Full text: Hessenland (1.1887)

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betroffen hatte, einen ausführlichen Bericht, in 
welchem es am Schluffe heißt: 
„Die Stadt war bei dem großen Feuer um- 
„fomehr in größter Gefahr und Aengsten, indem 
„der dazumal wehende gar starke Wind die 
„Funken über die ganze Stadt trieb und aus 
streute. Gott der Allmächtige hat aber das 
„Unglück abgewendet und die Stadt behütet, daß 
„es darin! cn nicht gebrannt ; es ist aber in der 
„Stadt und auf den Dörfern vieles geplündert 
„und hinweggenommen worden, daß also der 
„Schade allermaßen groß. Das Fener unter 
„den Rui ien glimmt noch stets und dürfte so- 
„bald noch nicht völlig gelöscht werden können. 
Im Jahre 1830 ließ der damalige Landbau- 
mcister zu Hersfeld, Leonhard Müller das 
Innere der Kirche — welche als städtisches 
Holzmagazin benutzt wurde, aber auf seine Ver 
anlassung geräumt werden mußte — herrichten 
und den 2 bis 3 Fuß hohen Schutt fortschaffen. 
Bei dieser Gelegenheit fand man stellenweis 
fußhoch verkohltes Korn, von dem noch jetzt hie , 
und da Ueberreste sich zeigen. 
Nach der Aufräumung kamen die Grabsteine 
mehrerer berühmter Männer zum Vorschein, 
welche in Hersfeld gestorben und in der Stifts- ! 
kirche begraben sind, darunter auch der Denk- I 
stein des im Jahre 1606 gestorbenen Abtes Jo- * 
achim Roll, des letzten einer langen Reihe von 
Aebten, welche über 800 Jahre dem Stifte i 
vorgestanden hatten. Als man die Ruine der ! 
Stiftskirche noch als städtisches Holzmagazin be- ! 
nutzte, wurde auf dem schönen und großen Grab- i 
steine des Gelehrten Friedrich Risner, gebürtig 
aus Hersfeld, gestorben daselbst 1580, Holz ge 
spalten. Risner lebte größteutheils in Paris 
als Professor der Mathematik und Gehilfe des i 
berühmten Petrus Ramus. Als letzterer 1572 ! 
ein Opfer der Pariser Bluthochzeit geworden 
war, zog sich Risner in seine Vaterstadt Hers 
feld zurück und als er daselbst starb, widmete . 
ihm der Abt Ludwig jenen Denkstein. Im 
Mittelsckiff befindet sich das Grabmal des Dr. Mel, j 
geboren zu Gudensberg 1666, gestorben zu Hers- > 
feld 1733. Dieser erhielt seine erste Bildung 
auf dem Gymnasium zu Hersfeld und wurde 
später Rektor desselben, zugleich geistlicher In 
spektor der Kirchen und Schulen des Fürsten 
thums Hersfeld. 
Er war ein hochgebildeter Mann, ein tiefer 
Kenner der alten Sprachen. Unter seinen hinter 
lassenen Schriften verdienen sein Gebetbuch und 
„die Posaunen der Ewigkeit" besonders erwähnt 
zu werden." 
Bei dem Brande waren die Gewölbe der 
Krypta durch den Einsturz des Dachwerks durch 
geschlagen und die Krypta selbst ganz verschüttet 
worden. Man reinigte dieselbe bei Aufräumung 
der Kirche gleichfalls vorn Schutt, fand aber 
nirgends eine Spur von einem Grabe oder Ge 
denkstein. 
Schon im Jahre 1828 war mit geringen 
Mitteln die Rundung des Chores, welche sehr 
schadhaft geworden war, so ausgebessert worden, 
daß ihr drohender Einsturz verhütet wurde. 
Dagegen waren damals weitere Mittel zur Aus 
besserung der übrigen schadhaften Theile nicht 
zu beschaffen. Späterhin veranlaßte der ge 
nannte Landbaumeister Leonhard Müller die da 
malige Kurfürstin Auguste, Schwester des Königs 
Friedrich Wilhelm III. von Preußen, auf einer 
Durchreise durch Hersfeld, die aufgeräumte 
Stiftskirche in Augenschein zu nehmen. Dieselbe 
wurde von dem Anblick der großartigen Ruine 
so ergriffen, daß sie deren Erhaltung lebhaft 
wünschte, und da sie erfuhr, daß Geldmittel 
nicht zur Verfügung stünden, so ließ sie kurz 
nachher aus ihrer Schatull-Kasse zu diesem Be 
hufe 600 Thaler anweisen. Diese Summe 
wurde so verwendet, daß die Erhaltung des 
Mauerwerkes auf längere Zeit gesichert er 
scheinen konnte. Und so bleibt unter den zahl 
reichen Ruinen, welche französische Zerstörungs 
wuth im westlichen Deutschland hinterlassen hat, 
neben dem Heidelberger Schloß die Stiftskirche 
zu Hersfeld eine der denkwürdigsten. 
Prof. vr. Adolf Müller. 
Mi-piae Engelhard, ged. Gatterer. 
(Schluß). 
Die erste Sammlung von Gedichten, welche Philippine 
Engelhard noch vor ihrer Berheiralhung mit dem 
Kriegsseeretär Johann Philipp Engelhard unter ihrem 
Mädchennamen Philippine Gatterer herausgegeben 
hat, erschien mit 4 Kupferstichen von Chodowiecki ge 
schmückt, 1778 in Göttingen, die zweite Sammlung 
unter dem Titel „Gedichte von Philippine Engelhard, 
geb. Gatterer", gleichfalls mit 4 Kupferstichen geziert, 
1782 zu Güttingen. Im Jahre 1787 gab sie „Neujahrs 
geschenk für liebe Kinder", ein Erziehungsbuch für 
Kinder, wie sie diese Gedichte selbst nannte und zuerst 
für ihre eigenen Kinder bestimmte, 1789 „Neujahrs 
wünsche" heraus. Die dritte Sammlung ihrer Ge 
dichte erschien 1821 zu Nürnberg unter dem Titel 
„Neue Gedichte", mit dem Bildniß der Verfasserin 
und einem Kupferstiche versehen. Eine große Anzahl 
von Gedichten veröffentlichte sie in dem von Voß und
        

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