Full text: Hessenland (1.1887)

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sein Leben gern eine kleine Trompete von Blech 
gehabt, so ein wunderbares Instrument, das eine 
Stimme hat, die man wecken kann, wenn man 
Abends so ganz allein in der dunkeln Kammer 
ist und vor Gespenstern und Ratten sich fürchtet; 
mit dem man auch allen Jungen auf der Straße 
vorangehen kann, wie ein riesiger Trompeter in 
der Armee. 
„Ach liebes, liebes Christkindchen! Nur eine 
kleine, kleine Trompete — du hast doch den Frieder 
nicht vergessen, liebes Christkind? Die Mutter 
hat mir ja erzählt, daß du alle Kinder lieb hast, 
die an dich glauben und zu dir beten." 
So sprach der Frieder und preßte mit In 
brunst die Finger in einander. Kein Auge 
wandte er von den leuchtenden Fenstern im Nach 
barhause und bekümmerte sich, warum das Christ 
kind „die paar Schritte" zu ihm herüber nicht 
mache, da es doch ein Mal auf dem Wege sei. 
Wie er so recht eifrig gebetet hatte und kindische 
Gelübde gethan, kam plötzlich eine Art zitternder, 
freudiger Furcht über das einsame Kind. Mit 
weit aufgesperrten Augen sah es nach der Thüre 
hin; denn es dachte, die müsse jetzt aufspringen, 
und dann käme das weiße, leuchtende Jesulein 
herein mit einem Lichterbaum und einer Trompete. 
Statt dessen aber keuchte und ächzte etwas 
auf dem Gange; c'n Korb wurde stöhnend nieder 
gesetzt, ein Zündholz strich gegen die Wand und 
ein Kopf zeigte sich in der Thürspalte. 
„Heda Frieder!" sagte die heisere Stimme der 
Botenftau, die heimgekommen war, „hilf mir 
'Mal die Kiepe von der Schulter lad>n! Eil' 
dich, Bub!" 
Der Frieder that's, und da stand sie im Lichte 
der flimmerigen, blinden Stall-Laterne, die alte, 
schrumpelige Botenfrau, welcher der Kopf vom 
Tragen schwerer Kisten tief auf die Brüsk ge 
wachsen war. Sie sah ihn mit ihren grauen, 
blinzenden Augen an. „Was treibst du denn, 
Friederle, allein in der kalten Stub'? Ist denn 
der Vater noch nicht heimgekommen?" 
„Ich hab' gebetet," sagte der Frieder, der nur 
von einem Gedanken erfüllt war; „das Christkind 
ist 'nübergeflogen zu den Bäckersleuten und 
zum Schuster, hat auch Handschuhmachers Julchen 
nit vergeflen. Keinen vergißt's — gelt Anne- 
Marte? Ich muß schnell wieder in die Stube, 
damit ich's nit verpaß', wenn's vielleicht an's 
Fenster klopft." 
„Da geh', du Hans Narr!" brummte die Boten 
frau, belud sich mit ihrem Korbe und stolperte 
die knarrende Hühnersteige empor, welche zu ihrem 
Kämmerchen führte. Da droben war alles kalt, 
unwirthlich, unfestlich und öde, wie es bei ein 
samen Leuten aussieht, welche den ganzen Tag, 
die ganze Woche kaum in ihre Behausung kommen, j 
Aber sie war es ja nicht anders gewöhnt, die 
alte Anna-Marte. Sie stellte die Laterne auf 
den Tisch und stng an, all' die Packen und 
Päckchen, welche sie von der Residenz für die 
Kleinstädter mitgebracht hatte, ihrem Korbe zu 
entnehmen. Dann machte sie sich auf den Weg, 
jedes Einzelne zu seiner Bestimmung zu tragen. 
Als sie am Fenster des Straßenkehrers vor 
über kam, leuchtete, gegen die Scheiben gepreßt, 
das blasse, sehnsüchtige Gesicht des Kindes, welches 
auf das Christkind wartete. 
„Armer Kerl!" dachte die alte Person; „kann 
lange warten! Dem steckt Kein's ein Lichtlein 
an! Ist jeder froh, wenn er vom Oel der Noth 
ein Tröpflein abgespart hat für die eigenen 
Kinder!" Da faßte ihr etwas an's Herz: „Hast 
ja heut' ein gutes Verdienst gehabt, Anna-Marte. 
Nun? . . . Könntest dem armen Schlucker schon 
ein Mal eine Freud' machen! 's ist ja der Ge 
burtstag des Heilands, der dich arme Seel' er 
löst hat mit seinem Blut. Nur einmal im Jahre 
ist's Christtag, Anna-Marte!" . . . „Hätt'gerad' 
noch gefehlt!" knurrte sie, mit ihrem kurzen 
Athem die Treppen hinansteigend, „mein sauer 
Erworbenes an Firlefanzereien zu hängen! So 
armen Creaturen ist's gut, wenn sie von Kindes 
beinen an lernen, daß Einem das Leben kein 
seidenes Kisschen in den Rücken steckt. Anna- 
Marte, daß bu mir keine Capriolen machst! 
Das wär' so recht wie du — mit den Händen 
verthun, was du mit den Füßen erläufst." 
Die Botin hing an ihrem Groschen, wie alle 
Leute, die ihn Heller bei Heller verdient haben. 
„Hast du noch nicht Zahlen genug in den 
Schornstein geschrieben, alte Gans!" monologisirte 
sie zum großen Ergötzen der Passanten weiter. 
„Curirt dich eine Narrenklingel nicht, die dir 
vor'm Kopf hängt und dir alle Tag' vor den 
Ohren schellt? Hast ein Mal viel Geld an Je 
manden gehangen; könntest wissen, was dabei 
heraus kommt!" 
Die Anna-Marte hatte eine Geschichte. Sie 
war eine arme, alte Jungfer, die den Waisen 
jungen einer Schwester groß gezogen. Sie hatte 
das Kind geliebt wie ein leibliches, hatte alles 
das für es gethan, was ihr möglich war; sich 
den Bissen am Munde abgespart, um ihn dem 
Jungen zuzustecken. Sie hatte sich abgerannt 
und abgeplagt, daß er etwas Tüchtiges lernen könne, 
und sich keine gute Stunde gegönnt. Ein ordent 
licher Schreiner war er geworden, und zwar 
Einer, der etwas von der Kunst des Handwerks 
verstand. Ueber dem Bette der Anna-Marte 
hing seine erste Zeichnung — ein großer, steifer 
Schrank, ein Wunderding in ihren Augen. Als 
der Junge flügge geworden und sein Glück in 
dem gelobten Lande, das heißt in Amerika ver-
	        

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