Full text: Hessenland (1.1887)

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Dann harrte sie aus neben ihm, bis er eingeschlafen 
war. 
In ihrem einsamen Stübchen blieb sie noch 
lange wach. Die groben Hände um die Kniee 
gefaltet, den grauen Kopf an die getünchte Wand 
gelehnt, dachte sie an die Vergangenheit - zurück. 
Sechszig heilige Abende lagen hinter ihr — manche 
dunkel und öde, wie es die Dürre der Einsamkeit 
mit sich bringt, andere lichterbeglänzt wie der 
heutige. Die Erinnerung an die Weihnachts- 
Abende, welche sie dem Knaben bereitet, der nun 
zum Manne gereift, stieg in ihr auf. Da war 
auch Jubel gewesen und Händeklatschen und 
Freude. Da war Dank gewesen in ihrer Seele, 
der Dank eines halbverschlossenen Herzens, dem 
Gott Frühlingstage gibt im Spätherbst . . . 
Und nun? 
„Wenn er lebt, der Junge," dachte sie „ob er 
sich heute daran erinnert? Er hat's freilich 
nicht wissen können, wie er mir alles war . . . 
Ach Gott, er wird ja wohl gestorben sein — liegt 
irgend wo vergraben in der fremden Erde." 
Die Thränen stürzen ihr plötzlich aus den 
Augen. Hastig stand sie auf und löschte das 
Licht. Es war ja nur ein halbes Flämmchen, 
aber der Mensch findet sich besser wieder im 
Dunkeln. Die alte Botenfrau weinte sich in den 
Schlaf. Sie schlief lange in den ersten Feiertag 
hinein; denn vom gestrigen Tagewerk her lag 
es ihr noch wie Blei in den Gliedern. 
Als fie erwachte, läuteten schon die Glocken 
von dem Thurme zum ersten Gottesdienst. Drunten 
vor der Hausthüre blies der Frieder in seine 
Trompete, Bäckers Fritzchen rief seinem Stecken 
pferde ein vernehmliches „Hü, hott!" zu und drüben 
am Fenster, der Anna-Marte gerade gegenüber, 
ließ Handschuhmachers Julchen die neue Puppe 
die ersten Gehversuche auf dem Blumenbrett machen. 
„Fröhliche Weihnachten!" tönte es hier und dort 
von Leuten, die einander begrüßten. 
Die Botenfrau stand auf, sich für den Kirch 
gang anzukleiden. Eben holte sie den weiten 
flanellgefütterten Kattunmantel mit den großen 
Blumen aus dem Spinde und setzte vor dem 
zersprungenen Spiegel die altmodische Spitzen 
haube auf ihren grauen Scheitel, da tönte ein 
polternder Schritt auf der Treppe. Knurrend 
und scheltend tappte Jemand den dunkeln Vor 
gang entlang. „Heda, Hollah! Aufgemacht, 
Jungfer Anna-Marte!" 
Schmunzelnd stand der Briefträger auf der 
Schwelle und hielt ein Packetchen in die Höhe, 
ein weitgereistes Packetchen, mit Schnüren um 
wunden und mit ausländischen Stempeln bedeckt. 
„FröhlicheWeihnachten, Jungfer! Daist etwas, 
Euch den Kirchweg schön zu machen!" 
Sie setzte sich auf die bunt bemalte Truhe 
neben ihrem Bette hin. Einige Minuten lang 
lag das Packetchen in ihrem Schooße, ehe fie sich 
getraute, cs zu öffnen. Du lieber Heiland! Die 
Adresse war ja von der Handschrift, welche sie 
so lange gekannt und so oft auf der alten Schiefer 
tafel gesehen, die nun vergessen in der Bodeu- 
kammer lag. Das war die steife, große Knaben 
schrift, auf welche sie stets so stolz gewesen. Sie 
löste einen Knoten nach dem andern, damit nur 
kein Stückchen Faden verloren gehe, faltete die 
Papiere bedächtig aus einander — ja, und da 
kam's, das Weihnachtsgeschenk, welches das Christ 
kind für die alte Anna-Marte bestimmt: das 
Bild eines großen, hübschen Menschen, der treu 
herzig in das Gesicht seiner Pflegemutter hinein 
lachte — und ein echter, wahrhaftiger Hundert 
markschein. Und da war ein Brief dabei, darin 
stand, daß er erst etwas Ordentliches habe werden 
wollen, ehe er ein Lebenszeichen gegeben. Nun 
aber wäre er in einer guten Stelle und werde 
jetzt regelmäßig schreiben und der Pflegemutter 
Geld schicken, damit sie sich nicht mehr zu plagen 
brauche — denn er danke ihr doch alles, und es 
sei nicht mehr als recht. Wer Kinder in Sorgen 
und mit Noth großgezogen, der könne später 
auch beanspruchen, daß sie ihm ein sorgenfreies 
Alter schüfen, und wenn der Weihnachtsabend 
käme, dann möge sie nur wissen, für sein Leben 
gern wäre er bei ihr wie früher. 
Die Anna-Marte faltete den Brief zusammen, 
besah noch ein Mal den Hundertmarkschein, wie 
Jemand, der's noch nicht recht glauben kann, 
und blieb noch einen Augenblick sitzen, den Kopf 
in die Hände stützend. 
„Ach mein Gott, mein Gott! Gar zu gut hast 
Du's mit mir altem, unnützen Weib gemacht. 
Vergib' meine Ungeduld! Du weißt ja, daß ich 
von jeher ein heftig Wesen gehabt hab'. Deine 
Güte an mir aber soll dem Frieder auch seinen 
Segen bringen. Herr Gott, laß' mich noch ein 
Weilchen leben, damit ich Dir zeigen kann, wie 
dankbar ich Dir sein will für all' Deine große 
Lieb' und Gnad'." 
Sie nahm das Gebetbuch, ging die Treppe 
hinab und winkte dem Frieder zu: „Leg' deine 
Trompete in die Ecke, Junge; wir gehen jetzt in 
die Kirche, dem Christkind zu danken, daß es an 
uns Beide gedacht hat. . . . Geh', sput' dich, 
Frieder!"
        

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