Full text: Hessenland (1.1887)

— tz 
gesehen — schon einmal in schwerer L-bens- 
stunde . . . 
Er riß die Augen weit auf und richtete sie 
die Straße entlang bis wo sich die Däuser enger 
und enger aneinander drängten und die Menschen 
noch in so spä'er Stunde hastiger, von Arbeit 
getrieben, aneinander vorüber eilten. 
Die großen Schornsteine der Fabriken dort 
erschienen ihm Gespenster, die seinen Schritten 
folgten und seine Qual erhöhten. , 
Er zählte an den Fingern die Jahre ab, die ! 
ihr seitdem verstrichen waren — lange, einsame j 
Menschenjahre — vielleicht in der engen Gasse 
dort, über deren düstere Dächer kaum ein er 
wärmender Sonnenstrahl drang. 
Was war aus ihr und dem elenden Kinde 
geworden, das damals ihre Arme in verzweifelter 
Liebe umklammert hielten? 
Während er in bequemem Wohlleben im Reiche 
der Geister geforscht und segensreiche Stunden 
durchlebt — hatte sie vielleicht gedarbt? 
Er beflügelte seine Schritte, es drängte ihn 
vorwärts bis in die enge Straße hinein, in 
welcher der schwarze Rauch der Schornsteine 
seinen verpesteten Athem ergoß. 
Er achtete nicht der Menschen, die an ihm 
vorübergingen, er wußte jetzt, daß dort an der 
Ecke, ganz am Ende, das Haus sein mußte, aus 
.welchem er damals so schweren Herzens ge 
schritten war — — 
Da, gerade da, wo jetzt die große, schlanke 
Gestalt vor der verschlossenen Thüre stand, um 
zu öffnen. 
Er trat näher; sein Herz jagte wild in der 
Brust. 
Aus einem blassen, unvergessenen Gesicht sahen 
zwei Augen starr in die seinen. 
„Hans, Du?" 
Er vermochte nichts zu sagen, das Wort starb 
aus seinen Lippen. Seine Hand deutete nur auf 
das Riesengebäude da, in dem in dumpfem 
Brausen sich die Räder wälzten. 
„Ja, dort, Hans", sagte Eva, die ihn ver 
stand, „dort". 
„Und Dein Kind?" 
„Todt!" 
„Und dort hast Du gearbeitet, Eva, alle die 
Jahre, und hast es ertragen?" 
„Ich mußte wohl, es war mein Schicksal. 
Abe. ich dachte dabei an Dich, Hans, daß Du 
eines Tages kommen würdest und daß ich Dir 
dann sagen könne, daß ich es jetzt wisse, wie 
das Glück keine Gemeinschaft habe mit Glanz 
und Reichthum, — wie es auch hier in der 
Gasse liegen könne, — dort zwischen den Schorn 
steinen, wenn ei» schmaler Sonnenstrahl über 
das Pflaster huscht und die Steine vergoldet — 
in einer Erinnerung — einem Traume — 
einer Thräne. — — — — — — — 
„Eva, liebe Eva." — 
Sie wich zurück, schüttelte den Kopf und sah 
mit ihren tiefen Augen ernst und lange in sein 
Gesicht. 
War es nicht doch vielleicht nur eine verblaßte 
Erinnerung — Mitleid, was ihn zu ihr getrieben? 
Ihre Lippen zuckten und in ihren Augen 
loderte ein seltsamer Glanz. 
Almosen? Die konnte sie auch heute nicht 
yehmen — heute noch weniger als damals. 
Hans Huber sah in ihr edles, durchgeistigtes 
Gesicht und wußte nicht, was in ihr vorging. 
Wenn sie ihn noch einmal von sich stieß? 
Er wandte sich ab.' 
Eva bemerkte, wie sich seine Brust hob und 
die Schultern bebten. Ein jäher Sonnenstrahl 
zuckte dnrch ihr Herz, licht und golden, als könne 
er allen erstickten Blüthen wieder Duft und 
Leben geben — — „Das Bewußtsein seiner 
Liebe." 
Sie trat an ihn heran, legte ihre Hand sanft 
— so wie es ihre Art in glücklicher Zeit ge 
wesen — auf seine Schulter und sagte weich, 
mit einer Stimme, wie er sie niemals gehört: 
„Hans". 
„Eva!" 
„Hans laß mich Dein Weib sein!" 
Hans Huber hielt sie an seinem Herzen. 
Ueber ihren Häuptern zuckte kein flimmerndes 
Licht, wie über der Dornenkrone des Erlösers, 
aber durch die feinen Wolken hatte sich jetzt der 
Mond gedrängt und übergoß sie mit stillem 
Glanze. — 
Hans Huber blieb den nächsten Tag und auch 
noch die folgenden. Dann übergab er seine 
Braut dem Schutze Bernhard's und dessen Frau, 
um sie sich bald für immer in sein Haus zu 
holen.
        

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