Volltext: Hessenland (1.1887)

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Als Kirchen sich auf Plätzen ehemaliger Hei 
ligtümer erhuben, endete das Verlangen darum 
nicht, in geweiheter Erde zu ruhen, indem die 
Kirche zugleich übersinnlichen, und in kriegerisch 
bewegter Zeit ebenwol leiblichen Schutz ver 
sprach. Was manche Eindrücke betrifft und 
höhere Ansicht göttliches Sinnes, die sich etwa 
von Verehrung Gottes in Mitten irdischer Ver 
wesung abkehrt, so hat doch solche Erwägung 
auch ihre zwei Seiten. Ein versöhnender Aus 
gleich auch für gesundheitlich bange Gemüter 
möchte aber darin gefunden werden, daß man 
alle neue Kirchen an ein Ende des Dorfes er 
baue, wie schon Landgraf Wilhelm IX. empfahl 
und zu Kirchditmold z. B. tat, sie jedoch wieder 
um auch zum Horte ihrer toten Gemeine 
mache. Diß läßt jeder Bauer sich lieber ge 
fallen denn eine Verlegung des Toten-Hofes 
alleine. 
Die hessischen Kirchen sind zu größestem Teile 
sehr alt; der Tnrm erhebt sich an vorderer 
Seite herauf, oder ist ein bloßes hölzernes 
Glocken-Haus auf dem Dache. Manches uralte 
Gemäuer bestehet aus unbehauenen Steinen, 
meistens aus Wacken; diß ist aber besonders bei 
Kirchhofs-Mauren der Fall, die in vielen Dörfern 
nur ehrwürdige Trümmer noch sind, und doch 
einst zur Verteidigung eingerichtet waren. An 
Glocke und llhre fehlt es höchst selten den Dörfern: 
doch sind Uhren von geringem Nutzen, zumal 
viele die Zeit nur so in Pausch und Bogen be 
stimmen, wie man es auf den, Lande anch nach 
der Sonne kann. Man findet in zweien, unferne 
von einander liegenden Dörfern wol einen Unter 
schied von leichtlich einer halben Stunde; also 
daß Karls V. Wahrzeichen für einen geregelten 
Stat hier doch nicht passen will. Alter Scherz 
war, daß der Schulmeister die llhre vorstelle, 
wann er Kartoffeln austue. 
Die ältesten und geringsten Hütten lehnen sich 
gewöhnlich an die Kirchhofs-Mauer, oder stehen 
ihr doch zunächst. Diß deshalb zum Teile, weil 
ihre frühesten Jnsaßen noch Zinsleute der Kirche, 
vielleicht eines Klosters oder geistlicher Stiftung 
waren. Aus gleichem Grunde ursprünglicher 
Zugehörigkeit stunden bisweilen auch die Schul 
gebäude in solcher Umfaßung, und der Toten- 
Hof war für den Lehrer zugleich Hünkel-Höf 
und Platz des Loftholzes. 
An derlei stieß sich jedoch die unfeierliche, 
gleichwol gediegene Fröinmigkeit der Menschen 
nicht. Schule, Pfarre, Schenke stunden über 
haupt vielerwärts, und so auch heute noch, alle 
drei der Kirche nahe, und somit selbst traulich 
beisammen. — 
(Schluß folgt.) 
Beiträge zur Geschichte der trurtzesstfcheu Artillerie. 
Bon 
August uolu Bcruurduch. 
1. Sie Artillerie unter de« Zaudgrafe« Philipp dem Krußmuthize». 
1509—1567. 
f andgraf Philipp, der bis zum Jahre 1519 
unter der Vormundschaft seiner Mutter, 
Anna von Mecklenburg stand, ver 
fügte, im Verhältniß zur Größe seines 
Landes, über eine ganz bedeutende Zahl von 
Geschützen aller Ast, die auf die Zeughäuser der 
Festungen und festen Schlösser vertheilt waren, 
wo sie unter Zengwarten standen, denen die 
erforderlichen Ge schütz- oder Büchsenmeister 
und Constabler beigegeben waren. Den Ober 
befehl über die gesqmmte landesherrliche Artillerie 
führte ein Ober-Zeugmeister. 
Die hessischen Städte, die ihre eigene Artillerie, 
damals Gezeug oder Arckoley genannt, be 
saßen, und deren Büchsenmeister und Con 
stabler eine Zunft bildeten, mußten mit ihren 
kleineren Stücken, den „Feldstücken", den hessischen 
Landgrafen Heeresfolge leisten, wie dies auch im 
Jahre 1460, in der „Pfälzer Fehde", von 
Schmalkalden und anderen Städten geschehen war. 
Die landesherrliche Artillerie, die in Hessen 
zuerst unter dem Landgrafen Philipp vorkommt, 
bestand aus Stücken aller Kaliber, von der 60- 
pfündigen „scharfen Metze" bis zu dem '/zpfün- 
digen „scharfen Tintlein".*) Die großen Stücke, 
außer „scharfen Metzen" auch „Doppelkarthaunen" 
genannt, bedurften zu ihrer Fortbewegung 24 
und mehr Pferde. Unter ihnen befand sich der 
„Teufel" und seine „Großmutter", die beide vom 
Landgrafen Philipp im Jahre 1534 dem Bischof 
*) Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde. Neue Folge. 
Band 1.
        

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