Full text: Hessenland (1.1887)

und Leben in diesen Gegenden Aufschluß zu 
finden. Manche vorbereitende Schritte waren 
auch in dieser Richtung bereits gethan. Straßen- 
vcrbindungen, Wasserleitungen, Niederlassungen 
und Begräbnißplätze waren in den letzten Jahren 
theils durch Zufall, theils in Folge gelegentlicher 
Nachforschungen aufgefunden. Um alle diese 
Einzelfnnde unter einander und mit der Grenz 
wehr in Zusammenhang zu bringen, war ein 
ebenso planmäßiges Vorgehen geboten, wie es 
an der Grenze selbst zu schönen Resultaten ge 
führt hatte. 
Schon vor drei Jahren hatte ich die Ver- 
nmthnng ausgesprochen, der inzwischen namhafte 
Vertreter der Alterthumswissenschaft beigetreten 
sind, daß vor Anlegung des wetterauischen Grenz 
walls, den ich als eins der jüngsten Glieder 
des Gesanimtwerkes ansehe, der Main bis Hanau 
die Grenze des Römerreichs gebildet habe, die 
von da an sich nördlich ziemlich geradlinig bis 
zu der alten und bedeutenden Stätte römischer 
Kultur auf dem Boden des heutigen Friedberg 
zog. Es ist hier nicht der Ort, die Gründe zu 
wiederholen, die mich zu dieser Ansicht gebracht 
hatten. Ihre Richtigkeit zu beweisen, war der 
Hauptzweck der Ausgrabungen und Nachforsch 
ungen, die ich im Herbste v. I. in Gemeinschaft 
mit meinem Freunde, Architekt von Rößler aus 
Nienburg, unternahm. Zur Bestreitung der 
Kosten stellte mir der Vorstand des Hanauer 
Bczirksvereins, von dessen Mitgliedern sich auch 
Herr Eduard Roesler eifrig an den Arbeiten be 
theiligte, einen Theil der Summe zur Verfüg 
ung, welche auch in diesem Jahre der Herr 
Kultusminister von Goßler dein Verein für 
Fortsetzung seiner Ausgrabungen bewilligt hatte. 
Die Resultate der Nachforschungen bestätigten 
nicht nur die erwähnte Vermuthung, sondern 
gaben auch alle Erwartung übertreffende Auf 
schlüsse über die Topographie der Umgebung 
Hanau's in der Römerzeit. 
In einer von der bekannten „Hochstraße" bei 
Kilianstetten auf eine Entfernung von 1 Meile bis 
zum „Salisberge", gegenüber dem Mainknie 
bei Hanau und der Kinzigmündung geradlinig 
verlaufenden alten Straße, von der nicht nur 
auf der ganzen Strecke noch deutliche Spuren in 
Feld- und Waldwegen, sowie in alten Grenz 
linien erhalten sind, sondern deren wohlerhaltener 
9 Meter breiter Körper von uns an verschie 
denen Stellen aufgedeckt werden konnte, fanden 
wir die gesuchte Grenzstraße, deren römischer 
Ursprung theils durch den Umstand, daß sie 
Fundstätten römischer Reste geradlinig verbindet, 
theils durch ihre Struktur und die bei ihrer 
Aufdeckung gefundenen Reste bewiesen wird. 
Dieselbe gabelt sich südlich von Wilhelmsbad so, 
daß der östliche Arm die Hauptrichtung nach dem 
Mainknie beibehält und auf dein Salisberge, 
östlich von Kesselstadt endigt, wo wir bereits vor 
mehreren Jahren sehr ansehnliche Reste römischer 
Villen aufdeckten, während der andere Zweig 
westlich von Kesselstadt auf Schloß Philippsruhe 
und die dort befindliche alte Muinfurt führt. 
Zwischen beiden Straßen fanden wir mitten im 
Dorfe Kesselstadt unter dem Boden eines Ge 
höftes ein wohlerhaltenes Stück der zwei Meter 
starken Fundamentmauer eines Kastells und da- 
init den erwünschten Beweis für die Richtigkeit 
der oben angedeuteten Annahme einer älteren 
Maingrenze. Auch Spuren der unter seinem 
Schutz entstandenen bürgerlichen Niederlassung 
und das dazu gehörige Gräberfeld wurden auf 
den Aeckern nördlich und westlich des Dorfes 
gefunden und damit die vor 50 Jahren zuerst 
aufgeworfene Frage, ob Kesselstadt römischen 
Ursprungs sei oder nicht, gelöst. 
Der westliche Straßenarm ist der ältere, wie 
auch die Furt bei Philippsruhe zweifellos zuerst 
von den Römern als Uebergangsstelle benutzt 
wurde. Dafür spricht auch der Umstand, daß 
die alte Straße, die am linken Mainufer von 
Seligenstadt bei Kleinkrotzenburg vorbei über 
Steinheim zum Mainknie führt, nördlich vom 
letztgenannten Orte nach der Furt abbiegt. Die 
Abweichungen von der Hauptrichtung auf beiden 
Ufern waren bedingt durch die Nothwendigkeit, 
die Straßen hinter dem Kastell zum Strome zu 
führen. Für das letztere aber konnte keine 
bessere Stelle gewählt werden, als die den Main- 
und Kinziglauf beherrschende Anhöhe zwischen 
beiden Flüssen. Daß die im Jahre 1875 auf 
gedeckten römischen Fundamente aus der alten 
Maininsel, gegenüber Kesselstadt von inilitärischen 
Anlagen herrührten, was schon damals Duncker 
vermuthete, gewinnt nunmehr größere Wahr 
scheinlichkeit. Nur darin irrte mein leider zu 
frühe, auch für die Limesforschung, geschiedener 
Freund, daß er jene Anlagen als eine mit 
dem Salisberge korrespondirende Uebergangs- 
befestigung ansah. Wie sehr würde er sich ge 
freut haben, wenn er die Widerlegung seiner 
Hypothese durch die Auffindung unserer, jene 
Salisberger und Steinheimer Funde, wie an Aus 
dehnung, so an Bedeutung so weit überragenden 
Kesselstädter Reste erlebt hätte! 
Die Villen auf dem Salisberge wie alle die 
zahlreichen Ansiedelungen, von welchen wir rings 
um Alt-Hanau, aber nicht auf dem Boden der 
Stadt selbst, Spuren gefunden haben, können erst
        

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