Volltext: Hessenland (1.1887)

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Kieder aus dem G«i1. 
Bon Krrvl Mvesev. 
i. 
Zwar hab' ich hier noch nichts, mein Weib, 
Nach kalter Reise dich zu pflegen, 
Nichts, — wo du deinen müden Lcib 
Zur Ruhe könntest niederlegen. 
Vier kahle Wände sonder Zier, 
Ein Tisch, ein Stuhl und — stiller Frieden, 
Ist Alles, was ich liebend hier 
In fremdem Land vermag zu bieten. 
Laß auf den Holzstuhl nieder dich 
Und stütze auf den Tisch die Arme, 
Und weil es kalt und winterlich: 
Komm an mein Herz, an ihm erwärme! 
Zwar schlummert sich's auf hartem Holz 
Nicht wie daheim auf weichem Kissen, 
Doch sei im Unglück groß und stolz. 
Vergiß es gern, was mir vermissen. 
Es sind ja noch die Kinder dein, 
Für deren Ruh ich besser sorgte. 
Sieh dort den umgelegten Schrein, 
Den ich als Bett für sie erborgte. 
So seid willkommen, Weib und Kind, 
Auch im Exil lacht euch der Frieden. 
Schreckt nicht vor Winters Sturm und Wind, 
Mein Herz wird ew'gen Lenz euch bieten. 
II. 
Ich kenne ein Land, so reich und so schön, 
Voll goldener Achren die Felder; 
Dort grünen vom Thal bis zu sonnigen Höh'n 
Viel dunkele, duftige Wälder, 
Dort hab' ich als Kind an der Mutter Hand 
In Blüthen und Blumen gesessen. 
Grüß Gott dich, du Heimath, du herrliches Land, 
Herz Deutschlands, mein blühendes Hessen! 
Vom Main bis zur Weser, zur Werra und Lahn, 
Ein Land voll duftender Matten, 
Dort glänzen die Städte in lenzigem Plan, 
Heimstätte tapferer Kalten. 
Dort stand meine Wiege am Fuldastrand, 
Dort habe die Welt ich vergessen, 
Wenn an der Berge fernzcigendem Rand 
Ich trunkenen Blickes gesessen. 
Den Burgen und Schlössern mein sehnlicher Gruß 
Den Höhen im Morgenstrahle, 
Den Städten und Dörfern dicht vor meinem Fuß, 
Den silbernen Flüssen im Thäte! 
Grüß Gott, wo ich einst an der Mutter Hand 
In Blüthen und Blumen gesessen, 
Grüß Gott dich, du Heimath, du herrliches Land, 
Herz Deutschlands, mein blühendes Hessen! 
III. 
Ich hab' um meiner Seele höchstes Weh 
In keinem Lied dem Herzen Luft gemacht, 
Doch ist es mir seitdem, als ob ich steh' 
In einem Dom von Engeln überdacht. 
Gedanken um Gedanken ranken sich 
Wie goth'scher Zierrath himmelhoch empor, 
i Wie Gottes Segen überströmt es mich. 
Wie Harfenklang erklingts vom hohen Chor. 
Da knie' ich dann allein im stolzen Ban 
Und meine Seele fliegt dem Himmel zu, 
! Wohin ich lausche und wohin ich schau: 
! Winkt heil'ge Tröstung mir und stolze Ruh'. 
Und diese Ruhe — sie ist ungetheilt 
Mein Eigen wie mein unaussprechlich Weh; 
O frage Niemand mich, wo ich geweilt, 
! Wenn ernst und stumm von ihrem Grab ich geh'. 
Aus alter und neuer Zeit. 
An der Jahreswende beging seinen 70. Ge- 
I bnrtstag ein berühmter Sohn unseres Hessen- 
! landes, der Nestor der deutschen Physiologen, 
* Professor Karl Friedrich Wilhelm Ludwig in Leipzig. 
Unseres Landsmallr.es auch hier zu gedenken, erscheint 
uns als Ehrenpflicht. Ludwig ist geboren den 29. De 
zember 1816 zu Witzenhansen. Er studirte Medizin 
in Marburg und Erlangen. Als Student hat Ludwig 
das seltene Büspiel gegeben, daß man als Corps- 
bnrsche die Freuden des Studentenlebens vollständig 
genießen und dabei sein Studium eifrig und erfolgreich 
betreiben kann. Während er in seinen ersten Semestern 
| hervorragendes Mitglied des angesehenen Corps Guest- 
j phalia gewesen war, hatte er es sich noch gegen Ende 
j seiner Studienzeit zur Aufgabe gestellt, den bei den 
damals bestehenden Verbindungen etwas ausgearteten 
! Ton durch Stiftung eines neuen Corps mit feinerer 
1 Richtung zu heben. Durch Stiftung des jetzt noch 
l blühenden Corps Hasso-Nassovia im Jahre 1839, 
dessen Ehrenmitglied er ist, hat er seinen Zweck erreicht 
und sich dadurch um das Marburger Studentenleben 
sehr verdient gemacht. In seinem 26. Lebensjahre 
hadilitirte er sich als Privatdozent an der heimath 
lichen Universität Marburg, die ihn 1846 zum Professor 
der vergleichenden Anatomie beförderte. 1849 folgte er 
! einem Rufe nach Zürich, wo er 4 Jahre thätig blieb. 
1855 bestieg er den Lehrstuhl der Physiologie am 
Josesinum in Wien, 10 Jahre später nahm er eine 
Berufung an die Universität zu Leipzig an, wo er 
setzt noch wirkt. Ludwig ist wie Virchow, du Bois, 
Traube, Brücke. I. Meyer, Lieberkühn ein Schüler 
von Johannes Miller. Ein Hauptverdienst Ludwigs ist 
das Heranziehen der Physik und Chemie in den Dienst 
j der Physiologie, der Erforschung des Lebens und die 
Znraiheziehnng des Experimentes. Wenn es über-
        

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