Full text: Hessenland (1.1887)

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Aus alter und neuer Zeit. 
Die Kunst der Glasschleiferei in Hessen. 
Das von Arthur Pabst herausgegebene Kunstgewerbe 
blatt, Abtheilung der Zeitschrift für Bildende Kunst, 
enthält in seiner am 17. November erschienenen 
Nr. 2 einen sehr bemerkenswerthen Beitrag von dem 
Inspektor des Kaffeler Museums A. Lenz: über die 
in diesem Museum aufbewahrten hessischen Gläser, 
welcher uns von der hohen Blüthe, in der die Kunst 
der Glasschleiferei in Hessen schon in früheren 
Jahrhunderten gestanden hat, Kunde giebt. Nach den 
Angaben des Verfassers gab es hier schon in der 
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zahlreiche Glas 
hütten im Kaufunger- und im Reinhardswald, an 
der Rhön und am Spessart. Sie gehörten mit 
andern im Harz und im Braunschweigischen ge 
legenen zu einer einzigen großen Zunft unter den 
Grafen von Rinneck als Obervögten. Philipp der 
Großmüthige ordnete im Jahre 1537 die Rechte 
und Pflichten dieser Zunft durch einen Bundes 
brief und bestimmte Almanrode (Großalmerode), als 
den Hauptsitz der Betheiligten, zur Bundesstätte. 
Hier wurde auch zu Pfingsten jeden Jahres ein 
Bundesgericht gehalten, bei welchem im Jahre 1557 
zweihundert meist in Großalmerode ansässige Personen 
betheiligt waren. Der Handel nach dem Auslande 
war ein sehr ausgedehnter und blieb cs auch noch 
längere Zeit, obgleich in der Glasindustrie durch die in 
der Zunft eingeriffenen Unordnungen, schlechten Wald 
betrieb und dadurch entstandenen Holzmangel nach 
und nach ein Rückgang eingetreten war, erreichte 
aber wieder große Bedeutung am Ende des 16. Jahr 
hunderts unter der Regierung Wilhelm IV. Das 
deshalbige Verdienst gebührt vorzugsweise zwei hessischen 
Männern, dem Pfarrer Johannes Rhenanus zu.. 
Allendorf und dem Baumeister Christoph Müller in 
Kaffel. Die von dem Ersteren, dem Entdecker der 
Kohlenlager am Meißner, verfolgte Idee, auf den 
Hütten Kohlen statt Holz zu verwenden, brachte der 
Letztere dadurch zuerst zur Anwendung, daß er die 
Kohlen vorher durch Dörren in eine Art Koks ver 
wandelte. Die Feuerung der Schmelzöfen 
durch Kohle nist somit zuerst in den hessischen 
Glashütten eingeführt und nicht in England, 
wo sie erst unter Jakob I. stattfand, doch das Verdienst 
der Erfindung wurde, wie es so häufig geschieht, 
nicht einem Deutschen, sondern einem Ausländer, hier 
dem Engländer Robert Mansell, von verschiedenen 
Seiten zuerkannt. Da sich die neue Methode 
bewährt hatte, so veranlaßte dies Wilhelm IV. in 
Kassel, im „Weißen Hof« eine Glashütte einzurichten, 
in welcher zum erstenmal auch Krystallglas bereitet 
werden sollte. Dazu berief er 7 Italiener, welche 
anfangs so eifrig arbeiteten, daß hier in den ersten 
5 Wochen 13390 Gläser und 3249 Scheiben an 
gefertigt werden konnten, sich aber bald von einer 
so üblen Seite zeigten, daß der Landgraf im Jahre 
1584 das Unternehmen ganz aufzugeben beschloß. 
Im Jahre vorher hatte der Rechnungsführer der Hütte, 
Hans Ebel, an ihn berichtet: „ich finde, daß die 
Glaser zum Theil unnütze, grinde Hunde sind, liegen 
für und für mit dem Aufseher in Zank und Streit, 
sie wollen große Besoldung haben und gleichwohl mit 
dem Glase ihres Gefallens gebaren.« Einer von ihnen, 
Gregorius, wurde wegen Mordes des Landes verwiesen, 
und die andern folgten ihm bald in die Heimath nach. 
Der kunstsinnige Landgraf Karl widmete dann 
wieder der Kunst der Glasschleiferei seine volle Auf 
merksamkeit und legte eine Steinschleiferei an, in welcher 
den Krystallgläsern Namenszüge, Wappen, Jagdscenen, 
Erinnerungen an historische Ereignisse eingeschliffen 
wurden, z. B. die Entsetzung der vom Grafen Sittich 
von Goertz ruhmvoll vertheidigten Festung Rheinfels 
im Jahre 1692 durch den Landgrafen Karl. Joh. 
Justus Winkelmann berichtet in seiner Beschreibung 
Hessens 1697, Theil III, S. 389: „Landgraf Karl, 
der große Liebhaber vieler raren Künste und Wissen 
schaften, hat vor wenigen Jahren die fürtreffliche 
vor mehr als 1000 Jahren in Flor gewesene Edel- 
gestein-Schneid-Kunst durch einen berühmten Künstler 
Christoph Labhadern wieder herfürsuchen, an Tage 
bringen nnb zu dem Ende in den Schloßgraben zu 
Kaffel eine artige wohl inventirte Mühle, (so von der 
durch die Stadt laufende Druse! getrieben wird,) er 
bauen lassen, in welcher durch des Künstlers Hand 
allerhand rare. Stücke, sonderlich schöne Pokale und 
Trinkgeschirre von einem harten Jaspis gemacht werden." 
Außer dem Christoph Labbart hatte Landgraf Karl 
noch 6 andere Florentiner zur Einführung des neuen 
Industriezweigs nach Kassel berufen, welcher wie 
anzunehmen ist, bis zur Regierung Wilhelm IX. in 
Betrieb war. Der Staats- und Adreßkalender vom 
Jahre 1782 führt noch unter den Künstlern Peter- 
Hesse als Edelsteinschneider auf. Gegenwärtig bestehen 
in Hessen nur noch zwei Glashütten, die im Jahre 
1809 angelegte von Buttlar'sche zu Ziegenhagen und 
die zu Schauenstein bei Obernkirchen. 
Diese hier nur kurz angedeuteten Mittheilungen 
unseres als Kenner des Kunstgewerbes und dessen 
Geschichte in Hessen rühmlichst bekannten und geschätzten 
Museums-Jnspektors Lenz werden wohl Veranlassung 
geben, daß bei dem Besuche der unter seiner Leitung 
stehenden Abtheilung des Museums in dem Unterstock 
der Bildergallerie auch den dort befindlichen Prächtigen 
Proben der hessischen Glasindustrie besondere Auf 
merksamkeit geschenkt wird. Man wird dabei erkennen, 
daß es unsern kunstsinnigen hessischen Landgrafen 
ihrer Zeit gelungen war, auch diesen Kunstzweig auf 
eine hohe Stufe der Vervollkommnung zu bringen. 
N.-ck.
        

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