Full text: Hessenland (1.1887)

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unsere Vorstellung von der Besiedelung und 
Vertheidigung des Kinziggebiets in der Römer- 
zeit zu bringen. Das aber wird auch der diesen 
llntersuchungen ferner stehende Leser erkennen, 
daß wir auf dein Wege zur Erforschung der 
Vorgeschichte des heimathlichen Bodens einen 
großen Schritt weiter gekommen sind, daß wir 
gleichsam einen Rahmen gewonnen haben, in 
welchen sich alle älteren und die noch zu er 
wartenden Einzelfunde einfügen, so daß jeder 
seinen Theil zur Herstellung eines genauen und 
treuen Gesammtbildes beiträgt. Möge das Glück, 
welches stets den planmäßig und fleißig Suchen 
den finden läßt, uns auch bei unseren ferneren 
Arbeiten begleiten, wie es uns diesmal so recht 
zeitig für die Lösung mancher bei den Aus 
grabungen uns aufstoßender Fragen nachträglich 
und unerwartet den Brückenpfeiler finden ließ 
&•*« 
Ans dem Leben Doktor Uojo's. 
kleinstädtisches Lebensbild von M. Herbert. 
(Schlich). 
f it dem Glauben, daß die Frau eine seiner ! den ungerathenen Burschen laufen: der wird 
Patientinnen sei, welche bei ihm vor ver- j schon noch einmal zu Kreuze kriechen. Schlugen 
schlossene Thür gekommen und ihn hier er- Sie ihn sieh aus dem Sinn. Im besten Zieste 
warte, trat der Doktor auf die Schwelle der Küche ! kriecht manchmal ein Kukuk aus." 
und rief: j Weitere Tröstungsversuche machte Dr. Naso 
Holla, Frau, was gibt's? Kopf in die Höhe! 
Wollen 'mal sehen, was sich thun läßt." 
Die Frau hob wirklich das verweinte Gesicht 
für einen Augenblick aus der Schürze, um es 
beim Anblick des Fremden sogleich wieder zu 
verbergen. Der Doktor aber, der an dergleichen 
„Gethue" gewöhnt war, trat näher und sagte 
barsch: „Nun komm' Sie endlich zur Raison! 
Will Sie wohl augenblicklich sagen, was Sie 
hat? 
Die Frau war ein altes, gebrechliches Mütterchen, 
offenbar eine schüchterne, an's Gehorchen gewöhnte 
Natur. Sie ließ die Schürze sinken und sagte, 
immer von Schluchzen unterbrochen: 
„He is jo min Sühn — min egener, üblicher 
Suh»; im he Hot geflucht und gedonnerwettert, 
daß ich in mitte Burskleder kommen bin, und 
ich Han doch min Sonntagswerke an, mine 
Abendmalskledunge. lln He es weggegangen 
nn hot gesät, ich full machen, daß ich yemen 
käme: in der Stadt wär' ich zu nix tut nutze. 
Wenn he mich sehn muss, wull he zu me kummen 
— aber he is in zehn lange Iohren nimmer zu 
me kummen, tut ich wull'n blos noch 'mol sehn, 
eh's zu Enge ging." 
„Bon wem redet Ihr denn, Frau?" 
„Von min Sühn, von min Sühn, dem Rent 
meister. He is gar vele stolz; aber ich bin 
doch die weite Reise um ett kommen, nn nu 
läßt he mich hier allene. So was kann Einem 
's Herze abdrücken — drum muß ich flennen." 
„Na, stille, Mütterchen", sagte Dr. Naso, 
sein Taschentuch mit der Abbildnng der Schlacht 
bei Sedan, auf gelbem Grund mit Vehemenz 
gebrauchend. „Stille, Mütterchen; lassen Sie 
nicht; er überließ die alte Bäuerin ihrem ein 
samen Herzweh und stieg dröhnenden Schrittes 
die knarrende Treppe hinan. 
Am folgenden Mittag bei Tisch, als eben der 
Rentmeister mit gewohnter Sorgfalt die Hand 
schuh von den Fingern streifte, erhob sich plötz 
lich die breite Stimme des Doktor's über alten 
Uebrigen. 
„Herr Rentmeister, wer war denn die alte 
Bauersfrau, die gestern in Ihrer Küche saß und 
weinte?" 
Der Rentmeister gerieth in die peinlichste Ver 
legenheit; er rückte auf seinem Stuhle hin und 
her, räusperte sich und sagte gar "Nichts. „Sie 
wissen wohl nicht mehr, Herr Rentmeister, wer 
die Frau war? Sie sind ihr aber wie aus 
dem Gesichte geschnitten." 
„Wird wohl bei der Haushälterin gewesen 
sein" — stammelte der Rentmeister duckmäuserig 
und feuerroth. 
Da sprang Dr. Naso mit einer wahren Ber 
serkerwuth von seinem Platze empor — und wir 
wollen nicht verschweigen, daß seine ganze Un 
feinheit und Häßlichkeit sich bei diesem Anfalle 
in's Zehnfache verstärkte — er sprang mit einer 
wahren Berserkerwuth empor und schrie: „Mit 
einem Kerl, wie Sie sind, Herr Rentmeister, 
speise ich nicht länger an einem Tisch, und wenn 
Sie gleich der Kurfürscht wären! Sie müssen 
'naus. 
„Doktor!" schrie es durcheinander, sind Sie 
toll geworden? Wollen Sie augenblicklich den 
Mund halten!" Der Doktor aber hätte sicher 
lich noch weiter geredet, wenn nicht der Hotelier 
zn ihm hingetreten wäre, sagend:
        

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