Full text: Hessenland (1.1887)

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Dr. Naso trug leicht an der allgemeinen Per- ' 
achtung. „Wenn die Herren nicht mit mir 
sprechen wollen, so sind mir die Männer gut 
genug", pflegte er zn sagen »nd besuchte ein 
Gasthaus niederen Ranges, wo seine Witze viel- ! 
leicht noch mehr gewürdigt wurden. 
Der Grund des plötzlichen Umschlages war 
folgender: 
Das just eine Treppe tiefer der Wohnung des 
Doktors gegenüber befindliche Logis bewohnte , 
der Rentmeister des Ortes, der ebenfalls ein Jung 
geselle in den höheren Semestern war, außerdem aber ! 
in jeder Beziehung das gerade Gegentheil des 
Doktors. Huldigte letzterer entschieden plebejischen 
Neigungen, so war der Rentmeister eine durch 
aus aristokratisch angelegte Natur. Man hatte 
ihn nie in Gesellschaft eines unter ihm Stehen- ! 
den.gesehen, sein Rock war musterhaft zugeknöpft, 
sein weißes Faltenhemd — der Doktor trug j 
eins von grauem Hausmacher-Leinen mit einem s 
riesigen Porzellanknopf als Schluß — war von 
blendendem Weiß und was vor allem den Mann kenn 
zeichnete : er giug stets im Cylinderhut, wobei 
eben Glacs's unerläßlich sind. Seine Zimmer 
wurden von einer Haushälterin in peinlicher 
Sauberkeit erhalten, seine Gewohnheiten waren 
von der pünktlichsten Regelmäßigkeit, in seiner 
Art und Weise zu reden, lag etwas Geziertes, 
Pedantisches. 
Mit dem' Doktor hatte er trotzdem stets auf 
gutem Fuße gestanden. Er war überhaupt einer 
jener Menschen, die mit allen hinkommen, weil 
sie nie eine eigene Meinung vertreten und in 
der Unterhaltung selten über das: „Wie stehts? 
und „Wie gehts" hinauskommen. Eine gewisse 
innere Feigheit hält solche Menschen ab ihr > 
wirkliches „Jch",^von dem sich übrigens so viel j 
als möglich verflüchtigt zu habe» pflegt, darzu- ' 
legen. Deshalb war der Rentmeister bei denen, 
welche in der kleinen Stadt als erste Sterne 
glänzten, natürlich beliebt. Der Landrath enga- 
girte ihn gern zu einer Partie Schach, weil er 
dann stets die Genugthung hatte, zu gewinnen, 
und der KreiS-richter, welcher den Widerspruch 
haßte, politisirte mit Vorliebe mit ihm, weil er 
sicher war, beidem Rentmeister auf keinen Gegner 
zu stoßen; er war eben einer jener ausgezeichnet 
höflichen Menschen, die es besonders Höher 
stehenden gegenüber für unfein finden, eine eigene ! 
Ansicht der Dinge zu haben oder doch festzuhalten. 
Der Rentmeister verkehrte in den besten Familien, 
er fehlte in keinem Abendzirkel. Wenn auch ! 
seine Unterhaltung nicht gerade glänzend war, 
so dienten doch sein tadelloser Frack, seine weiße 
Atlasbinde und seine fortwährenden verbindlichen 
Verbeugungen jedem Feste als willkommene 
Staffage. 
Einige nicht mehr in erster Jugendblüthe 
stehenden Jungfrauen hatten ihr Herz an ihn 
verloren und würden die Hc.nd gern mit in den 
Kauf gegeben haben, — allein der Rentmeister, 
obwohl seinem Benehmen nach kein Damenfeind, 
besaß eine merkwürdige Gewandtheit darin, den 
Kopf im geeigneten Augenblicke wieder aus den 
Schlingen zu zu ziehen, welche man durch häu 
fige Einladungen zu Gänsebraten und zu den 
höchsten Familienfesten der kleinen Stadt, welche 
man mit dem sinnigen Namen „Wurstesuppen" 
bezeichnet, ihm zu legen pflegte. Wußte er doch 
wohl, daß die Sorge Frau und Kinder zu er 
nähren, ihm nicht mehr erlauben würde, ganz 
nach seinem „Gusto", wie Dr. Naso sagte zu 
leben. Das erwähnte geschickte Manövriren 
hatte übrigens dem Rentmeister bei der jüngeren 
Generation des Städtchens den Namen „Familien- 
täuschcr" eingetragen. 
Ueber einen Punkt war der Rentmeister be 
sonders schweigsam: er berührte niemals seine 
Familienverhältnisse. Man wußte, daß seine 
Wiege in irgend einem Dorfe des hessischen 
Vaterlandes gestanden; alleill Vater, Mutter, 
Brüder, Schwestern schien er auf der Welt nicht 
mehr zu haben, — auch keine Tanten und Cou 
sinen, was jedenfalls noch auffälliger n>ar. 
Die Kleinstädter hatten eigentlich über diese 
Verschlossenheit des Rentmeisters noch nie nach 
gedacht. Er war eben da, uud schon io lange 
dagewesen, daß man vergaß, daß er auch ein 
mal geboren worden war und einer Mutter als 
kleiner Bube in den Armen gelegen hatte — man 
nahin ihn als ein Fertiges, immer Bestanden 
habendes. Man sah ihn alle Tage und er be 
zahlte seinen Schuster, seinen Schneider. Sein 
Schritt und sein Leben blieben stets in demselben 
Tempo. Die Phantasiereichsten hätten hinter seiner 
Physiognomie keine „Vergangenheit" ocsucht. 
Eines Abends stieg der Doktor, welcher eben 
von seiner Landpraxis heimgekehrt war, die Treppe 
hinaus, um dem alten Flickfräulein in der Man 
sarde, das plötzlich erkrankt war, noch einen Be 
such abzustatten. Die Küchenthüre des Rent 
meisters war halb geöffnet und beim Scheine des 
Herdfeuers sah er eine alte Bäuerin sitzen, welche 
den Kopf in ihrer Schürze verborgen hielt und leise 
schluchzte. (Schluß folgt.)
        

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