Full text: Hessenland (1.1887)

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Gerade entgegen gesetzt war es bei griechischen 
Bölkern. Da war Jedem vergönnt, seine cinzel- 
tümliche Sitte und Lebens-Weise nach seiner 
Einbildung einzurichten; aber dem State war 
alles aufs innigste einverleibt. Beide verschiedene 
Gangarten der Selc waren eine freie Lebens- 
Wanderung; aber der Grieche sank leichter unter 
Tyrannen. Berlvr hinwidcr der Deutsche seine 
bürgerliche Freiheit, so konnte er, gehalten im 
Banne der Sitte, sich nicht mehr an ciuzeltüm 
lichcr Ungebniidenheit erhole», womit der Grieche 
sich zu entschädigen bedacht war. 
Folget man dem Laufe der Zeit, so erstehet 
man ferner des Volkes Geschichte in der Art 
seines Beisanimenwohnens. Burgen erhuben sich 
als Gebieterinnen auf Bergen. Sie, Zeugnisse 
doch erhöheter steigender Freiheit einzelner Ge 
schlechter, weisen zugleich als trübe Kehrseite gar 
mancherwärts auf Abhängigkeit des platten 
Landes hin, aus Schädigung alter Gemein-Frei- 
hcit; glücklicher Weise jedoch nicht überall, nnd 
mindest durch Deutschland auch in Hessen. — 
So lange Jene krönten, gab es viele Herren 
im Lande, Viele die um Anbau und Silrigung 
sich verdient gemacht, Viele die kleine Vergewal 
tiger waren. — Alle aber in ihrem Bereiche, 
und im Hadern mit einander, doch zugleich Eis 
brecher wider allumfaßcnde Zwiugherschaft eines 
Einzelnen. Sie sanken, und die Verfaßung des 
Landes war verändert. 
Wie einst die Gehöfte zu Weilern, diese zu 
Dörfern sich schloßen, so waren jetzo viele Ort 
schaften noch fester und enger zusammen gerückt 
zum Schutze nnd Trutze, nnd hatte» darfür ver 
loren die einzeltümlick^ Freiheit ihrer zerstreueten 
Hütten. Dem Drucke größerer Grnndherren, 
auch wol größerer früherer Städte, hatten sich 
manche Dörfer allmählich entzogen, mit Mauren 
und Türmen umgeben, hießen selbst nun Städte, 
che doch ihre Bürger aufgehört hatten, Bauern 
zn sei». So hatte sich des Landes äußere Ge 
stalt geändert; mit ihr und durch sie der äußere 
Mensch, dann der innere. Doch wenden wir 
uns zurück noch zur Bildung unserer meisten 
großen Dörfer, die solches geblieben auch sind. 
Nicht nur um den Mittelpunkt einer Kirche, 
auch in Anlehnung an Klöster war solche öfters 
geschehen. Diese, in fruchtbarsten Landes Gegen 
den, hatten nicht wenig zur Ausnahme des Acker 
baues beigetragen: sie wurden aber auch Besitzer 
ganzer Dorfschasten und Herscher ihrer Be 
wohner. Auch sie wicheil endlich der Macht des 
Landes-Fürstcii, die über kleine Herren, geistliche 
Siijter, sowie große Reichs- unmittelbare Städte 
hinweg, sich an die breiten Schichten der Be 
völkerung zu wenden wußte: und so ward altes 
allmählich mit Einein Hute bedeckt. — 
Jetzo finden wir Dörfer meistens Hof bei Hos 
zusammen hangend, ohne Ordnung; oder wo 
Heerstraßen hindurch ziehen, auch wol zugleich 
mehr Gewerbe denn Landbau betrieben wird, 
dort näher nnd m geregelten Reihen vielmehr 
Gebäude bei Gebäude. Sie sind in unseren» 
hessischen Hügellande gerne au Abhängen ge 
bauet, entweder wegen der Kirche, die gewöhn 
lich aus der Höhe stehet — denn auch hierin 
ist sich fromme Ahnung des Germanen ebenwvt 
beim Übergänge zum Christentume treu geblieben 
— oder aber weil die Niederung in unserer 
belgischen Heimat diescrhalb öfters feucht, und 
mancher Überschwemmung ausgesetzt ist. Die 
übele verkehrte Lage eines ganzen Dorfes auf 
wirklich unfruchtbarer, Waßers-armer Höhe, findet 
man doch selten. Täler bieten ja um des Be 
dürfnisses und leichterer Gemeinschast willen 
immer das günstigste Gelände, was nicht darmit 
streitet, daß man die Ortschaft an den nächsten 
TaleS-Hang dann lehnt. 
Die Gestaltung dcS hessischen Bodens bringet 
es mit sich, daß in meisten Dörfern eine Bach 
hindurch fließt, die gewöhnlich nur Stege für 
Fußgänger hat; öfters auch diese nicht. Für 
Ross und Wagen aber ist das flache kieselichte 
Bette zugleich Verkehrs-Bahn. Mindestens eine 
hauptsächliche Straße — auch falls es keine 
Landstraße ist — bietet doch jedes Dorf. Die 
Hofraiteu, nach Maßgabe des bäuerlichen Wol- 
ftandeS mehr oder minder mit Miste bedeckt, 
find gegen die Gaßen hin offen, bisweilen nur 
durch Gemäuer geschieden. An die incistcu 
Häuser lehnt sich ein Gemüse-Fleck, anch so. ge 
nannter Würzegarte, sowie hinterm Hause ein 
Grasgarte mit Obstbäumen, der mit Hecke um 
zäunt oder sonst eingefriediget ist. Andere Gär 
ten umschließen das Dorf. Äcker werden nur 
am Walde bisweilen gehegt. 
Die Kirche uniriiigte früher allgeinein der 
Toten-Hof dessen neuzeitliche Verweisung nach 
Außen teils aus Asterweisheit, teils aus ander- 
weidiger Beschönigung entsprang. Der kernige 
Gesnndheits-Zustand unserer Altvordern lehrte 
sie nicht solche Scheu; und des Menschen Ge 
müt ist sicherlich nicht zu tadeln, wenn ihm nicht 
jede Stätte seiner Leichen gleichgültig ist. Der 
Gerinane ehrte seine Gräber gar hoch, am Ende 
mit abergläubischer Meinung. Die Stellen 
waren gcheiligct, wo die Aschen-Krüge der Vor 
fahren ruheten; und lange noch ließ der christ 
liche Enkel seinen Leichnam im Totcn-Hügel des 
eignen Hauses bestatten. ■—
        

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