Full text: Hessenland (1.1887)

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in Hessen lagernde französische Armee, in wel 
chem 80,000 Säcke Mehl, 50,000 Säcke Korn 
und Hafer, eine Million Rationen Heu, und 
eine große Masse Stroh aufgehäuft waren. 
Mit Ausnahme des Heues und des Strohes, 
welches in den Stiftsgärten im Freien aufge 
schichtet war, lagerten die übrigen Vorräthe in 
der geräumigen Stiftskirche — jener großartigen 
und schönen Pfeiler-Basilika, die aus der Blüthe 
zeit des romanischen Banstils herstammt. Die 
selbe ist 358 Fuß lang und im Querschiff 196 
breit; unter dem lang gestreckten, runden Chor , 
befindet sich eine Säulen-Krypta, in welcher vor- ; 
mals die Gebeine dreier Heiligen, des Wigbert, i 
Witta und Lullus, ruhten. Der vordere Theil , 
der Kirche hatte drei Schiffe, wovon die beiden 
Seitenschiffe niedriger als das Mittelschiff waren. 
Die beiden Kreuzesarme und das Chor hatten j 
gleiche Höhe mit dem Mittelschiff. Die Kirche ! 
nebst Chor war nicht gewölbt, sondern hatte ! 
flache Holzdecken. In der Mitte der Kreuzarme 
erhob sich über dem Dache ein sechseckiger hoher 
Thurm mit Kuppel, und auf der Giebelspitze 
des hohen Chors im Osten war eine mächtige 
von Kupfer gefertigte und vergoldete Hand an 
gebracht, welche die Finger zum Schwur empor 
streckte, als Zeichen des kaiserlichen Schutzes, den ; 
einst Karl der Große dem Stifte Hersfeld zu 
gesichert hatte. Nach Westen befand sich eine ! 
gewölbte großartige Vorhalle, über dieser eine 1 
große Halbrotunde in welcher eine der größten 
und schönsten Orgeln stand, bei deren Spiel ein 
über ihr angebrachter großer silberner Stern — 
ein Geschenk der Gemahlin Kaiser Heinrich IV. 
— sich bewegte. Neben dieser Vorhalle standen 1 
zwei Thürme, von denen der eine noch erhalten 
ist. Im Inneren der Kirche sah man zahlreiche } 
prachtvolle Monumente, und die Wände waren ; 
mit schönen Fresko-Gemälden geschmückt, deren ! 
Spuren noch sichtbar sind. Und dieser schöne, 
durch sein Alter ehrwürdige Dom sollte in 
Staub und Asche sinken, wie das Folgende er 
geben wird. ! 
Die in und bei Kassel lagernden Franzosen ! 
zogen sich nach dem Verlust von Fritzlar, nach- ! 
dem sie in Kassel eine starke Besatzung zurück- I 
gelassen hatten, auf Hersfeld zurück, verschanzten j 
in aller Eile die Höhen um die Stadt und ! 
trafen alle erforderlichen Anstalten, um das er- , 
wähnte Nagazin nicht in die Hände der Ver- * 
bündeten fallen zu lassen. Schon am 19. Febr. . 
langte der Herzog von Braunschweig, von Fritz- j 
lar kommend, in Schwarzenborn an, und seine ! 
Vorposten gelangten ungehindert bis Oberngeis, 
zwei Stunden von Hersfeld, während preußische , 
Husaren unter General Luckner bereits bis 
Vacha, sechs Stunden von Hetsfeld, vorgerückt 
waren. Es drohte also den Franzosen inHers- 
fcld ein Angriff, sowohl von Osten als von 
Westen, und der Rückzug auf Fulda wäre ihnen 
leicht möglich ganz abgeschnitten worden. An 
fangs gedachten sie zur Vertheidigung ihres 
Magazins das Aeußerste zu wagen, selbst auf 
die Gefahr hin, daß die Stadt Hersfeld dabei 
iu Brand geschossen werde. 
Auf dringendes Bitten des Magistrnts von 
Hersfeld wurde dieser unheilvolle Plan endlich 
aufgegeben, aber die Vernichtung de- Magazins 
durch Brandlegung beschlossen. Hier half kein 
weiteres Bitten und Flehen: Am 19. Februar 
1761 wurde die Brandfackel in die herrliche 
Stiftskirche geschleudert und die massenhaften 
im Freien lagernden Stroh- und Heuvorräthe 
angezündet. Im Nu stand in dem alt-ehrwür 
digen Stifte alles in lichten Flnmmen. Riesige 
Fcuersäulen stiegen hoch gen Himmel empor und 
drohten die dicht angrenzende Stadt mit ins 
Verderben zu ziehen. Die Angst und Noth der 
unglücklichen Bewohner wuchs von Minute zu 
Minute. Durch eine Plünderung der Stadt, 
seitens der Franzosen wurde das Elend und der 
Jammer der unglücklichen Hersfelder noch ge 
steigert. und wären nicht die Verbündeten in 
Eilmärschen herangekommen, so wäre wohl ganz 
Hersfeld ein Schutt- und Trümmerhaufen ge- 
r-orden. 
Nachdem die Franzosen die Stadt verlassen 
hatten und die Verbündeten in dieselbe einge 
rückt waren, athmete die schwer bedrängte Bürger 
schaft wieder auf und traf sofort die erforder 
lichen Anstalten, um dem riesigen Brand im 
Stifte, wenigstens nach der Stadt hin, Schranken 
zu setzen. Die Verbündeten konnten sich mit der 
Rettung der Stadt von Feuersgefahr nicht be 
fassen, sondern überließen dieses der Bürger 
schaft und setzten die Verfolgung der Franzosen 
auf der Straße nach Fulda unaufhaltsam fort. 
Dem großen Brande gegenüber waren die Hers 
felder machtlos. Mit Thränen in den Augen 
standen sie viele Tage vor dem Stifte und 
sahen ein Gebäude nach dem anderen eine Beute 
des Feuers werden. Am schmerzlichsten wurden 
sie berührt, als der schöne Thurm auf der Stifts 
kirche mit seiner Kuppel und seinem herrlichen 
Geläute in den Feuerschlund prasselnd hinabsank. 
Der damalige Oberschultheis von Hersfeld, 
Rath Hartert, erstattete unter dem 25. Februar 
1761 an den Landgrafen Friedrich II. über 
das große Unglück, welches die Stadt HerSfeld
        

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