Full text: Hessenland (1.1887)

ewiger, und zwang den Landgraf zur Unter 
schrift der so abgeänderten Kapitulation, brachte 
ihn nach Mecheln und hielt ihn hier in strenger 
Haft bis zum IN. Juli 1551, wo er, durch den 
an diesem Tage vom Kurfürst Moritz von 
Sachsen erzwungenen Bertrag von Passan, seine 
Freiheit wieder erhielt. 
In Folge der zu Halle abgeschlossenen Kapi 
tulation sollten alle hessischen Festungen und Ge 
schütze dem Kaiser überliefert werden, der die 
Bollzichung derselben dem Herzog von Alba 
übertrug. Er soll 170 Stück hessische Geschütze 
weggeführt haben. Weil ihm diese Beute aber 
noch zu gering erschien, soll er noch 12 Stück, 
mit dem Wappen des Landgrafen versehen, habe» 
gieße« lassen.*) Nur die Festung Zicgenhaiu, 
mit ihren Geschützen, blieb dem Landgrafen er 
halten, weil ihr Kommandant, der Oberst Heinz 
von Lüder, dem Herzog von Alba ihre Uebcr- 
gabe mit den Worten verweigerte: „Der freie 
Landgraf hat mir befohlen die Festung zu hal 
ten, der gefangene Landgraf, der seinen eignen 
Willen nicht hat, weil er in der Gewalt anderer 
Rommet. Geschichte von Hessen. 
Philippme Engelhard, ged. Kälterer. 
(Fortsetzung statt Schluß). 
Eine interessante Schilderung des Charakters und 
der Lebensweise der Dichterin Philippine Engelhard 
gibt uns die Schrift „Ans den Tagen eines er 
loschenen Regentenbauses", als deren Verfasser wohl 
mit Recht unser rühmlichst bekannter hessischer Schrift 
steller Jakob Hoffmeister gelten kann, welcher, nebenbei 
bemerkt, ein naher ^'.'verwandter der Dichterin ist 
und in seiner Jugend täglich in ihrer Wohnung ver 
kehrte. In dieser Schrift ward n. a. erzählt, daß es 
in Kassel großes Aufsehen erregt habe, als Philippine 
Engelhard in den ersten Jahren nach der Verhei- 
rathung ihren Manu veranlaßte, vor dem neuen 
Wilhelmshöher Thore das Anwesen eines Gärtners 
anzukaufen und dorr ein bescheidenes Wohnhaus zu 
erbauen, wodurch wohl die erste Anregung zu der erst 
unter Landgraf Wilhelm IX. angelegten neuen Wil 
helmshöher Allee g geben wurde. Zu jener Zeit 
wohnte die vornehme Welt blos innerhalb der Stadt 
und beschränkte ihre Promenaden fast nur ans den 
.Friedrichsplatz und den Aucgarlen. Größere Aus 
flüge als uach Wilhelmshöhe, damals noch Weißen- 
stein genannt, wurden selten unternommen. Frau 
Philippine Engelhard wollte als sorgsame Mutter 
ihren kleinen Kudern eine gesunde Wohnung mit 
frischer kräftigender Lust bieten und wählte zu diesem 
Zwecke jenen Garten, worin sie sich ländlich einrichtete, 
zwei Ziegen für ihre Familie hielt, Gemüse zog 
Leute ist, hat nicht die Macht, diesen Beseht zu 
rückzunehmen." 
Der Ober-Zeugwart Hans Rommel, der 
einen Versuch gemacht hatte, den Landgrafen 
aus seinem Gefängniß in Mecheln zu befreien, 
wurde durch einen Brief des Landgrafen, den 
derselbe im Jahre 1550 aus Mecheln an seinen 
Sohn, den nachmaligen Landgrafen Wilhelm IV., 
geschrieben hatte, zum Zeugmeister auf Lebens 
zert ernannt, und erhielt daneben eine Extrabe 
lohnung voll 100 Gulden. 
Bon den durch Alba aus Hessen weggeschleppt 
ten Geschützen fielen im Jahre 1552 viele Stücke 
dem nachmaligen Landgrafen Wilhelm IV. als 
Beute zu, darunter auch einige von denen, die 
Alba hatte gießen lassen. 
Nachdem der Landgraf Philipp wieder irr sein 
Land zurückgekehrt war, bestrebte er sich aus 
das Elfrigste dasselbe wieder wehrhaft zu machen, 
und ließ zu diesem Zwecke auch Geschütze, und 
zwar sechspfündrge Falkonen, in Kassel gießen, 
was bisher nicht stattgefunden hatte. Bis zu 
seinem Tode, den 31. März 1567, hielt er sich 
doch so viel als möglich von allen Kriegen fern. 
n. s. w. Dieses kühne Unternehmen, außerhalb der 
Residenz eilten ländlichen Wohnsitz zu errichten 
heißt es werter in der angezogenen Schrift — brachte 
in der Kasseler Gesellschaft ein wahres Aufsehen 
hrvor; die vornehmen Verwandten ihres Mannes 
hielten einen Familienrat!) und protcstirten feierlich 
gegen den etwaigen Verdacht, btc auffällige Handlungs 
weise öd* Dichterin zu billigen, setzten jedoch in 
der Sache selbst nichts durch und nlußtcn schließ 
lich gute Miene zum bösen Spiele machen. — Wer 
kann heutigen Tages solche Verhältnisse begreifen, 
wenn er jetzt zwischen den schönen Villen dieser Allee 
einherwaudelt! So ändern sich die Zeiten. 
In vielen Beziehungen war Philippine Engelhard 
ein Original und ihre Eigenheiten riefen oft kölnische 
Scenen hervor. Ihre Absonderlichkeiten, durch welche 
sie aber Niemand verletzte und die man als etwas 
Selbstverständliches hinnahm, waren ein Ausfluß 
ihrer genialen Natur. Niemals vergaß sie darüber 
die Pflichten der sorgsamen Hausfrau und gerade in 
dieser Hinsicht kann sie als Muster hingestellt werden. 
Sie war eine beglückte und beglückende Gattin nnd 
Mutter. Und wie sie über die Aufgaben der Frauen 
schon in ihrer Jugend dachte, das gehr aus bcnt Ge 
dichte „An Deutschlands Mädchen" hervor, welches 
sie als zwanzigjährige Jungfrau verfaßte. Mag in 
formaler Beziehung dieses Gedicht auch manche 
Schwächen ausweisen, so viel ist doch gewiß, daß die 
in demselben niedergelegten Anschauungen auch heute 
noch ihre volle Berechtigung haben. Wir lassen es 
deshalb hier folgen:
	        

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