Full text: Hessenland (1.1887)

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lindes. Ueberall riecht's nach Bratäpfeln, frischem 
Kuchen und Tannenharz; Nüsse klappern in den 
Körben der Leute, denen es spät erst gelang, 
Feierabend zu machen, und die nun heimkehren 
vom Christmarkt. Manches arbeitsharte, falten 
reiche Gesicht glättet sich zu einem glücklichen 
Lächeln, und Jeder, der heute nur etwas zu ver 
schenken hat, und sei es ein Gegenstand aus der 
„Fünfgroschenbude", dünkt sich ein kleiner Krösus, 
fühlt sich doppels wichtig, fast geehrt durch die 
Mission, zu irgend Jemand die Freudenbotschaft 
von seiner Liebe zu tragen. Das Gloria zittert 
in der Lust — denn unser Herrgott feiert Seinen 
höchsten Festtag, den Tag der Neugeburt der 
christlichen Liebe, an dem Er blühen sieht, was 
oft das Jahr hindurch so still und verdorrt stand 
in der Menschenbrust. Nun springen die Knos 
pen, nun sproßt aus kaltem Boden die Weih 
nachtsrose. 
Der Stern von Bethlehem ist aufgegangen; 
die Hirten, die Könige und die Weisen folgen 
seinem Strahl. Wieder zeigt sich Gott als Kind 
auf Seiner Mutter Arm, lächelnd, holdselig, die 
Arme ausbreitend nach Allen — nach den Kindern 
Seiner Gnade und nach den dunkeln Seelen der 
Heiden. Unwiderstehlich in Seiner süßen kind 
lichen Barmherzigkeit, zwingt er zu Seinen Füßen 
die Wegmüden, Starren und Kalten. Er läßt 
die Menschen nicht los, wie sie auch aus Seiner 
Nähe sich entfernt haben; er weiß sie zu finden, 
und zuweilen unbewußt feiern sie Seines Namens 
Herrlichkeit. Mit göttlicher Erleuchtung naht Er 
den Aermsten und Reichsten und segnet, feuert 
an, zwingt zur That. Die Gabe des Aermsten 
aber ist die größte; zu den Niedrigsten beugt sich 
das göttliche Kind am tiefsten herab. Wenn Es 
dort Sein Licht brennen sieht, wie erdenerwärmend 
wird Sein Lächeln! 
Nicht in Schnee und Eis, beinahe frühlings 
artig kam in diesem Jahre der heilige Abend, 
und wie im Lenz drängte sich aus den engen 
Wohnungen das Leben auf die Straße. 
Auf der Treppe des dreistöckigen Hauses, das 
schmal wie ein Handtuch zwischen den breitspurigen 
Gefährten hing, über dessen gewölbter, eisenbe 
schlagener, von Rauch und Zeit geschwärzter Thüre 
noch die Jahreszahl 1643 in den Balken gegraben 
war, saß ein Häuflein flachsköpfiger kleiner Bürger 
dicht an einander gedrängt. 
Da war die Trine des Schusters, eine hand 
feste, entschiedene kleine Person, welcher der blonde 
Zopf stets eigensinnig vom Kopfe wegstarrte, der 
die Locken und Löckchen trotz aller mütterlichen 
Pommade wild um die Stirne flatterten. Sie 
hielt ihr zweijähriges Schwesterchen, das Joseph- 
chen, auf dem Schooße. Das rosige, posaunen 
engelhaste Josephchen mit den schiefen Beinchen 
war eigentlich ein Schreihals erster Klasse. Heute 
aber war's zufrieden, von der Stimmung des 
Abends ergriffen. Es liebäugelte mit den grell 
roth bekleideten Füßchen und balancirte das bunt 
gestickte „Pätschchen" auf der großen Zehe, hin 
und her. Neben Trine saß Handschuhmachers 
Julchen, beinahe zitternd in der Aufregung der 
Erwartung. Ihr schloffen sich Bäckers Karlchen 
und Fritzchen an. Fritzchen trug ein großes, 
gelbes Taschentuch über dem Kopfe, mit zwei 
Zipfeln geknotet, weil er Zahnweh hatte. Nun 
aber überwog die Freude des Harrens und Bangens, 
die gewaltige Spannung des Gemüthes den 
körperlichen Schmerz; er kauerte da mit leuchten 
den Augen und halb offenem Munde, regungs 
los. Alle, wie sie da zusammensaßen, warteten 
auf die Schelle, welche sie zur Christbescheerung 
rufen sollte. 
„Ich möchte wissen, was ich krieg'," seufzte 
Julchen. 
„Ein goldenes »Nichtschen« und ein silbernes 
»Wart' ein Weilchen«", entgegnete das bereits 
schulpflichtige Karlchen. 
„Mach' jetzt keine Flausen; 's Christkind hörts." 
„Ich hab' das Christkind gesehen!" rief Trine 
eifrig. „Just vor ein paar Minuten, als ich in 
der Bodenluke stand, flog's in einer schneeweißen 
Wolke über die Stadt hin. Hu — so schnell! 
Gewiß wollte es noch ein Mal sehen, ob auch 
kein Kind löge, oder schnuckte, oder sein Brüderchen 
kratzte." 
„Und ich," meinte Fritzchen, der noch nicht volle 
vier Jahre alt war und sich das „däddeln" nicht 
abgewöhnen konnte, „ich hab dem Christkind zu 
gehört. Es will dem Karlchen eine große Peitsche 
bringen und ein »Huschepferd«, wenn's nicht mehr 
am Daumen lutscht, hat's zur Mama gesagt. 
Gestern Abend war's als ich schon im Bettchen 
lag." 
„Du hast ja den Daumen im Munde, Fritzchen!" 
mahnte Trine. Der kleine Sünder zog ein schiefes 
Mäulchen und besah reuevoll den rothen, fetten 
Finger, der sich immer wieder zwischen die weißen 
Zähnchen verirrte. 
Karlchen hatte auch seine Hoffnung im Betreff 
dessen, was das Christkind bringen sollte. Er 
träumte von einem Bücherranzen mit grünem 
Lederdeckel und von einem Federkasten, auf dem 
die sämmtlichen Gestirne des deutschen patriotischen 
Himmels auf goldenem Grunde gemalt sein 
sollten. 
Das zwischerte durcheinander, als sei ein Nest 
voll junger Zaunkönige ausgeflogen. Die Er 
regung stieg von Secunde zu Secunde, und da 
sie auf ihrem Höhepunkt angelangt war, machte 
sie Karlchen so tollkühn, daß er sich an das 
väterliche Ladenbrett im Erdgeschoß schlich, wo
        

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