ausgezeichneten Herrn Karl Friedrich Kittsteiner 
(1874—1884) einen erneuten Aufschwung, wie sie 
denn auch heute noch zn den angesehensten Zeitungen 
unseres engeren Vaterlandes zählt. F. Z. 
Hi ^ * 
Die Befehlshaber der französischen 
R e v o l u t i o n s a r m e e überboten sich bei ihrem Bor-" 
dringen in das holländische und deutsche Gebiet in
        

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