Full text: Hessenland (1.1887)

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Hat sie Verstand bei gutem Herzen? 
Denkt manche, fragt ein Freier nicht. 
Ist nur zum Küssen und zunl scherzen 
Noch ganz erträglich ihr Gesicht. 
Doch die's empfindet, es beseele 
Sie Geist, der sich zum Denken schickt, 
Das liebe Mädchen, das erwähle 
Nur solches Wissen, das beglückt. 
Sich mit der Grnndtcxt-Sprache quälen 
Unübersctzt Homer versteh'» 
Das ziemt sich nicht für Weiberstelen! 
Valein — steht aber auch nicht schön. 
Lernt — habt zn Sprachen ihr Talente — 
Der Franz' und Briten Sprachenklang 
lind die sanft schmelzende Accente, 
In denen einst Petrarca sang. 
In tiefgelehrten Schriften lesen 
Die man für ernste Männer schrieb — 
'su'etii Trieb ist mind'stens nie gewesen, 
Weil ich in meiner Sphäre blieb. 
Fühlt eine Feuer in sich glühen 
Das sich zum Dienst der Musen schickt, 
So denk' ihr Geist an Melodien, 
Indeß die Hand näht oder strickt. 
Apelles' Kunst mögt ihr euch Mihen; 
Schön ist's, wenn unter einer Hand 
Bald Flur-, bald Blumen-Schildereien, 
Bald täuschendes Gesicht entstand. 
Lernt schwerverschlnngene Reihen führen, 
Das schafft cud) angenehmen Gang — 
Und süße Silbersaiten rühren, 
Zn einem zärtlichen Gesang. — 
Doch laßt dergleichen euch nicht g'nügen, 
Das nur als Nebensache schmückt; 
Könnt ihr in H ä n s l i ch feit euch schmiegen, 
Dann ist einst euer Mann beglückt. 
Kurz! die, die nicht blos Scherz und Lachen 
Und Eitelkeit und Kleidung liebt, 
Wlrd ihren Gatten glücklich machen, 
Und Kinder, welche Gott ihr gibt. 
Sie wird bei wenig Reiz gefallen — 
Ist selbst im Alter noch geschmückt, 
llnd froh wird der dnrch's Leben wallen, 
Den sie durch ihre Hand beglückt! — 
. ^ltsam, bei all' der Vorliebe der Dichterin für 
die Häuslichkeit und das Familienleben wußte sic 
doch auch als Dame der Welt in den vornehmen ge 
sellschaftlichen^ Kreisen Kassels eine glänzende Rolle 
zu spielen. In ihren jüngeren Fahren galt sie ge 
radezu für die Tonangebende. Ihr Talent warf 
eben nach den verschiedenartigsten Richtungen seine 
Strahlen aus. Wie der Verfasser des wiederholt er 
wähnten Artikels in der Schrift „Aus bcn Tagen 
eines erloschenen Regcntenhauses", berichtet, entzückte 
Philippine Engelhard gleich anfänglich, als sie nach 
ihrer Verheiratung nach Kassel kam, durch ihre ge 
sellschaftlichen Talente, durch ihr heiteres Tempera 
ment, durch ihr gewandtes und feines Benehmen die 
gebildeten Kreise in der damals noch sehr ceremoni- 
ösen Residenzstadt und brachte sogar einen ganz 
neuen Ton in die Verhältnisse der Kasseler Societät, 
indem man sic als gefeierte Dichterin bewunderte und 
sich von ihrem ungebundenem genialen Wesen hin 
reißen ließ. „So glänzte sie durch naives Spiel in 
einem damals errichteten Gesellschaftstheater, in 
welchem deutsche Schauspiele zur Aufführung kamen, 
während das Hoftheater nur französische Komödie 
und italienische Oper mit Ballet kultivirte." Rasch 
hatte sie sich die Herzeit der Kasselaner erobert und 
sie wußte sie fest zu halten. Bis an ihr Lebensende 
erfreute sie sich der allgemeine,» Beliebtheit und Hoch 
achtung, und konnte dies auch anders möglich sein 
bei ihrer hohen geistigen Begabung, bei ihren vor 
trefflichen Charaktereigenschaften, bei ihrer Sanftmuth 
und Herzensgute? 
Heinrich Koenig hat in seinen Roman „König 
Jerümes Karneval" aus den: Leben der Philippine 
Engelhard eine Episode verwoben, welche die Ber- 
heirathung ihrer dritten Tochter Louise im Jahre 1808 
mit dein' damals 48 Jahre zählenden berühmten 
Industriellen Gottlob Nathasius, dem Abgeordneten 
der Stadt Magdeburg hii westfälischen Reichstage, 
zum Gegenstand hatte. So gut die Schilderung H. 
Koenig's auch gemeint sc in mag, so soll sie doch in 
vielen Einzelheiten der Wahrheit entbehren. Der 
Verfasser erklärt zwar in seinem Buche „Seltsame 
Geschichten", in dem ebenfalls ein Kapitel unserer 
Dichterin gewidmet ist, daß er dabei den Mittheilungen 
eines damaligen Zeitgenossen gefolgt sei, bemerkt aber 
auch zugleich', daß er freilich nicht sowohl der ge 
schichtlichen Wirklichkeit, als der inneren poetischen 
Wahrheit jcn.m Verhältnisse gerecht werden wollte. 
Mag auch bei Koenig's Darstellung der licentm 
poetiea ein großer Spielraum eingerämt worden sein, 
interessant bleibt sie immerhin, namentlich die 
Schilderung eines Besuches bei der Frau Räthin, 
ihr Gatte bekleidete in westfälischer Zeit die Rolle 
eines Oberappellationraths —; hier tritt uns Philippine 
Engelhard mit ihren sieben Töchtern in ihrer schlichten 
ansprechenden Häuslichkeit entgegen und Koenig läßt 
sie in Bezug aus die seltene Zahl von sieben Töchtern 
eine anziehende Probe ihres erstaunlichen Gedächtnisses 
ablegen. „Mein seliger Vater",läßt er sie sagen, „hatmir, 
als ich noch ein junges Mädchen war, von Michel Anton 
Lanius erzählt, welcher Baßsänger des Kurfürsten Cle 
mens Wenccstans in Koblenz gewesen und 7 Töchter ge 
habt hat. Ich kann sie sogar beim Namen nennen: Klara, 
Judith, Therese. Dorothea, Margaretha, Jda Katharina, 
Anna Maria — eine immer schöner als die andere, und 
alle vom Vater mit der Gabe des Gesangs ausgestattet! 
Am 27. Januar 1819 starb plötzlich am Schlag- 
fluß im 66. Lebensjahre ihr Gatte, der nach der 
Rückkehr des Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen zum 
Geheimen Rath und Direktor des General-Kriegs 
kollegiums ernannt worden war. Groß und aufrichtig 
war ihr Schmerz über diesen schweren Verlust, den 
sie kaum verwinden konnte. Sie suchte und fand endlich 
Trost in der Dichtkunst, welche ihren Lebensabend 
verschöneren half. Ihren Leistungen als Dichterin 
soll unser Schlußartikel gewidmet sein. (Schluß folgt.)
        

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