Full text: Hessenland (1.1887)

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die frischen Christtagsstollen und bunten Weih 
nachtsmänner auf einem weißen Tuche lagen, 
und auf den Stein kletterte, von welchem aus 
die Kunden ihre Waaren verlangten. Auf die 
Zehen sich hebend, wollte er Einblick gewinnen 
in die elterliche Wohnung, wo das Christkind 
seine „Heimlichküche" hatte. 
Fritzchen aber hing sich heulend an seine Rock 
schöße und schrie: „Dann nimmt das Christkind 
alles und trägt's direct in den Himmel hinein 
. . . Nicht gucken! Nicht gucken! 
Das weinerliche, blasse Julchen des Handschuh 
machers, welches sonst vor lauter Zimperlichkeit 
nicht bis drei zählen konnte und stets vor den 
Gänsen und dem Lilliputhunde des Raseurs auf 
der Flucht war, zog den Uebelthäter an seinem 
defecten Höschen herab von dem usurpirten Steine 
und hielt ihm resolut die beiden mageren Fäuste 
entgegen. „Du darfst das Christkind nicht böse 
machen, sonst fliegt's fort, auf und davon." 
„Wohin denn?" fragte Karl überlegen. 
„Aus der Welt —, nach Amerika — oder 
zurück in den Himmel." 
„Bringt das Christkind euch einen Baum?" 
fragte Fritzchen. 
Julchen nickte geheimnißvoll: „O, solch' einen 
kleinen, wunderhübschen Baum! — cs hat ihn 
droben in die Gang-Ecke hingestellt. Der Baum 
ist noch nicht einmal so groß als ich — so nied 
lich! Und eben jetzt putzt das Christkind ihn 
aus. Nach Weihnachten legt es die Zuckersachen 
wieder in das rothe Kästchen oben auf dem 
Schranke — jetzt steht die Schachtel auf dem 
Tisch, und die Engel fädeln die zerbrochenen 
Dinge wieder zusammen. Mutter und Vater 
dürfen zusehen." So sprach Handschuhmachers 
Julchen mit verklärtem Gesicht und einem heiligen 
Schauer im Herzen. 
Plötzlich hatte Karlchen einen Einfall. Er 
warf seine gestrickte Pudelmütze in die Luft und 
schrie: „Das Christkind soll leben! Vivat hoch!" 
„Vivat hoch!" rief die ganze Gesellschaft wie 
aus einem Munde. 
In den Jubel hinein tönte die Schelle aus 
der Wohnung des Bäckers. Wie schnell Fritz und 
Karl jetzt Kehrt machten! Sie rannten das 
arme Julchen beinahe über den Haufen, sprangen, 
troddelten, stolperten die Treppe hinauf. Aber 
an der Thür des Wohnzimniers faßten sie ein 
ander an der Hand, legten die kleinen Gesichter 
in feierliche Falten und betraten gravitätisch die 
Schwelle, über welche das Christkind geflogen. 
Die klebrigen drängten in die Hausthür und 
sahen ihnen nach. Das Licht des Bäumchens 
fiel während eines Augenblickes auf die schwarzen 
Dielen des Hausflurs; dann schloß sich der 
Spalt. 
Wir aber schauen durch das Fenster und sehen 
sie Alle mit gefalteten Händen vor der papicrnen 
Krippe stehen: den Bäcker und die Bäckerin, den 
Lehrling, die schluchzende Magd und die Kinder. 
Und wenn auch jeder von ihnen die Melodie des 
Liedes anders auffaßt, es klingt doch schön: 
Ach, seht in der Krippe 
Auf Hm und auf Stroh, 
Maria und Joseph betrachten es froh: 
In reinlichen Windeln das himmlische Kind, 
Viel reiner und holder, als Engel es find. 
„Nun muß es bei uns auch bald bimmeln!" 
meinte Schusters Trine, indem sie dem Josephchen 
auf die wackeligen Beinchen half und es tröstend 
bei der Hand nahm. Sie stellte sich in der 
Hausthür in Positur; denn ihre Eltern wohnten 
im ersten Stock, und die Kinder durften sich, 
strenger Verhaltungsmaßregel zufolge, nur auf 
gegebenes Zeichen droben blicken lassen. 
Handschuhmachers Julchen aber stand unbeweg 
lich mitten in der Straße und beobachtete mit 
athemloserSpannungdieFenster„ganz am höchsten" 
hinter denen ein wunderbares Funkeln und Flim 
mern zu entstehen begann. Die kleine, ernsthafte 
Person hoffte im Stillen, sie werde Zeugin sein, 
wie das Christkind oben aus dem Fenster her 
ausflöge mit all' seinen beschwingten Begleitern. 
Trine und Josephchen waren schon gerufen — 
da fiel ihr ein, auch die Nachbarhäuser zu be 
trachten, und sie gewahrte, daß in dem gegen 
überliegenden kein Licht brannte. Es war ja 
auch natürlich; denn dort wohnte die „Botenfrau", 
welche erst noch mit dem Zuge aus der nächsten 
großen Stadt zurückkam, und der Straßenkehrer 
Herbold, der niemals Abends zu Hause war. 
Ob wohl zu dem Frieder des Straßenkehrers auch 
das Christkind kam? — Gewiß doch — der 
Frieder war ein ordentlicher Junge, treuherzig, 
wenn auch schmutzig und verlumpt. Julchen 
faltete im Stillen die Hände: „Liebes Christkind 
vergiß doch den Frieder nicht!" 
In diesem Augenblicke rief die Stimme des 
Handschuhmachers von oben: „Julchen, Julchen, 
der Christbaum brennt!" Mit einem jubelnden 
Aufschrei stürzte das kleine Mädchen vorwärts. 
Alles, was die Kinder einander vor der Thüre 
erzählt, hatte des Straßenkehrers Frieder, der 
am offenen Fenster der dunklen Stube saß, gehört. 
Der Frieder war ein schmächtiger, blasser Junge 
von acht Jahren, der keine Mutter mehr hatte 
— nur einen groben, polternden Vater, welcher 
Abends erst spät aus dem Wirthshause zu kommen 
pflegte. 
Keine Weihnachtsfreude für den Frieder? Er 
war ein vergessener, kleiner Kerl, dem Niemand 
ein„Huschepferd", noch einePeitsche kaufte oder irgend 
etwas anderes. Und doch hätte der Frieder für
        

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