Full text: Hessenland (1.1887)

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nommen. Die Verteidiger eröffneten ein 
mörderisches Feuer durch die Schießscharten und 
von den Dächern herab; auch mit einem Hagel 
von Steinen, die fast noch gefährlicher wirkten, 
als die Kugeln,' wurden die Angreifer über 
schüttet. Das Thor, welches durch eine hinter 
ihm angebrachte Steinauffüllung verdoppelte 
Widerstandskraft erhalten hatte, spottete allen 
Anstrengungen der Sappeure, ja selbst den darauf 
abgegebenen Kanonenschüssen. Trotz schwerer 
Verluste wurde der Ansturm noch volle zwei 
Stunden mit unübertrefflicher Ausdauer fort 
gesetzt. Oberst von Ditfurth, der alle Gefahren 
mit seinen Leuten teilte, wurde selbst verwundet. 
Das Geschütz wurde noch um 2 Dreipfünder 
verstärkt, die nun gleichfalls ihr Feuer gegen 
das Thor richteten. Nach Verlauf jener Zeit 
erhielt Hauptmann von Weitershausen den Auf 
trag, die Besatzung zur Uebergabe aufzufordern. 
Dieser führte seinen Auftrag voreilig aus, bevor 
man auf beiden Seiten Ruhe hergestellt hatte. 
Als Hauptmann von Weitershausen in Aus 
führung des erhaltenen Befehls näher trat, erhielt 
er einen wuchtigen Steinwurf, der seinen Tod 
herbeiführte. Obgleich das Schloß noch wenig 
gelitten hatte, nahm Oberstlieutenant von Ried, 
angesichts eines so tapfern und unermüdlichen 
Gegners, die Bedingungen der Uebergabe an; er 
kapitulierte unter der Bedingung freien Abzugs 
mit Waffen und Gepäck unter den üblichen 
kriegerischen Ehren. Außerdem mußte sich die 
Besatzung verpflichten, ein volles Jahr lang nicht 
gegen die Alliierten zu dienen. 
Die Verluste der Hessen waren verhältnismäßig 
groß. Sie beliefen sich auf 2 Offiziere und 
20 Soldaten an Toten, sowie auf 100 Mann 
an Verwundeten, unter welchen, wie bereits oben 
berichtet, sich Oberst von Ditfurth selbst befand. 
Der Feind hatte 10ffizier und 7 Mann an Toten. 
In dem Briefwechsel des Herzogs Fer 
dinand von Braunschweig mit Friedrich 
dem Großen findet sich eine besondere, über 
aus löbliche Erwähnung dieses heldenhaften An 
sturmes des hessischen Bat. „Grenadier." Der 
Oberbefehlshaber der Alliierten meldete dem 
preußischen König aus Fulda unter dem 9. April 
1759, daß dieses Bat. bei jenem Sturme „Wunder 
derTapferkeit vollbracht habe." (Vgl. Knese 
beck, Ferdinand Herzog zu Braunschweig während 
des siebenjährigen Krieges (Hannover 1858) Bd. 
I., S. 314). 
War hierbei das Bergschloß Ulrichstein Zeuge 
höchster Tapferkeit unserer Landsleute im An 
griff gewesen, so wurde eine gleiche Tapferkeit 
auch bei einer Verteidigung dieser Feste zu 
Ende desselben Krieges von ihnen entfaltet. 
In der zweiten Hälfte des Jahres 1762 ver 
schob sich der Kriegsschauplatz wieder nach Ober- 
heffen. Nach dem Siege Ferdinands bei Wil 
helmsthal am 24. Juni zog sich das französische 
Hauptheer unter den Marschällm ä'Lstrsss und 
Koubis« auf die rechte Seite der Fulda zurück; 
Ferdinand suchte ihnen sodann die Verbindung 
mit dem Maine abzuschneiden. Hierauf rückte 
Prinz Oonäs in 5 Kolonnen vom Niederrhein 
zur Unterstützung der Marschälle heran. Bei 
Gießen überschritt er am 6. August die Lahn; 
schon am folgenden Tage schlug er bei Stangen 
rod, eine halbe Meile nördlich von Grünberg 
gelegen, sein Lager auf. Von hier aus wurden 
nun verschiedene Streifzüge gegen die Alliierten 
unternommen. So rückte denn, nachdem am 8. 
August eine Rekognoszierung des Schloffes von 
Ulrichstein durch leichte Truppen unter General 
Wurmser stattgefunden hatte, in der folgenden 
Nacht General-Lieutenant Graf d'Affry aus 
dem Lager von Stangenrod gegen diese Feste 
vor; er hatte 2 Brigaden unter seinem Befehle, 
die Brig. Orleans und die Cav. Brig. de Berry, 
nebst 4 schweren Geschützen und 2 Haubitzen. 
Diesen Truppen stand die geringe Besatzung von 
50 hessischen Jägern unter Hauptmann von 
Wurmb und Lieutenant Geise gegenüber. Mor 
gens um 8 Uhr erschien der französische General- 
Lieutenant vor der Burg und eröffnete sofort 
ein heftiges Feuer auf dieselbe. Sodann folgte 
Sturm auf Sturm. Die geringe Zahl der Ver 
teidiger leistete jedoch den tapfersten Widerstand. 
Erst gegen Mittag, als eine breite Bresche er 
öffnet wurde, die weitere Gegenwehr unmöglich 
machte, ergab sich die hessische Besatzung. Das 
Schloß wurde nun mit einer Abteilung leichter 
Truppen unter General Wurmser besetzt. Nach 
dem Graf d' Affry einen Haufen von Bauern 
zum Abtragen der Festungswerke aufgeboten 
hatte, trat er den Rückzug nach dem Lager des 
Prinzen Cond« an. Als sich nun auch General 
Wurmser bald wieder nach Freiensteinau zurück 
zog, stellten die Bauern ihre Arbeit wieder ein. 
Der Erbprinz von Braun schweig (der 
tapfere, später so unglückliche Oberbefehlshaber 
in der Champagne und bei Jena und Auerstädt) 
wurde nun gegen Conds gesandt und drängte 
diesen bis gegen Gießen zurück. DaS französische 
Hauptheer aber trat in südlicher Richtung 
gegen Hersfeld, Hünfeld und Hanau den Rück 
zug an, um sich mit Conds zu vereinigen. 
Herzog Ferdinand folgte den Marschällen über 
Alsfeld, um eine Vereinigung des feindlichen 
Hauptheeres mit Cond« zu hindern. Am 26. 
Aug. bezog das alliierte Heer ein Lager zwischen 
Ulrichstein und Engelrod ('/» Meile ost-nord 
östlich von ersterem), in welcher Stellung es zwei 
Tage verblieb. Hierbei wurden denn auch die
	        

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