Full text: Hessenland (1.1887)

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Goeckingk herausgegebenen Musenalmanach, in dem 
Göttinger Musenalmanach und vielen anderen Zeit 
schriften und Taschenbüchern. In den beiden erstge 
nannten Almanachen bediente sie sich nach Redlich's Ver- • 
such eines Chiffernlexikons der Pseudonyme „Tuliane - 
S.", „Karoline" und „Rosalia". 
Zeigt Philippine Engelhard in ihren Gedichten auch 
weniger einen hohen Schwung der Phantasie und j 
feurige Empfindung, so sprechen dieselben doch durch 
das kindliche Gefühl, welches in ihnen zum Ausdrucke ! 
gelangt, ungemein an. Es ist die Sprache unge- , 
gezwungener Offenheit und yeiterer Laune, welche i 
uns hier eutgegentritt. Sie selbst machte in ihrer j 
Bescheidenheit nicht einmal Anspruch auf Kunst, sie 
wollte durch einfache, zwanglose Natur rühren, wie ' 
sie es bildlich in den bereits in Nr. 1 unserer Zeit 
schrift mitgetheilten Gedichte „Wie ich zur Dichtkunst * 
kam" mit den Worten ausdrückt: » 
Durch dichten geschnitzten Taxus bricht 
Nie weder Sonnen-, noch Mondenlicht: 
Da durch den Baum, der kunstlos blüht 
Die sinkende Sonne malerisch glüht 
Und silbern der Mond durch die Zweige blinkt, 
Wenn Abends die Flur vom Thaue trinkt. 
Daß Philippine Engelhard eine hessische, eine deutsche 
Patriotin war, wie sie denn auch niemals, selbst während 
der französischen Usurpation unter König Jerome, 
nicht, wie dies soviel andere thaten, ihre deutsche Ge 
sinnung verleugnete, das geht auch aus dem Gedichte 
„An Kurfürst Wilhelm zu Hessen, am Tage der 
angenommenen Kurwürde, am 15. Mai 1803", und 
aus der Schrift „Ueber den Einzug in Paris und 
Napoleons Flucht und Entthronung, zum Besten der 
Angehörigen armer hessischer Soldaten, hervor. — 
Nach dem am 27. Januar 1819 erfolgten Tode , 
ihres Gatten, suchte und fand sie, wie bereits er- i 
wähnt, Trost in der Dichtkunst. Manches schöne . 
Gedicht entfloß in jener Zeit noch ihrer Feder, von 
ganz besonderer Bedeutung ist aber ihre Uebersetzung 
der „Chansons de Berangev“, die 1830 hier in 
Kassel bei P. I. Bohne erschienen ist. Es war dies . 
eine der ersten deutschen Uebersetznngen des gefeiertsten 
Bolksdichters Frankreichs, dessen Lieder im Munde der 
Hohen wie der Niederen seiner Nation lebten, die 
gesungen wurden in Palästen wie in Hütten. Goethe*) 
sagte von ihm: „Er ist der Sohn armer Eltern, der 
Abkömmling eines armen Schneiders, dann armer 
Buchdruckerlehrling, dann mit kleinem Gehalt angestellt 
in irgend einem Büreau, er hat nie eine gelehrte * 
Schule, nie eine Universität besucht, und doch sind 
seine Lieder so voll reifer Bildung, so voll Grazie, 
so voll Geist und feinster Ironie und von einer solchen * 
Kunstvollendung und meisterhaften Behandlung der 
Sprache, daß er nicht blos die Bewunderung von ! 
Frankreich, sondern des ganzen gebildeten Europa ist!" 
Und bei einer anderen Gelegenheit äußerte sich Goethe 
nach Eckermann über den größten der Chansonniers . 
Frankreichs: „Beranger ist eine durchaus glücklich 
begabte Natur, fest in sich selber begründet, rein aus 
*) S. Gespräche mit Goethe in den letzten Iabren seines Lebens. 
Bon I. P. Eckermann. i 
sich selber entwickelt und durchaus mit sich selber in 
Harmonie. Er hat nie gefragt: Was ist au der Zeit? 
was wirkt? was gefällt? und was machen die anderen? 
damit er es ihnen nachmache. Er hat immer nur 
aus dem Kern seiner eigenenen Persönlichkeit heraus 
gewirkt, ohne sich zu bekümmern, was das Publikum, 
oder was diese oder jene Partei erwarte." In 
diesem Sinne mag denn wohl auch eine geistige Wahl 
verwandtschaft zwischen Philippine Engelhard und 
Beranger bestehen und es ist erklärlich, daß unsere Dichterin 
sich von den Liedern Wranger's ganz besonders angezogen 
fühlte. Sie selbst schreibt in dem Vorwort zu ihrer 
Uebersetzung: Einzelne Lieder von Beranger erschienen 
kürzlich in Zeitschriften, frei übersetzt. Auch eines 
von Müllner und ein Vers aus den „Zigeunern." 
Er spöttelte selbst über die Fehler derselben und er 
klärte: dies Lied sei zu schwer, es zu übersetzen. 
Dies lockte mich, es zu wagen, und so kam ich auf 
den Einfall, mehrere zu übersetzen. Aber wie einem 
schönen talentvollen Knaben, den ein feiner Zirkel kennen 
lernen will, den sein Muthwille aber eben in Pfützen und 
Dornbüschen herumtrieb, die Mutier erst Haare und Kleid 
ordnen, Hände und Gesicht säubern muß, und wie sie die 
schmutzigen Spielzeuge und die Armbrust mit dem unheil 
bringenden spitzigen Bolzen ihm entreißt — und ihn dann 
einführt, und er alles entzückt durch seinen Geist und Witz 
(ein wenig Schelmerei muß ihm bleiben, sonst wäre 
er nicht er selbst), so mußte ich alte Dichterin mit 
Herrn von Beranger verfahren. Und so erlaubten 
Änstand und Rücksicht, ihn der gesitteten deutschen 
Lesewelt darzustellen." Und Philippine Engelhard 
hat Wort gehalten. Verfängliche Lieder wie Na 
grau dauere, la Baccliante n. s. w. haben keine Auf 
nahme in ihrer Sammlung gefunden. Ueber die 
Uebersetzung selbst sagt sie in der Vorrede: „Man 
wird finden, daß wo es nur möglich war, alles fast 
wörtlich und doch leicht übersetzt ist." Auch das ist 
zutreffend, wie sich die Leser leicht aus dem Gedichte 
„Ma voeation“, welches wir nachstehend im französischen 
Texte und in der Uebersetzung der Philippine Engel 
hard folgen lassen, überzeugen kann: 
lila voeation. 
j'etais stur cette boule 
Laid, ehetif et souffrant; 
Etouffe dans ]a foule, 
Faute d’§tre assez grand; 
Une plainte touchante 
De ma boucbe sortit: 
Le bon Dieu me dit: Cliante, 
Chante, pauvre petit! 
Le cliar de Topulenee 
M^clabousse en passant; 
J’6prouve l’insolence 
Du riebe et du puissant; 
De leur morguc tranehante 
Rien ne nous garantit. 
Le bon Dieu me dit: Chante 
Chante, pauvre petit! 
D’une vie incertaine 
Ayant eu de l’effroi 
Je rampe sous la chaine 
Du plus modique emploi
        

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