Full text: Hessenland (1.1887)

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studierende Jugend Deutschlands anzogen und 
dessen Wnndcrstadt Venedig damals ans dem 
Gipfel ihrer Macht und ihres Glanzes stand. 
Rom, Neapel und Venedig wurden besucht. In 
Bologna und Padua lies; sich der junge Graf 
unter die Zahl der Studierenden aufnehmen. Wir 
besitzen noch einen von ihm von Padua datirten 
Brief, worin er sich die Schlichtung von Streitig' 
leiten, welche in seiner Abwesenheit unter den 
Geistlichen der Hanauer Stadtkirche entstanden 
waren, für seine Rückkehr vorbehielt. Nach drei 
jähriger Abwesenheit kehrte er zum Manne gereift, 
mit einem reichen Schatz von Kenntnissen und 
Erfahrungen, die er auf seinen Reisen gesammelt 
hatte, über Genf nach Hause zurück. 
Erst zwanzigjährig trat er alsbald die bisher 
von einer Vormundschaft geführte Regierung an 
und vermählte sich noch in demselben Jahr, am 
22. Oktober 1596, mit Katharina Belgika, der 
Tochter des großen Oraniers Wilhelin 1. von 
Nassau, einer ihm an Geist und Thatkraft voll 
kommen ebenbürtigen Lebensgefährtin, der es 
nach dein frühen Tode ihres Mannes beschieden 
war, unter den furchtbaren Stürmen des dreißig 
jährigen Krieges das Schiff des kleinen Staats 
durch gefährliche Klippen hindurch zu lenken. 
Das erste Werk des jungen Regenten war 
die Einführung der rcformirten Lehre in den 
ihm untergebenen Landen durch die Berufung 
der Superintendenten Jodokus Raum von Siegen. 
Mögen wir über diesen Schritt urtheilen, wie 
wir wollen, mögen wir die zweite Reformation 
Hanaus für berechtigt oder unberechtigt ansehen, 
je nachdem wir die erste Einführung der evangelischen 
Lehre in den Hanauer Landen als eine mehr 
reformirte oder lutherische bezeichnen, so können 
und müssen wir doch das zur Rechtfertigung 
Philipp Ludwigs sagen, daß er cs seinem Gewissen 
gegenüber wie Landgraf Moriz von Hessen für 
seine Pflicht hielt, die Lehre, der er selbst an 
gehörte und die er für die richtige hielt, auch in 
seinem Lande einzuführen. 
Philipp Ludwig wollte, wie er erklärte, die 
Kirche der Grafschaft „von den Ucberbleibseln 
des Papstthums" reinigen. Deßhalb ließ er 
aus allen Kirchen die noch vorhandenen Bilder, 
Kruzifixe und Altäre entfernen und letztere durch 
mit einem schwarzen Tuch behangene Tische er 
setzen. Am Mittwoch vor Psalmsonntag 1596 
wurde in Hochstadt der Anfang damit gemacht. 
Mit den Pfarrern wurde in aller Sanftmuth 
verhandelt. Die Folge davon war die, daß nur 
Wenige sich der Einführung der rcformirten Ge- i 
bräuche widersetzten. Unter diesen waren der 
Pfarrer Piftorius von Marköbel und der Pfarrer 
Korvinus von Windccken. Philipp verhandelte 
mit ihnen persönlich auf der Kanzlei ant 27. Januar 
1596 und zwar so, daß sie sich bedankten, daß 
sie so gnädig behandelt und mit ihnen in diesen 
Sachen so freundlich und bescheidentlich ver 
fahren worden sei. Pistorins ging nach Augs 
burg, Korvinus wandte sich nach Frankfurt a. M. 
wo er eine Pfarrstelle fand. 
Jedoch ging es bei dem Volke nicht ganz ohne 
Widerstand ab. I» Windecken gab es gelegent 
lich der Abschiedspredigt des Korvinus Unruhen. 
In Kesselstadt und Eschersheim wurden die zur 
rcformirten Lehre übergetretenen Pfarrer insultirt. 
Es läßt sich denken, daß viele Gemeindeglieder 
sich durch die Entfernung der Bilder, durch die 
Abschaffung der Hostien u. s. w. in ihren religiösen 
j Gefühlen verletzt fühlten, zumal die auf den 
Kanzeln damals übliche Polemik gegen Anders' 
gläubige sich nicht der feinsten Ausdrücke be 
diente. Und so kamen den auch von reformirter 
Seite Rohheiten vor, für die wir natürlich Philipp 
Ludwig nicht verantwortlich machen können. Zu 
einem Schullehrer, der in einem Bäckerhaus in 
der Metzgergasse in die Kost ging, sagten seine 
Tischgenossen, als er einmal zu spät kam mit 
Bezug auf die bisher üblichen Hostien: Wenn 
Du eher gekommen wärst, so hättest Dn einen 
gebackenen Herrgott essen können. Und der Rektor 
der Schlüchterner Klostcrschule schob rille von den 
ans der Kirche entfernten hölzernen Apostelfiguren 
mit den Worten in den Ofen: Komm her Jüdchen, 
wärm dich! 
Doch gehn wir von diesem unerquicklichen 
Thema zu einem zweiten Stück der Thätigkeit 
unseres Philipp Ludwig über, nämlich zur 
Gründung der Neustadt Hanau. 
Ilm ihres Glaubens willen aus dem Vaterlande 
vertriebene Wallonen und Niederländer hatten 
im Jahre 1555 nach längerem Umherirren endlich 
in Frankfurt ein Asyl gefunden. Sie waren 
vom Rath bereitwillig aufgenommen worden und 
durften auch in der ihnen zu diesem Zweck ein 
geräumten Weißfrauenkirche ihren Gottesdienst 
abhalten, bis die lutherische Geistlichkeit merkte, 
daß die Fremdlinge nicht in allen Stücken mit 
ihrem Glauben übereinstiinmten und bis die 
Bürgerschaft gewahr wurde, daß die mit Geld 
und kaufmännischer Intelligenz wohl ausgerüsteten 
Einwanderer den erbgesessenen Altbürgern in jeder 
Art von Geschäften eine empfindliche Konkurrenz 
machten. In einer zur Vertheidigung des Senats 
gegen den Vorwurf der religiösen Unduldsamkeit 
abgefaßten Schrift aus dein vorigen Jahrhundert 
wird ausdrücklich gesagt: „Wem ist nicht unbe 
kannt, daß die bestgelegenen Häuser, Läden und
        

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