Full text: Hessenland (1.1887)

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strebte. Sie konnten nur ans Versehen an ihre 
Stelle gelangt sein. 
Wenn Dr. Naso irgend einer mit zu langen 
Beinen versehenen Pcisönlichkcil begegnete, ver 
fehlte er selten, seinen Lieblingswitz anzubringen, 
„Heda, Sie Dieb, Sie sind ja mit nieinen Unter 
thanen durchgegangen." 
Das berühmteste an dem Manne aber war 
seine Nase. Sie war lang, dick, „Kladeradatsch"- 
ühnlich gebogen und von einer Röche, welche an 
den weit geöffneten Nasenflügeln eine Färbung 
des intensivsten Violetts annahm. Fügen wir 
hinzu, daß seine runden, wässerigen Augen durch 
eine Hornbrille ältester Herkunft geschützt wurden, 
daß seine mächtige Glatze ohne Unterschied der 
Saison von einer tief über die Ohren nieder 
gehenden Pelzmütze verhüllt ward, daß sein 
Körper seit mehr als zwölf Jahren in demselben 
Habit steckte, dessen Farbe aus begreiflichen 
Gründen unbestimmt geworden, und daß ein auf 
dem Rücken geknoteter, blau und grün gestreifter 
Shawl die Toillcte vervollständigte, — so haben 
wir ein ungefähres Bild des Mannes, dessen 
Namen an der Spitze unserer Erzählung steht. 
Doch wir dürfen bei seiner Charakterisirung ein 
besonderes Merkmal unmöglich vergessen, sein 
Verhältniß zu seinem kleinen Wachtelhunde und 
zu seiner Stummelpfeife. Wir glauben nicht, daß 
Dr. Naso sich zur Zeit, da wir seine Bekannt 
schaft machten, schon jemals darüber Rechenschaft 
abgelegt, welcher von beiden Gegenständen ihm 
der unentbehrlichste sei, seine „Alte" oder sein 
„Ami". 
Dr. Naso's Wohnung war im Grunde ge 
nommen die einzige Umgebung, welche geeignet 
schien, die Eigenthümlichkeiten seiner Erscheinung 
in's rechte Licht zu setzen; wenn er auf der 
Straße ging, war er nur ein aus seinem Nahmen 
getretenes Bild. 
Was der „Kleinen Stadt" ihre besondere Phy 
siognomie verleiht, ist der Umstand, daß sie 
keine fashionabelu Theile hat. Die Kastenabstuf 
ung, wie llnangenehm sie sich auch in den engen 
Verhältnissen kleinstädtischer Gesellschaftskreise > 
geltend macht, hat Nichts zu schaffen mit der 
Vertheilung des Raumes; die Lebenslust bleibt 
Allen gleich zugemessen. Da gibt es nicht 
Straßen, in welchen nur die elegante Welt sich 
bewegt; alle Schichten sind gleichmäßig vertheilt, 
überall finden sich ebenjoviele und mehr Gestal 
ten aus den mittleren und untersten Klassen wie 
Schablonen-Figuren der „guten Gesellschaft." 
Man hat gesagt, daß unser Jahrhundert das 
des Charakters sei, und doch scheint es, als 
ginge eine gleichmachende, verflachende Walze 
über unser Geschlecht. Eine mächtige Stimme, 
welche man „guten Ton" nennt, ruft uns 
warnend zu: „Charakter-Eigenschaften gehören zu 
den unberechtigten Eigenthümlichkeiten." Diese 
mächtig hallende, das Geräusch des Lebens in 
der guten Gesellschaft zum Geflüster herabdrückende 
Stimme aber dringt nicht in die bergumschlossene 
Einsamkeit der Kleinstadt. Dort gedeihen noch 
die Menschen in ihrer Eigenart, unveredelt, 
knorrig, mit starrer Zähigkeit an der Scholle 
haftend, eigensinnig das Nene als verderblich be 
trachtend, alle Verbesserungen mißtrauisch ab 
weisend. 
Die Wände der Häuser in der kleinen Stadt 
haben eine gewisse Durchsichtigkeit und ob auch 
hier wie überall sonst die Menschenherzen Ab 
gründe und unentdeckte Strecken bieten, liegt doch 
das äußere Schicksal klar vor Jedermanns Auge. 
Wenn der Kleinstädter neugierig ist und scharf 
im Urtheil, wenn er sich mit Vorliebe anmaßt, 
über Dinge zu richten, von denen er nichts ver 
steht, so treibt doch auch wieder bei ihm die 
thätige Barmherzigkeit, welche persöhnlich ihre, 
schönsten Blüthen, die helfende Hand ausstreckt. 
Die Noth seiner Nachbarn ist ihm nahegerückt; 
die Häuser hocken enge aufeinander, haben selten 
mehr als drei Stockwerke; der Schrei des Elendes 
aus dem dritten kann nicht ungehört bleiben 
Auch schleppt der Mittelstock seinen Jammer nicht 
auf den Hintertreppen empor; dieselbe Stufe 
dient oft ihm und dem gesegneteren Bruder. 
Die Hütten der Aermsten sind nicht meilenweit 
von den Häusern der Wohlhabenden entfernt. 
Nur freiwillig Blinde können von seiner Noth 
kein Bild in sich aufnehmen. Aus den Häusern 
drängt das Familienleben sich auf die Straße ; 
inan sieht den Schneider, den Schuster, den 
Sattler in der offenen Thüre seinem Handwerk 
obliege», inan erblickt die Waschfrauen am Becken 
des großen altinodischen Stadtbrunnens, und die 
Töchter der Bürger sitzen auf dein steinernen 
Brückengeländer oder auf den Stufeii vor der 
väterlichen Hausthür und stricken, sticke», flicken. 
Die Tagesneuigkeiten fliegen von Hans zu Haus 
über die enge Gasse hin; kein Fremder kommt 
znm Thor herein, ohne bemerkt und besprochen 
zu werden. Man sieht die Tugenden und Laster 
der Leute in nächster Nähe und wird ihre Sonder 
lichkeiten gewahr, fast ohne daß man sie beobachtet. 
Dieses mag als Entschuldigung dienen, wenn 
Jemand behaupten wollte, wir Hütten uns in das 
prosaische Dasein eines plebejischen und nicht 
ganz nach der Etiquette gekleideten Mannes, wie 
es Dr. Naso nun einmal war, allzusehr vertieft. 
(Fortsetzung folgt.)
        

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