Full text: Hessenland (1.1887)

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nach der Vorschiebung der Reichsgrenzc bis 
Rückingen und der Anlage des wetterauischen 
Grenzwalls entstanden sein, als mit der alten 
Grenzlinie auch das Kastell Kesselstadt seine Be 
deutung verloren hatte. Da war auch für die bei 
Hanau-Kesfelstadt den Strom überschreitende Straße 
die Rücksicht ans das Kastell nicht mehr nöthig; 
man konnte sie von beiden Seiten bis zur Main 
spitze in der Hauptrichtung fortsetzen, wenn sich 
dort eine geeignete Uebergangsstelle fand, und 
man die Nothwendigkeit nicht scheute, außer dem 
Main auch die Kinzig nahe ihrer Mündung zu 
überschreiten. 
Daß aber die Römer in ihrer Neigung zu i 
möglichst geradliniger Anlage ihrer Heerstraßen j 
— und eine solche blieb ja auch nach Herstell- ! 
ung des Grenzwalls unsere ehemalige Grenz 
straße — solche Schwierigkeiten nicht scheuten, j 
dafür sollte uns ein glücklicher Zufall den Be- 
weis liefern, der zugleich unmittelbar nach Be 
endigung unserer Ausgrabungen die letzte große ! 
Lücke in unserer Kenntniß der Vcrtheidigungs- 
anlagen an der Kinzigmüudung ausfüllte. 
Am 2. November v. I. wurde mir von dem 
Kgl. Bauaufseher Blumentritt, welcher die Land- 
nngsstelle am Main, wo dicht an der Stadt der 
Mainkanal in den Strom mündet, durch einen 
Dampfbagger vertiefen ließ, gemeldet, daß inan 
bei dieser Arbeit auf eingerammte Pfähle ge 
stoßen sei. Die in meiner Gegenwart fortge 
setzten Arbeiten bestätigten die Angaben. Der 
Bagger durchschnitt die Reste eines Brücken 
pfeilers, welcher ganz analog den im vorigen 
Jahre bei Großkrotzenburg gefundencu Pfeilern 
einer römischen Brücke konstruirt war. Mächtige 
Eichenpfähle, die unten mit 50 Centimeter langen 
4 lappigen Eisenschuheu verstärkt waren, steckten 
noch über 2 Meter tief im Boden des Fluß 
bettes. Sie waren durch lange horizontalgelegte 
Eichenbalken verbunden, über deren Befestigung, 
da sie nur in Bruchstücken gehoben wurden, 
noch kein bestimmter Aufschluß gefunden werden 
konnte. Die Zwischenräume zwischen den Pfählen 
waren mit reinem Thon und Basaltsteinen aus 
gefüllt, eine Packung aus demselben Material 
nmgab auch den Kern des Pfeilers. Leider 
nöthigte zuerst der geringe Wasserstand und der 
eintretende Frost, die Arbeit für dieses Jahr 
auszugeben. Sie soll im Frühjahr wieder auf 
genommen werden. Doch gestatten die ge 
wonnenen Resultate schon jetzt sichere Schlüsse 
auf die Beschaffenheit nnd den Ursprung der 
Brücke zu ziehen. Eine Besichtiguug des Fluß 
bettes ließ weitere Pfcilerreste erkennen und da 
durch die Richtung der Brückeuaxe feststellen. , 
Die zu Tage geförderten Pfühle, Balken und 
Pfahlschuhe entsprechen den in Großkrotzenburg 
und auch bei der Mainzer Römerbrücke ge- 
l wonnenen gleichartigen Fundstücken. Das bis 
; in den Kern tiefschwarz gefärbte Eichenholz macht 
den Eindruck noch höheren Alters als das dort 
gefundene. Machte schon die Beschaffenheit der 
Reste und die Fundstätte — nie ist Hanau an 
dieser Stelle mit dem südlichen Mainüfer durch 
1 eine Brücke verbunden gewesen — den römischen 
Ursprung des Pfeilers wahrscheinlich, so wurde er 
durch die noch kurz vor Abbruch der Arbeiten 
durch den Bagger zu Tage geförderten römischen 
Gefäßstücke aus der bekannten Dorrn sigillata 
geradezu bewiesen. 
Nachgrabungen auf beiden Ufern führten auf 
der Hanauer Seile, wo durch die Kanal- und 
Hafenbauten seit dem sechszehnten Jahrhundert 
der Boden vielfach durchwühlt und aufgefüllt ist, 
zu keinem bestimmten Resultat, auf dem südlichen 
Ufer bestätigten sie die Annahme, daß der Zn- 
fuhrweg in der Verlängerung der links-maiui« 
schen Römerstraße, von dem im Jahre 1883 
entdeckten römischen Grübcrfelde ans an den 
1875 blosgelegten Fundamenten vorüber genarl 
auf die Mainspitze und das südliche Ende der 
Brücke führt. 
Die Lage der Brücke könnte auf den ersten 
Blick dafür zu sprechen scheinen, daß die nörd 
liche Zufuhrstraße durch das heutige Hanau 
führte, und daß die alte Sage begründet sei, 
wonach das Hanauer Schloß auf einem Römer 
kastell erbaut wäre. Die Thatsache aber, daß 
auf dem Boden von Hanau niemals ein Rest 
aus römischer Zeit gefunden ist, nnd daß das 
Terrain auf dem die Stadt entstanden ist, ehe 
dem ein von Kinzigarmen durchschnittenes Sumpf 
land war, welches die Römer, wie zahlreiche 
Funde beweisen, mit ihre» Wegen umgingen, der 
Umstand endlich, daß die von uns bei Kesselstadt 
nachgewiesene Straße in ihrer Verlängerung ge 
nau auf das Hanauer Ende der Brücke führt, 
lassen uns mit Sicherheit annehmen, daß die 
oben aufgestellte Ansicht die richtige ist, zumal 
da auch der früher von uns aufgefundene Ver 
bindungsweg vom Kastell Rückingen nach Kessel 
stadt, Hanau nördlich umgeht und in seiner west 
lichen Verlängerung zu unserer Hauptstraße 
führt. 
Es sind nur Andeutungen, die ich mit diesen 
Zeilen den Lesern des „Hessenland" über diese 
neuesten Funde auf nnd unter dem Boden eines 
Stücks hessischen Landes geben kannte. Viele- 
ist noch zu thun, um vollständige Klarheit in
	        

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