Full text: Hessenland (1.1887)

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schönerungskomlnission drangen nicht bis in jene 
Regionen, sonst würde sie gegen die „permanente 
Trockenanstalt", welche der Doktor ans einer 
Leine vor dem Fensterbrett eingerichtet hatte, 
wohl Widerspruch erhoben haben. Dort baumelte 
für gewöhnlich des Doktors Schwamm, sein 
Nachtkamisol, ein Handtuch und noch verschiedene 
andere, der Beschreibung sich entziehende Be 
kleidungsstücke. Die Ausstellung gab dem gegen 
über wohnenden alten Flickfräulein Grund, das 
Rouleau des nach dieser Seite gelegenen Fensters 
niemals aufzuziehen, durch welche schweigende 
aber markirte Kritik der Doktor sich nicht im 
Mindesten gekränkt fühlte. 
Dringen wir nun endlich in das Innere vor. 
In dem Hause befindet sich eine Bäckerei. Der 
Backofen stößt an die Hausflur. Das Geschäft 
geht gut, demgemäß wird viel gefeuert, — wo 
kein Feuer ist, ist kein Rauch, demnach viel 
Rauch. Der Rauch aber ist in langen Jahren 
errscher gewesen in den alten, lehmbeworfenen 
äugen; er hat das Recht gehabt, in Ecken und 
Fugen zu dringen, zu bräunen und zu schwärzen 
nach Herzenslust. Er ist von den offenen Feuer 
stellen im zweiten und dritten Stock zuweilen 
lustig und unverzagt, wie von Abels Opfer, durch 
den Rauchfang zum Himmel aufgestiegen; öfters 
jedoch noch wurde er durch feuchten Niederschlag 
und konträren Wind herabgcdrückt, an den 
Wänden emporgeblasen, durch Riefen, Ritze und 
Schlüssellöcher in die Gemächer getrieben. So 
bekleidete er die gelben Wände mit einer glän 
zenden, rußigen Tapete von vornehmem Schwarz 
und kletterte hinauf die enge Stiege in Dr. 
Naso's bescheidenes Heim, um dort die deutsche 
Bruderhand zu bieten den kurzen blauen Wolken 
aus Dr. Naso's mmotivirter Weise mit einer 
schönen Türkin geziertem Pfeifenkopf. Jene 
blauen Wolken thaten auch durchaus nicht vor 
nehm ; aufdringlich gestanden sie so dem Geruchs 
nerv ein, daß sie ihre Abkunft echtem, rechtem 
„hessischen Knaster" verdankten. Denn dem 
Doktor war nichts so verhaßt, als ausländischer 
Kram und eingeschleppte Waäre, aus Patriotis 
mus schon rauchte er weder Cuba noch Portorico. 
„Wenn man Junggeselle ist, will man auch 
etwas davon haben!" hatte Dr. Naso oft ge 
sagt, und im triumphirenden Gefühle seiner Un 
abhängigkeit ließ er nie eine weibliche Hand in 
das heilige Chaos seiner Wohnung dringen. 
„Durch das Weib kam das Elend in die Welt", 
pflegte er fortzusetzen, während sein Blick ver 
gnüglich umherschweifte. Er hatte eine dumpfe 
Ahnung, daß Weibe rhünde im Stande sein 
könnten, das urgemüthliche und „handliche 
Kanapee", welches zwar durchlöchert und auf 
der einen Seite durchgesessen, mit abgedankten 
Strümpfen, einem alten Sack und etwas Maku 
latur wieder aufgepolstert war, einer Renovirung 
zu unterziehen. Deshalb hielt er sich einen 
„Bedienten", der seine Stiefeln wichsen, 
seine Pfeife ausklopfen und seine Lagerstätte 
(hier erlaubte sich der Doktor einen Luxus) 
welche mit Rehhäuten bespannt war, in Ord 
nung zu halten hatte. 
Der Bediente war, beiläufig gesagt, ein kleiner 
pfiffig aussehender Bursche von sechszehn Jahren, 
welcher sich Nichts daraus machte, die bis zur 
höchsten Formlosigkeit abgenutzten Kleider seines 
Herrn noch mehr abzutragen. Von einem Ver 
ändern derselben bei diesem Uebergang vom 
Herrn auf den Diener war natürlich keine Rede. 
Daß nun bei der Verschiedenheit der Figuren 
komische Konsequenzen entstanden, kann sich der 
gütige Leser schon denken. 
Dr. Naso hatte zu Konrad — so hieß der 
Bursche, — eine Art väterlicher Zuneigung gefaßt. 
Zum Troste derjenigen, welchen es Kummer 
macht, irgend einer Menschennatur die schönen 
Gefühle ganz absprechen zu müssen, wollen wir 
der Wahrheit gemäß berichten, daß es die Er 
holung des Doktors war, dem kleinen Konrad 
noch spät Abends Unterricht im Blasen des Wald 
horns zu ertheilen. Ja wohl, Dr. Naso blies 
das Waldhorn; er blies es mit der Beharrlich 
keit des Amateurs allabendlich, stets dieselben 
Jägerstücklein, dasselbe tra—tra, tra—tra, das 
selbe Halli—hallo. Der kleine Konrad blies 
beinahe schon ebenso, nur nicht so sicher, so 
mächtig und mit so gewaltiger Lunge. 
Wir sehen, daß Dr. Naso trotz seiner mannig 
fachen „unberechtigten Eigenthümlichkeiten" im 
Ganzen für eine harmlose Natur gelten konnte. 
Seine gutmüthige Jovialität, seine breiten, nie 
mals eine Kreatur verletzenden Witze hatten ihn 
früher sogar zu einer beliebten Persönlichkeit in 
der guten Gesellschaft des Städtchens gemacht. 
An der Wirthstafel des ersten Hotels, wo er 
seit undenklichen Zeiten Stammgast gewesen, 
fühlte man sich nicht behaglich, wenn er fehlte, 
und obgleich über seinen enorm entwickelten 
Appetit, seine höchst unsalonfähigen Manieren, 
manche Spötterei fiel, so sah man ihn doch gern. 
Urplötzlich aber hatte das Blatt sich gewendet. 
Dr. Naso war zu einem von der Gesellschaft 
Geächteten geworden. Der Wirth hatte sich ge 
zwungen gesehen, ihm zu kündigen, weil keiner 
der Herrn mehr in seiner Gesellschaft speisen 
mochte. Kanin, daß ihn dieser tmd jener noch 
auf der Straße grüßte.
	        

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