Full text: Hessenland (1.1887)

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Bewohner von Ulrichstein wieder hart mitge 
nommen. Ein Gleiches fand statt bei dem Rück 
züge der Alliierten hinter die Ohm im folgenden 
Monat, welcher Rückzug durch das unglückliche 
Treffen bei Nauheim veranlaßt wurde. Bei 
diesem Rückzüge ging ein großer Teil der Ba 
gage über Ulrichstein; ebenso hatte General Frey 
tag einige Tage sein Lager in der Nähe; des 
gleichen stand gegen Ende des September General 
Poyanne bei Ulrichstein.*) Zum Glücke für ganz 
Heffenland fand dieser verhängnisvolle Krieg 
noch in diesem Jahre sein Ende. — 
*) Die Gemeinde Ulrichstein bewahrt noch die Akten 
über die durch die Kriegsereigniffe vom August bis November 
1762 entstandenen Kosten. Dieselben wurden dem Verfasser 
mit dankenswerter Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt. 
Sie enthalten zwar nichts wesentlich Neues, lassen jedoch 
erkennen, wie hart selbst dieses kleine Städtchen von dem 
siebenjährigen Kriege mitgenommen worden ist. Die ent 
standenen Kosten und Schäden sind bis in's Einzelne 
genau verrechnet und zusammengestellt. Für jeden einzelnen 
oer betroffenen Bewohner (von denen 31 mit Namen auf 
geführt worden sind) ist ein besonderes Verzeichnis mit je 
17 Rubriken, wie folgt, aufgeführt: 
1) Bey der Belagerung den 8. u. 9. Aug. 2) Bey dem 
Haubtquarür d. 26. u. 27. Aug. 3) Brodwahgen vom 
28. Aug. bis 8. Sept. 4) Rückzug der Bagagen davon 
Lacher im feltrüb d. 8. Sept. ö) Engelenter Durchzug 
und Lager beym galgen Strauch. 6) Freytags Jäger 
Corps d. 10. II. 12. Sept. 7) Volantir St. Victor, so 
in der nacht dm 13. von Schotten kommen. 8) Fouragierung 
nach Mendorf ii Wagen d. 27. Sept. 9) Lager des 
General Poian d. 28. u. 29. Sept. io) Seybertröder 
furagierung den 4. Oetobr. 11) Bedeckung aus den Höffen 
d. 10. und N. Oktober. 12) furagierung zu Langwaßer u. 
grundmihl d. 13. October. 13) Bedeckung wie das gericht 
Engelroth das 1. mal furagirt. 14) Als die Berchinischen 
Husarenden 21. October furagirt. 15) Bedeckung von den 
Sachsen, wie das Gericht Engelroth das 2. mal ist furagiert. 
16) Bedeckung wie die Kirch bestohlen, 31. October. 17) 
Garnison von Kaffel, 11. November. 
Erst in unserem Jahrhunderte fiel die statt 
liche Feste Ulrichstein, die die Stürme des dreißig 
jährigen und des siebenjährigen Krieges über 
dauert hatte, der Vernichtung anheim, und zwar 
durch bedauerlichen Vandalismus in Friedens 
zeiten. Noch in den zwanziger Jahren wurde 
das Schloß als Beamtenwohnung benutzt. Im 
Jahre 1826 jedoch wurde es an einen Privat 
mann (namens „Schuchard") für 820 Gulden 
verkauft. Dieser wußte nichts Besseres mit dem 
Schlosse anzufangen, als es abzubrechen, und das 
hierdurch gewonnene Material teils zu ver 
äußern, teils auch zur Erbauung eines Wohn 
hauses in dem Städtchen zu benutzen. — 
So wurde das altehrwürdige Bergschloß von 
Ulrichstein zerstört! — 
Der Wanderer*) aber, der mit Entzücken 
vom Gipfel des Schloßberges von Ulrichstein in 
die weite Ferne das Auge schweifen läßt, er 
erinnere sich an all' die hohen Namen, die sich 
an die altersgrauen Trümmer zu seinen Füßen 
knüpfen. Vor allem aber erinnere er sich ge 
hobenen Herzens an die Großthaten unserer 
Väter, die auch hier welschen Stolz brachen, die 
auch hier des Hesfenlandes sich würdig erwiesen! — 
*) Seitdem im Jahre 1881 sich auch für den Vogels 
berg ein eigener Touristen-Club gebildet hat, ist auch dieses 
Gebirge, für den eben Ulrichstein ein wichtiger Eingangs 
punkt ist, mehr und mehr ein beliebtes Ziel des Wanderers 
geworden. Und in der That, wie lohnend und genußreich 
ist die Wanderung über diese gewaltigen Basaltkuppen, 
durch diese lieblichen stillen Thäler mit ihren grünen Mat 
ten und ihren murmelnden klaren Bächlein! — Ein be 
sonderes Verdienst hat sich in dieser Hinsicht Prof. Dr. 
Büchner (der Sekretär des oberhessischen Vereins für 
Lokalgeschichte) erworben durch die Veröffentlichung seines 
trefflichen Führers durch den Vogelsberg, Gießen bei E. 
Roth 1887. — 
ie Uulöaer Worzellansabrik 
spielt eine nicht unwichtige Rolle in der soeben 
ausgegebenen Schrift: „Die Kurmainzische 
Porzellan-Manufactur zu Höchst von 
dem Wiesbadner Privatgelehrten Ernst Zais." 
Wir ersehen aus diesem Prachtwerk ersten 
Ranges, deffen Herstellung allein schon einen sehr 
langen Geldbeutel voraussetzt und dessen Material 
aus verschiedenen Archiven von Wien bis Würz 
burg zusammengesucht ist, daß Fulda die zweite 
Tochter von Meißen war, — die erste ist Wien. 
Die Manufactur zu Höchst wurde im Früh 
jahr 1746 durch Adam Friederich Löwenfinck 
eingerichtet. 
Derselbe, Sohn eines kursächsischen Offiziers, 
war 1726 mit zwei Brüdern in die Manufactur 
u Meißen, wo der bekannte Böttger 1711 
as Porzellan bei seinen alchimistischen Versuchen 
nacherfunden hatte, eingetreten. Zehn Jahre 
später entwich er von dort unter Mitnahme 
eines Pferdes und Zurücklaffung zahlreicher 
Schulden nach Bayreuth. Hier sollte er seinem 
Landesherrn ausgeliefert werden, weshalb er sich 
nach Fulda flüchtete. 
Er ist wohl derjenige, der hier die Entstehung 
einer Porzellanfabrik veranlaßte. Die Gründung 
wäre demnach in die Jahre 1736 oder 1737 zu
        

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