Full text: Hessenland (1.1887)

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suchen wollte, ließ sie ihn mit heimlichen Thränen 
und Schmerzen ziehen. Sie machte zum ersten 
Male in ihrem.Leben Schulden, um ihm die 
Ueberfahrt zu bezahlen. Niemals war der alten 
Botin das Wetter so rauh, der Sturm so hart 
erschienen, als da sie den Jungen auf der See 
wußte. Wie athmete sie auf, als die Nachricht 
von der glücklichen Ankunst des Schiffes kam — 
aber von dem Jungen brachte die Post kein Wort. 
Hatte er sie vergessen, war er leichtsinnig und 
schlecht geworden in dem Sodom und Gomorrha da 
drüben? Hatte Gott zugelaffen, daß er starb? 
Tage, Monate, ein Jahr, zwei Jahre vergingen. 
Der Jude fragte nach seinem Gelde, und die 
Anna-Marte mußte in ihren alten Tagen mehr 
als je rennen und laufen, die Summe abzutragen, 
damit sie. wie sie sagte, ihr Todtenhemd in Ehren 
tragen könne. 
„Man sieht, was dabei herauskommt!" zürnte 
die Botenfrau. „Für alle Lieb', alles Wohl 
meinen schwarzer Undank! .... Will wenigstens 
noch schlau werden, eh's ausgeläutet hat. Daß 
du mir keinen Heller ausgibst für den Frieder, 
alte Anna-Marte!" 
Aber nun führte der Heimweg sie über den 
Christmarkt, und obwohl sie mit strammen Schritten 
mitten durch das Gedränge ging und weder rechts 
noch links auffchauen wollte, so hob's ihr doch 
vor einer der letzten Buden die Augen in die 
Höhe. Die Leute hatten beinahe ausverkauft; 
aber in einer Ecke lehnte noch ein übrig gebliebenes 
struppiges Bäumchen, ein einziges Bündelchen 
Lichter lag daneben, und an dem gespannten 
Bindfaden schaukelte noch eine letzte, blanke gelbe 
Kindertrompete. Die Anna-Marte konnte nicht 
vorbei — es war, als ob irgend etwas ihr zuriefe: 
„In deiner letzten Noth wirst du es noch bereuen, 
Anna-Marte, läffest du den Frieder vergeblich 
auf sein Christkind warten!" Und da lagen auch 
schon die blanken, neu verdienten Groschen vor 
dem Verkäufer; die Botenftau hatte eigentlich 
gegen ihre Ueberzeugung ein gutes Werk gethan. 
Seufzend und über die eigeneSchwächeschimpfend, 
belud sie sich mit den erstandenen Schätzen. 
Wie sie aber durch die Straßen des Städtchens 
nach Hause ging und hier und da den Festtags 
jubel hörte und das Jauchzen glücklicher Kinder, 
auch wohl das Singen eines Weihnachtsliedes 
— da ward's ihr seltsam weich zu Sinn. Es 
thut doch^ gut, wenn man im Begriffe ist, 
Jemanden eine Freude zu machen . . . 
Wie leicht der Alten die Füße wurden! Es 
war fast, als hätten die Engel ihr Schwingen 
an die Sohlen gebunden, als stände der liebe 
Gott hinter ihr und spräche: „Will dir ja auch 
barmherzig sein,^du alte, rauhe Seele; bist ja 
oft gestolpert und in der Irre gewesen, hast gar 
mir selbst zuweilen einen barschen Vorwurf ge 
macht. Aber ich will dir's halt nicht zum 
Schlimmsten rechnen. Geh' nur hin, Anna-Marte, 
und sag' dem Frieder: „Das Christkind vergißt 
Keinen! Keinen — hörst du!" 
Die heftige, geräuschvolle Anna-Marte, zu 
deren ganzem Thun eine Partie Poltern gehörte, 
wurde plötzlich bedächtig. Sie schlich durch die 
Hofthüre in das alte Haus hinein, ganz leise 
— leise. Beim Schimmer der kleinen Laterne 
befestigte sie mit ihren harten, groben Händen 
Kerze für Kerze auf schwanken Zweigen des 
Bäumchens; dann hing sie die Trompete an den 
untersten Ast, steckte die Lichter an und schlich 
schmunzelnd vor die Thüre des Frieders. 
Der arme Junge stand noch immer mit ge 
falteten Händen am Fenster; aber sein Köpfchen 
war tief herabgesunken. Seine Augen leuchteten 
nicht mehr. Er glaubte das Unerhörte sei doch 
geschehen, das Christkind habe ihn vergessen! . . . 
Da kam das Lichtergefunkel zur Thüre herein, da 
stand das Bäumchen vor ihm und die Botin 
sagte: „Da schau, Frieder; 's Christkind ist mir 
unterwegs begeqnet. 's hat an dich gedacht. 
Aber recht brav und fromm sollst du werden 
und für deine Mutter beten, die gestorben ist 
und die wohl auch heut' den lieben Herrgott ge 
beten hat, daß Er dir Lichter bescheert." 
Der Frieder fiel auf die Knie, hob seine 
Hände auf und sagte: „Du liebes, gutes Christ 
kind, ich danke dir auch viele Mal!" Dann 
griff er nach der Trompete und begann zu tuten. 
Es klang so schön, daß die Anna-Marte die 
Augen mit der Schürze trocknete. Freilich bekam 
sie kein Dankeswort vom Frieder; sie wartete 
auch gar nicht darauf, denn sie hatte ja alles 
in Christkindleins Namen gegeben. Sie ging in 
ihr Kämmerchen, kochte einen tüchtigen Kaffee 
und holte sich dann das bleiche Kind herauf, 
das ganz glückselig, reich und freudestrahlend 
neben ihr saß und nur von Zeit zu Zeit in die 
.Trompete blies. 
„Wie sieht denn das Christkind aus, Anna- 
Marte?" fragte er zwischendurch. 
Die Botin beschrieb's ihm, so gut sie konnte. 
„Gerade, wie's in der Kirche auf dem Altar 
steht. Es trägt ein weißes Kleidchen, ein goldenes 
Krönchen und hat schon sein Kreuzlein im Arm." 
Es war der Anna-Marte, als sei sie selbst 
wieder ein Kind, dem der Lichterbaum in die 
Seele glänzt. 
Später als der Sandmann zum Frieder kam, 
nahm sie den Kleinen an der Hand, und sanft, 
wie eine Mutter es thut, zog sie ihm sein Röckchen 
aus und brachte ihn zu Bette. Sie faltete ihm 
noch die Hände und hing ihm die Trompete um 
den Hals, weil er nicht davon lassen wollte.
        

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