Full text: Hessenland (1.1887)

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Unsere zwei alten Frelheitsbänme. 
I. 
Auf dem Forste. 
Sei gegrüßt vor asten Eichen 
Du, die fern von Waldespracht 
Unter wackern Heldenleichen 
Auf dem Forste hält die Wacht. 
Wenn die Stürme dich umsausen, 
Wenn der Nebel dich umwallt, 
Wie dann deutschen Geistes Brausen 
Sich erhebt mit Sturmgewalt! 
Bald ist es wie Zornesgrollen 
Und es färbt der Plan sich roth, 
Und es tönt wie Donnersrollen: 
Emmerich und Hasserodt! 
Doch nicht immer hat dein Wipfel 
Fluch der welschen Macht gerauscht, 
Dein herbstlich gefärbter Gipfel 
Hat auch Hymnen einst gelauscht. 
Fünfzig Jahre war'n verronnen 
Seit der großen Völkerschlacht, 
Da hat der Oktobersonnen 
Schönste deinem Fest gelacht. 
Fahnenwallen, Jubelrufen, 
Und, trotz welschem Hohn und Spott, 
Braus't von des Altares Stufen 
Ein „Nun danket alle Gott!" 
Und dann zog ein mächtig' Mahnen 
Durch manch' tapfres Hessenherz, 
Und es stieg mit hehrem Ahnen 
Das „Alldeutschland" himmelwärts. 
Wohl liegt nicht in deinem Schatten 
Dieses Tages Denkmal nun, 
Uns'rer Aue grüne Matten 
Seh'n den Heffenleuen ruh'n. 
Aber über deinem Moose 
Schweben Geister Tag und Nacht, 
Die für's Vaterland, das große, 
Wie das kleine treu gewacht. 
Der dies schreibt, sah oft im Traume 
Solchen stolzen Heldenreih'n, 
Seit sein Wort am Freiheitsbaume 
Heil'gen Boden durfte weih'n. 
II. 
In der Karlsaue. 
In des Wintergartens Saale 
An der Aue grünem Saum 
Steht, nicht fern vom Leu'ndenkmale 
Unser and'rer Freiheitsbaum. 
Sechs und sechzig Jahre trugst du 
Noch dein immergrünes Kleid, 
Sechs und sechzig Jahre schlugst du 
Brav dich durch im Sturm der Zeit. 
Und es streuten deine Blüthen 
Noch so lange duft'gen Staub, 
Helle Goldorangen glühten 
Noch in Deinem dunkeln Laub, 
Seit die Kugel des Kosacken, 
Der damals in unsern Reih'n 
Beugen half des Korsen Nacken, 
Dich traf in das Herz hinein. 
Wolltest selber noch gern schauen 
Wie der blinden Hessen Schaar 
Dort auf Wörth's und Sedan's Auen 
Fest gepackt den welschen Aar! 
Hast erlebt, wie in der Nähe, 
Jäh gestürzt von seinem Thron 
Auf der stolzen Wilhelmshöhe 
Einsam saß Napoleon. 
Erst als nach neunjähr'gem Frieden 
Fest gefügt des Reiches Bau, 
War dir sanfter Tod beschieden 
In der winterlichen Au'. 
Doch aus Todesbanne ringen 
Lebenskeime sich hervor, 
Grüne Epheuranken schlingen 
Sich am grauen Stamm empor. 
Hoffnungsbild in dunkeln Tagen, 
Wenn einst neue Wetter drohn, 
Laß uns nimmermehr verzagen, 
Gott ist unser Schild und Lohn. 
Kassel, im November 1887. vr. 35. A. 
Winter. 
Frost und Eis und tiefer Schnee, 
Winter rings auf Höh'n, in Gründen; 
Keine Blume will sich künden — 
Winterzeit und Winterweh! 
Aber mir tief innen ist 
Eine Rose aufgegangen, 
Daß mein Herz bei ihrem Prangen 
All' des Winters Leid vergißt. 
3». John.
        

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