Full text: Hessenland (1.1887)

„Bitte, Herr Doktor cs thut mir leid — 
allem ich ersuche Sie, mein Lokal augenblicklich 
zu verlassen." 
Der Doktor fuhr auf, schnitt eine fürchterliche 
Grimasse, sah sich den Rentmeister abschied- 
uehmend noch einmal voller Bcrachtnng von 
oben bis unten an »nd verliest dann das Zimmer, 
um es nie wieder zu betreten. 
Wohl erhoben sich spater Stimmen, welche 
von dem herzlosen Wesen des Rentmeisters gegen 
die Mutter erziiblten itnd des Doktors Betragen 
zu rechtfertigen suchten. Allein man konnte das 
Gewöhnliche jener Scene nicht überwinden, und 
der Rentmeister war zu sehr |»<-r*<>»<> «'rat», als 
daß man ihn um seiner intimsten Privatan 
gelegenheiten willen fallen gelassen hätte. 
Selbst bis in diese kleinen Kreise hinein, 
macht sich die Erfahrung geltend, daß die „öffent 
liche Meinung" einen Berstvst gegen die äußere 
Form weit strenger ahndet, als ein wirkliches 
Bergehen gegen Gesetze der Religion nnd des 
Herzens. Ein Mann, der ein vertrauendes 
Mädchen ruinirte, ist vor wie nach ein gern ge 
sehener Gesellschafter: ein Bruder, der mit 
seinem Bruder in tödtlicher Feindschaft lebt, ist 
deshalb doch vollständig salonfähig; eine Frau, 
welche als schlechte Gattin und Mutter bekannt 
ist, wird gefeiert — aber cm Mensch, welcher 
die Wahrheit sagt, macht sim unmöglich, streicht 
von unten herauf über das Gesicht der Leute! — 
Reden ist nicht, wie Schiller naiv behauptet, 
Silber, — nein, es ist Dynamit. 
Der Doktor trug leicht an der Bcrachtnug 
seiner früheren Tischgeuosscn. Fm Grunde that 
ihm der Berlust des guten Tisches mehr leid, als 
der der Tischgenossen, denn er war gastronomischen 
Genüssen durchaus nicht abhold. Aber es ist 
für einen Menschen niemals gut, wenn er auf 
irgend eine Weise Einlaß verliert zu den Kreisen, 
in welche er nach Geburt und Lebensstellung 
eigentlich gehört. Wäre er auch der llnbc- 
küminertste: eine leise Bitterkeit schleicht sich bei 
ihm ein, eine wenn auch unbewußte Empfindung 
des Berlassenseins. 
Bei dem Doktor freilich fand dieses Gefühl, 
wenn cs sich auch regte, wenig Zeit zur Aus 
bildung. Denn seine Landpraxis war in der 
That eine ausgebreitete; und wenn er Abends 
heim kam, blies er das Waldhorn. 
Der Rentmeister war einige Wochen nach dem 
oben beschriebenen Borfalle ausgezogen: sonder 
bar, selbst das stumme Fenster des Doktors 
gegenüber war ihm unangenehm, selbst der kleine 
Ami, der gewöhnlich auf dem Blumenbrettc saß, 
schien höhnisch zu fragen: „Wer war doch die 
alte Bauersfrau?" Man hatte im Anfang davon 
geredet, daß er sich nothwendig mit dein Doktor 
dnelliren müsse; allein dieser Skandal blieb den 
Bewohnern des Städtchens vorenthalten. Der 
Rentmeister sagte mit wichtiger, überlcgsamer 
Miene: „Ein Duell läuft meinen Grundsätzen 
zuwider, nnd daun, meine Herren, würde cs ent 
schieden ein ungleicher Kampf sein. Ich hätte 
der Ratnr der Sache gemäß den ersten Schuß 
und würde den armen, dicken Doktor iu>I<>n8 
volejis niederstrecken." 
Es ist seltsain, wie wenig die Welt an die 
Möglichkeit glaubt, daß gewisse Leute sterben 
könnten. Besonders Figuren, welche gewisser 
maßen Wahrzeichen der Stadt sind, deren Karrikatnr 
jeder Schuljunge auf die Tafel zeichnet, traut 
man eine derartige Extravaganz nicht zu ; man 
erwartet unwillkürlich, daß sie schon bei Lebzeiten 
die Unvergänglichkeit des Driginelten erweisen. 
So kümmerte man sich auch wenig daruin, 
als es nach Fahr und Tag hieß, Doktor Naso 
liege schwer krank. Das Erstaunen war nicht 
gering, als die Nachricht von seinem Tode sich 
verbreitete. Es trauerte Niemand um ihn, als 
der gehätschelte „Ami" und der „kleine Kourad", 
welcher inzwischen zu einer ganz ansehnlichen 
Länge emporgeschossen war und soviel von de» 
„schönen Gefühlen" besaß, daß er eine ganze 
Stunde lang heulend neben der leblosen Hülle 
des Doktors blieb. 
Wenn Dr. Nasv's Leben reich gewesen an 
beabsichtigter und iinfreiwilligcr Komik, so war 
sein letzter Willen ein passender Abschluß des 
Stückes. Das gerichtlich beglaubigte Testament 
lautete wie folgt: 
„lieber mein Berniögcn kann ich frei ver 
fügen wie ein Kurfürscht; denn meine Anver 
wandten sind alle reiche Leute nnd wollen Nichts 
von mir. Ich vermache Alles dem Ami, den 
Ami aber dem Kvnrad und für das Geld soll 
der Konrad ein ordentliches Handwerk lernen 
nnd den Ami in Ehren hallen, als wenn er ein 
Kurfürscht wär', und übrigens soll der Kvnrad das 
Blasen auf dem Waldhorn nicht liegen lassen. 
Denn ein Bißchen Musik gehört zn einem 
ordentlichen Kerl. Für meine Seele wird er 
schon von selbst beten. Der Rentiiicistcr soll zn 
meinem Begräbnis; nicht zugelassen werden. 
Amen. Dr. Balthasar Kroll."
        

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