Full text: Hessenland (1.1887)

Aus alter imö neuer Zeit. 
Der 31. Januar 1632 gilt für den Todestag des 
berühmten Mathematikers und Mechanikers Justus 
Byr.qi, auch Jobst Burgi genannt, der eine Reihe 
von Jahren hier in Kassel gewirkt und eine Anzahl 
merkwürdiger astronomischer Instrumente hinterlassen 
hat, die heute noch in dem Museum aufbewahrt 
werden. (Geboren am 28. Februar 1552 zu Lichten 
steig im Kanton Zürich, wurde er von dem gelehrten 
Landgrafen Wilhelm IV., dem Weisen, 1579 nach 
Kassel berufen und hier als Hofnhrmachcr beschäf 
tigt. Auch bediente sich der Landgraf seiner Hilfe 
bei seinen astronomischen Arbeiten. Unter den von 
Byrgi angefertigten astronomischen Instrumenten be 
finden siel) eine große kupferne Himmelskngel, eine 
nach dem ptolemäischcn System eingerichtete astrono 
mische Uhr und andere künstliche Apparate, welche 
er nach den Angaben des gelehrten Landgrafen her 
stellte. Er stand in großem Ansehen bei dem landgräf 
lichen Hofe, einem Hofe, an welchem die Wissenschaf 
ten, insbesondere Mechanik und Astronomie, in einer 
Weise gepflegt wurden, wie die Geschichte es nur 
noch einmal von dem Hofe des Königs Alfons X. 
von Castilien (regierte von 1252—1284) berichtet. 
Landgraf Wilhelm der Weise schrieb über Byrgi an 
Tycho de Brahe «qui quasi iudagine alter Arclii- 
medes esf (bei* gleichsam an Spürkraft ein zweiter 
Archimedes ist.'» Im Auftrage des Landgrafen 
hatte Byrgi 1592 kurz vor dessen Tode eine 
ans Silber verfertigte Himmelskugel, welche durch 
einen künstlichen Mechanismus die Bewegungen der 
Gestirne versinnlichte, dem Kaiser Rudolf II. als 
Geschenk des Landgrafen zu überbringen. Bon 
1603 an lebte Byrgi als kaiserlicher Kannneruhrmacher 
in Prag und Wien, kehrte bann im letztgenannten 
Jahre nach Kaffel zurück und verblieb daselbst 
bis zu seinem Tode. Sehr bedeutende Erfindungen 
werden ihm zugeschrieben, u. a. diejenige des Pro 
portionalzirkels, des Triangularinstrnmentes u. s. w., 
auch soll er zuerst den Pendel zur Bestimmuug 
de- Zeitmaßes benutzt haben. Durch die Berech 
nung der von ihm selbst so genannten Progreß 
tabelle gilt er für den deutschen Erfinder der 
Logarithmen, während bekanntlich diese Erfindung 
anderseits dem Schotten Neper (Nopier von 
Merchiston > zugeschrieben wird. Mit vorzüglichen 
Kenntnissen verband Byrgi eine allzugroße Be 
scheidenheit und legte in Folge dessen wenig Werth 
auf das Bekanntwerden seiner Entdeckungen. Der 
Franzose Pittet hat ihm viele Erfindungen abge 
stritten; derselbe wurde jedoch schließlich von dem 
Schwager und Schüler Byrgi's, dem gleichfalls be 
rühmten hessischen Mathematiker und Architekten l 
Benjamin Barmer aus Felsberg, der 164# als 
hessischer Rent- und Baumeister in Ziegenhain ge- | 
storben ist, widerlegt. ! 
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* * 
Die Lücke, welche in Folge des am 27. Juli v. I. 
erfolgten Hinscheidens des hochverdienten Ober- 
bibliothekars D. Albert Duncker in der Leitung und i 
Verwaltung der hiesigen ständischen Land es - 
bibliothek entstanden war, ist jetzt in glücklichster 
Weise wieder ausgefüllt. Seitens des ständischen Landes 
ausschusses ist an Duncker's Stelle am 17. Novbr. 
v. I. der zweite Bibliothekar Herr Dr. Eduard 
Lohmeyer zum ersten, und an dessen Stelle am 
18. Januar d. I. Herr Reallehrer Dr. H u g o 
Brunner zum zweiten Bibliothekar ernannt worden. 
Diese Wahlen verdienen nach jeder Richtung hin als 
ganz vortreffliche bezeichnet zu werden. Es dürfte 
für die Leser unserer Zeitschrift von Interesse sein, 
über den Lebensgang jener beiden Herren, welche als 
Mitarbeiter verzeichnen zu können unser „Hessenland" 
die Ehre hat, einige kurze Angaben zu vernehmen. 
Eduard Ludwig Wilhelm Lohmeyer ist 
an 2. April ^Charsreitag) 1847 zu Rinteln geboren. 
Er besuchte von 1856 bis 1865 das Gymnasium 
seiner Vaterstadt, studirte zunächst in Heidelberg und 
Leipzig Rechtswissenschaft, dann vom Herbst 1866» 
ab in Leipzig, Marburg und Berlin Philologie und 
vergleichende Sprachwissenschaft. Im Sommer 1871 
beftanb er in Marburg die Prüfung pro facultate 
doeendi. Als Probekandidat trat er im Januar 1872 
bei der Louisenstädter Gewerbeschule in Berlin einund 
absolvirte die vorgeschriebene Zeit als solcher bei der 
höheren Bürgerschule zu Uelzen. Nachdem er zum 
wissenschaftlichen Hilfslehrer befördert worden war, 
wurde er im August 1873 dortselbst zum ordentlichen 
Lehrer ernannt. Um sich dem bibliothekarischen Berufe 
zu uubuicn und dazu sich durch weitere Ausbildung in 
den neueren Sprachen noch eingehender vorzubereiten, 
gab er seine Lehrerstellnng auf und verweilte zunächst 
l 1 .. Ja re in der französischen Schweiz. Am 
16. Jrnul876 trat er als Praktikant bei der hiesigen 
stündlichen Landesbibliothek ein. Zu Ende des Jahres 
1881 wnrde er in Halle zum Doetor pliilosophiae pro- 
movirt. Im Anfang 1882 wurde er zum 2. Bibliothekar 
ernannt, in welcher Stellung er bis zu seiner am 
17. November 1886 erfolgten Beförderung zum ersten 
Bibliothekar verblieb. Bon seinen wissenschaftlichen 
Arbeiten nennen wir „die Handschriften des Willehalm 
Ulrichs von Türheim", Halle 1882, Kassel 1883; 
mehrere Jahre hindurch gab er die orthographische Zeit- 
schrit „Reform" heraus. Orthographische und sprach 
wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlichte er in ver 
schiedenen Zeitschriften, ebenso Aufsätze bibliographischen 
und phonetischen Inhalts, sowie über den deutschen 
Echulverein, den allgemeinen deutschen Sprachverein 
n. s. w. — 
Hugo Brunner ist am 24. September 1853 als 
der jüngste Sohn des Metropolitans Karl Brunner zu 
Gudensberg geboren. Er besuchte das Gymnasium 
zu Kassel von 1865 bis 1872, studirte sodann in 
Marburg, Leipzig und Münster Phrlologie und 
Geschichte. Nachdem er im Jahre 1877 die Prüfung 
pro 1s.eu1t8.ts äoeenäi bestanden, und hiernach bei« 
hessischen Feldartillcrie-Regiment Nr. 11 seiner Dienst 
pflicht Genüge geleistet hatte, trat er im Herbst 1878 
bei der hiesigen Realschule als Hilfslehrer ein. Im 
Sommer 1880 erlangte er in Halle die philosophische 
Doktorwürde auf Grund einer Abhandlung über
	        

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