Full text: Hessenland (1.1887)

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„Jedem Deutschen und den Hessen ganz be 
sonders bleibt stets die Stätte in theurem Andenken, 
wo einst die Mutter die ersten Schritte des Kindes 
leitete, wo wir die ersten Worte der Mutter lallen 
lernten, Eltern und Lehrer den ersten Heim zur Er 
kenntniß des Guten, Edlen und Schönen in uns 
legten und wo wir die schönste Zeit des Lebens, die 
köstlichen Jugendjahre, verlebten. Hat uns auch später 
ein widriges Geschick oder der Drang nach größerem 
Ellbogenraum in die weite Ferne getrieben, so ge 
denken wir doch gerne jener Tage und der Gegend, 
wo vielleicht noch die Gespielen unserer Jugend leben, 
liebe Anverwandte sich für unser Geschick interessiren 
oder gar ein trautes Mütterlein der Heimkehr des 
ausgewanderten Sohnes mit liebender Sehnsucht harrt.- 
Möge unsere Kollegin jenseits des Weltmeeres voll 
und ganz ihren Zweck erreichen. Wir rufen ihr ein 
herzliches „Glück auf!“ zu. 
S. 
Hessische Kücherschav. 
Dr. Hu goBrunner, Dis Politik Landgraf Wilhelms 
VIII. von Hessen vor und nach dem Ausbruche 
des siebenjährigen Krieges, bis zur Konvention 
von Kloster-Seven einschließlich. (Sep-Abdr. 
aus der Zeitschr. d. Ver. f. Hess. Geschichte und 
' Landeskunde N. F. Bd. XIII) (223 S.) Kassel 
1887. 
Nachdem Verfasser die kritische Lage Hessens vor 
dem siebenjährigen Kriege in allgemeinen Zügen vor 
geführt, behandelt er die Vorgänge vom Ausbruche 
des Krieges bis zu der am 8. September 1757 
erfolgten Konvention v. Kloster-Seven, dem rühmlosen 
Abschluffe des traurigen Feldzuges des Herzogs von 
Cumberland. Zunächst werden die Bemühungen 
Landgraf Wilhelms VIII. um die Erhaltung der 
Neutralität geschildert, dann die Verhandlungen desselben 
mit England, Preußen und Hannover bezügl. der 
Sicherheit seines Landes unter fortwährender Bezug 
nahme auf die Quellen dargelegt. Vrit Genugthuung 
verfolgt man die klare, zielbewußte Politik des hessischen 
Fürsten, welchem zwei hervorragende Staatsmänner, 
Minister Friedr. August von Hardenberg und Jakob 
Sigismund Waitz (nachheriger Freih. Waitz von Eschen) 
berathend zur Seite standen, einen erfreulichen Gegen 
satz bildend zu der jammervollen Politik Hannovers, 
dessen Staatsmaschine von dem schwächlichen Kammer 
präsidenten Gerlach Adolf von Münchhausen gelenkt 
wurde. Der Kurfürst Georg II, auch König von 
England, weilte ja weitaus den größten Theil des 
Jahres in London und kam nur zur Sommerfrische 
herüber nach Herrenhausen. Die Verhandlungen über 
die Trennung des hessischen Truppencorps von dem 
verbündeten Heere (Hannover, Braunschweig, Gotha 
und Lippe-Schaumburg), sowie eine eingehende Be 
trachtung der berüchtigten Sevener Konvention be 
schließen das Werk. 
Es ist unmöglich, genauer auf den hochintereffanten 
Inhalt einzugehen, ohne den uns zu Gebote stehenden 
Raum zu überschreiten. Wir können nur noch her 
vorheben, daß das vorliegende Buch alle die Vorzüge 
vereinigt, welche schon die früheren Arbeiten des ver 
ehrten Verfassers auf dem Gebiet der vaterländischen 
Geschichte auszeichnen: gründlichste Detailforschungen, 
klare Ausdrucksweise, anziehende Darstellung. Ein 
ausgedehnter Leserkreis ist ihm sicher. K. 
Eine neue hessische Dichtung. Nur weni 
gen Lebenden werden die Zustände Kurhessens und 
seiner Hauptstadt Kaffel aus den Zwanziger Jahren 
dieses Jahrhunderts noch in deutlicher Erinnerung sein. 
Es standen bekanntlich zu jener Zeit in Kaffel 
zwei Höfe einander entgegen, an deren einem neben 
dem Kurfürsten Wilhem II., die Favoritin desselben, 
die Gräfin Reichenbach unumschränkt herrschte, während 
dem anderen die Kurfürstin in edlem Walten einem 
kleinen Familienkreise gebot. Zwischen beiden Höfen 
stand der noch jugendliche Kurprinz, bald mehr dem 
einen, bald mehr dem anderen sich zuneigend. Die 
Neigungen des Volkes waren getheilt. Die Gesellschaft 
der Hauptstadt und viele Beamten hielten es mit der 
Gräfin, von deren Gunst persönliches Wohl und 
Stellung abhingen, die breiteren Schichten des Volkes 
hielten zur bescheidenen Kurfürstin. Die stürmische 
Jugend hoffte von dem Kurprinzen Befreiung aus 
den Fesseln und die Verkündigung einer Verfassung. 
Ueberall herrschten Druck und Verstimmung und doch 
wußte Niemand, was geschehen müsse, damit Fürst 
sowohl als Volk sich wieder wohl fühlten. 
Es waren Jahre dumpfer Gährung, für welche 
erst, nachdem sie vorbei waren, das richtige Verständ 
niß kommen konnte. Gleichwohl vermag einfache 
Geschichtsschreibung auch jetzt nicht ein klares Bild 
derselben zu geben. Es bedarf tieferer psychologischer 
Einsicht, dichterischer Auffassung, um den Charakter 
eines Fürsten zn zeichnen, der bei allen Launen, aller 
persönlichen Willkür, dennoch sein Volk liebte. - Es 
bedarf der lebendigen Farbe der Dichtung, um ein 
Volk zu verstehen, das auch in der Erniedrigung von 
seiner Vaterlandsliebe nicht abließ. 
H. Keller-Jordan versucht es in ihrer vorletzten 
Dichtung uns diese Zeit zu entrollen. 
Unter dem Titel „Die Grubers-*) tritt uns 
der Roman einer hessischen Familie entgegen, die den 
Kampf mit dem widrigen Geschicke muthig aufnimmt. 
„Edle Naturen wirken durch das, was sie sind- ist 
der Wahlspruch, welcher dem Buche voransteht. In 
ihm ist die Art, wie der Kampf von den Grubers 
geführt wird, gekennzeichnet. Allen voran steht Edith 
Gruber, ein zartes Mädchen, die es sich zur Aufgabe 
ihres Lebens gemacht hat, dem verbannten Bruder 
*)Die Grubers. Eine Erzählung aus Kurheffen. 
Kaffel 1887.
        

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