Full text: Hessenland (1.1887)

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Aus dem Leben Doktor Uujo s. 
Kleinstädtisches Ccbcns 
^Vetnc Praxis war eine sehr ausgedehnte, in 
Anbetracht der Entfernung der kleinen 
Dörfer von einander. Freilich, wenn er 
des Morgens auf seinem baufällige», 
regenverwaschenen Berner Wägelchen die 
Chaussee entlang gerumpelt kam, sah man ihm 
nicht an, daß seine Minuten einen besonderen 
Werth für die Mitwelt hatten. Uebrigens hätte 
sein altes „Heupferd" auf keinen Fall einer 
schnelleren Art der Fortbewegung sich anbequemt. 
Nichts destoweniger setzte Dr. Balthasar 
Kroll vulgo Dr. Naso — (manche Leute werden 
ihre „Studentennamen" durch ein Leben nicht 
losi — großen Stolz ans seine „Equipage." 
Irgend ein Fußgänger, elegant oder schäbig, 
männlichen oder weiblichen Geschlechtes brauchte 
ihm auf seinem Wege in eines der Dörfer nur 
zu begegnen, dann hielt er an und rief in seiner 
breiten, näselnden Manier: „Hören Sie, wollen 
Sie hinten aufsitzen? Ich hab' noch eine Pferde 
decke. M'r fährt drauf wie en Kurfürscht." 
Manches Kind moderner Kultur, daran gewöhnt, 
allzu herzliche Einladungen als Zudringlichkeiten 
zu ignoriren, hatte ihn schon erstaunt angesehen und > 
war achselzuckend weitergegangen, damit den 
besten Theil erwählend, denn mit dem „Fahren 
wie ein Kurfürscht" hatte es seine eigene Be- 
wandtniß. Dr. Naso's Wagen wiegte sich nicht 
in Federn, der stolperte schlecht und recht über 
Stock und Stein und an der Pferdedecke war 
im Laufe der Jahre nur noch wenig Wolle ge 
blieben, so daß sie das rohe Tannenbrett nicht 
mit schwellenden Polstern versah. Wenn der 
von Dr. Naso so liebenswürdig eingeladene 
Fahrgast auf seinem Sitze hoch emporschnellte 
und ebenso rücksichtslos wieder niedergeschlendert 
ward, dann sagte er, sein rothes Gesicht vom 
Kutschersitz nach dem Wagen hinwendend: „Das z 
stärkt die Rückenmarksnerve»! „Dabei legte er 
den Peitschenstiel an denjenigen Theil seines 
Gesichtes, welcher ihm seinen Spitznamen zu 
gezogen hatte, eine Pantomine, die, mehr noch 
mit dem Zeigefinger ausgeführt, eigentlich »och 
an Ausdruck gewinnt und vdn Alters her ge 
eignet schien, den Philosophen und Denkern zu 
dienen. 
Die kleine hessische Kreisstadt, in welcher 
Dr. Naso praktizirte, besaß außer ihm noch zwei 
Aerzte, welche einer neuen Aera angehörten und 
durch ihre Ansiedelung den alten auf längst verjährtem 
Standpunkt fußenden Amtsgenossen in den 
bild von M. Herbert. 
aufgeklärteil Regionen des Ortes gänzlich un 
möglich geiiiacht hatten. 
„Seine Mittel", so sagte man, „sind im besten 
Falle unschädlich." Dr. Naso jedoch bewies sich 
selbst ans der Statistik, daß die Sterblichkeit 
seit dem Aufgang der neuen Lichter weder ab- 
uoch zugenommen. Er gab zu, daß man Wege 
gefunden, einzelne Operationen mit geringeren 
Schmerzen für den Patienten abzumachen; aber 
er sah die Nützlichkeit dieser Erfindungen nicht 
ein. Mit souverainer Verachtung blickte er nieder 
aus ein Geschlecht, das nicht mehr stark genug 
war, feine eigenen natürlichen oder über es 
verhängten Schmerzen ganz nnd gar auszukosten, 
welches sein Vergessen in Chloroform suchte, den 
Schlaf seiner Nächte von Morphium erbettelte 
und den Frieden seiner Tage mit Brom-Kali 
erkaufte. Der Doktor hatte kein Opium gebraucht, 
die überflüssige Wissenschaft zu vergessen, welche 
man ihm auf der Universität eingetrichtert. 
„Naturgemäß" war seine Parole; was er nicht 
mit kalten oder heißen Umschlägen, mit Kamillen 
thee oder den traditionellen „gewärmten Küchen 
schürzen" heilen konnte, stand ihm fremd und 
unheimlich gegenüber. Mit den Apothekern lebte 
er seit frühester Jugend auf gespanntem Fuße, 
aber wen» er jemals Arzeneien verordnete, dann 
zeigten die Medicinflaschen jenen ungeheueren 
Umfang, der dem Bedürfniß des gewöhnlichen 
Mannes, der mehr auf Quantität als auf Qua 
lität vertraut, angepaßt ist. Man erzählte sich 
Wunderdinge von der Ursprünglichkeit, mit welcher 
er seine Kuren ausführte. Man sprach davon, 
daß er einem Bauern einen Finger mit der 
Rosenscheere amputirt habe und das Küchenge- 
räth seiner Iunggesellenwirthschafl zu den un 
glaublichsten Dingen verwende. Leider war 
Fama hier vollständig in ihrem Rechte. 
Dr. N.iso's äußere Erscheinung schien keines 
wegs geeignet, diesen philisterhaft in's Einzelne 
gehenden Gerüchten die Spitze abzubrechen. Er 
war klein, mit entschiedener Anlage zur Korpu 
lenz, die nicht gerade mit gerechtem Maße über 
den ganzen Körper vertheilt worden war. Mutter 
Natur hatte offenbar andere Absichten mit ihm 
gehabt; denn sein starker, wohl entwickelter Ober 
körper saß auf kurzen, dünnen Beinen, deren 
Richtung auch noch in sofern auseinander ging, 
als das eine sich bemühte, ein „O" zu bilden, 
während das andere der Hälfte eines „X" zu-
        

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