Full text: Hessenland (1.1887)

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von Münster zur Hülse gegen die Wiedertäufer 
gesendet wurden, so wie die 70 Centner schwere 
„Nachtigall" und der 11 Fuß lange „Hahn". 
Die beiden letzteren stammten aus der Feste des 
Ritters Franz von Sickingen „Landstuhl" 
in der Pfalz, und waren dem Landgrafen 
Philipp, nebst mehreren kleineren 'Stücken, 
als Beutetheil zugefallen: nachdem die Feste am 
30. April 1023 eingenommen worden, und 
Sickingen, einer der bedeutendsten Männer 
Deutschland's, seinen Wunden erlegen war. 
Besonders stark war die Artillerie, welche der 
Landgraf im Jahre 1034, zur Wiedereinsetzung 
des Herzogs Ulrich von Württemberg in sein 
Land, mitnahm, denn er soll mit 60 großen 
Büchsen an Frankfurt am Main vorübergezogen 
sein.*) Unter Hans von Bellersheim, 
als Ober-Zeugmeister, dem Lieutenant Veit 
Krautpeter und dem Schanzmeister Hans 
Keim, that sie sich in der Schlacht bei Lauffen, 
sowie bei der Beschießung von Hohen-Urach und 
Hohen-Asberg ganz besonders hervor, wodurch 
die Schlacht gewonnen und beide Festen zur 
Uebergabe gezwungen wurden. Gegen Hohen- 
Urach gaben die hessischen Stücke 032 Schüsse 
an einem Tage ab. 
Durch ihre vorzüglichen Leistungen in diesem 
Kriege gelaugte die hessische Artillerie zu einem 
so hohen Ansehen, daß zwei Jahre darauf der 
Kaiser Kart V., durch den Erzherzog Ferdinand, 
den Landgrafen um Ueberlassung von Büchsen- 
meistern bitten ließ, der jedoch diese Bitte, vor 
schützend, daß er selbst Mangel an guten Büchsen 
meistern habe, ablehnte. 
In Folge des „Schmalkalder Bundes" war 
zu Koburg eine Kriegsverfassung für dessen Mit 
glieder aufgestellt worden, nach welcher ein jeder 
der beiden Bundes-Hauptmänner, der Kurfürst 
von Sachsen und der Landgraf von Hessen, auf 
Kosten des Bundes 28 Geschütze gießen lassen 
sollte, und zwar: 12 vierzigpfündige Karthaunen, 
10 achtzehnpfündige Feldschlangen und 6 sechzehn- 
pfündige Nothschlangen. Der Landgraf hielt sich 
jedoch nicht an diese Kaliber, sondern ließ 
statt ihrer, durch den Frankfurter Geschützgießer, 
Meister Martin Bete, 4 fünfzigpfündige 
Karthaunen und 24 Schlangen verschiedenen 
Kalibers gießen. Diese 28 Geschütze trugen die 
Inschrift: V. I). M. I. A. (vox 4ei manet 
in aetermim). 
Zn dem Kriege, welchen Sachsen und Hessen 
im Jahre 1042gegen den „Liguenobersten", Herzog 
Heinrich d. j. von Braunschweig führten, nahm 
der Landgraf 24 Geschütze und 61 Munitions 
wagen mit, und zwar: 3 sechszehnpfündige Noth- 
schlangen, 4 achtpfündige Falkonen, 3 sechs- 
pfündige Falkonett, 6 dreipfündige Apostel, 4 
zweipfündige Falkonete, 2 Singerinnen und 2 
Steinbüchsen. 
Ueber diesen Geschützpark führte B e i t Kraut 
peter als Ober-Zeugwart den Befehl Hans 
Keim war Schanzmeister dabei. Beide, nebst 
60 Mann, wurden in den Laufgräben bei einem 
Ausfalle getödtet, den die Braunschweiger, als 
Hessen verkleidet, aus dem belagerten Wolfen 
büttel machten. Durch eine hierauf folgende sehr 
energische Beschießung der Stadt seitens der 
hessischen Artillerie, wurde dieselbe zur Ueber 
gabe gezwungen. Ein Thurm, von dessen Zinnen 
der Thürmer ein Spottlied auf die Hessen ge 
sungen hatte, wurde durch das concentrirte Feuer 
der hessischen Stücke gänzlich zusammengeschossen. 
Als im Jahre 1046 der „Schmalkaldische 
Krieg" begann, der Landgraf Philipp nach 
Süddeutschland zog und gegen Ingolstadt vor 
rückte, hatte er viel schweres Geschütz bei sich; 
darunter „scharfe Metzen", die 72 Centner Rohr 
gewicht hatten, 60 Pfnnd Eisen schossen und von 
32 Pferden gezogen wurden, sowie 40pfündige 
„Doppelkarthaunen", welche ein Rohrgewicht von 
62 Centner erreichten, und zu ihrer Fortbeweg 
ung 28 Pferde bedurften. Die Verbündeten: 
Sachsen, Hessen und Schwaben, diese unter 
SebastianSchärtlinvon Burtenbach, welche 
dem Kaiser Karl V. an Geschützen überlegen 
waren, feuerten aus 100 großen Geschützen 2000 
Schüsse auf das kaiserliche Lager bei Ingolstadt 
ab. Die hessische Artillerie, zu der auch die 
Städte einige Feldstücke gestellt hatten, komman- 
dirte Hans Rommel, als Ober-Zeugwart. 
Die größten Stücke davon hatten zwei Büchsen 
meister. 
Nachdem dieser Krieg durch die Schlacht be^ 
Mühlberg, 24. April 1047, in welcher der Kurfürst 
Johann Friedrich von Sachsen gefangen wnrde, 
zum Nachtheil der Verbündeten ausgeschlagen 
war, wurde auch der Landgraf Philipp be 
wogen, sich dem Kaiser zu stellen. In Folge 
der am 2. Juni 1047 zu Kassel verabredeten 
Kapitulation stellte sich der Landgraf am 19. 
Juli in Halle. Im Koncept der Kapitulation 
war ausdrücklich gesagt, daß der Landgraf nicht 
mit einiger Gefängnißstrafe belegt werden 
solle; nachdem sich der Landgraf aber gestellt 
hatte, um dem Kaiser Abbitte zu leisten, veo 
wandelte man von kaiserlicher Seite, in der Rein 
schrift der Kapitulation, das Wort einiger in 
*) Von -ersener's Zranlfurler Chronik.
        

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