Full text: Hessenland (1.1887)

339 
schuß an vier Stellen zugleich verwundet und fiel, von 
den Seinigen getrennt, nach tapferer Gegenwehr in 
französische Gefangenschaft. Der sorgsamen Pflege, 
welche er auf der Citadelle im Hospitale fand, — 
eine Kugel hatte ihm die Sehne des rechten Fußes 
zerrisien — verdankte er seine Rettung, auch wurde 
er durch die bald darauf erfolgte Übergabe der Festung 
an die Engländer aus der Gefangenschaft befreit, doch 
blieb ihm eine lebenslängliche Lähmung, die ihn nöthigte, 
im Jahre 1814, als das Corps den englischen Dienst 
verlaffen hatte und nach Braunschweig zurückgekehrt 
war, seinen Abschied zu nehmen. Er erhielt denselben 
vom Herzoge, nachdem ihn dieser vorher zum Haupt 
mann befördert hatte. — 
Nach Kassel zurückgekehrt, nahm Ludwig Schwarzen 
berg die Advokatur wieder auf und entfaltete als 
Obergerichtsanwalt ein umfangreiche Thätigkeit. Im 
Jahre 1833 wurde er in die kurhessische Ständekammer 
gewählt, der er bis zu Anfang der fünfziger Jahre 
angehörte. Er zählte zu den hervorragendsten Mit 
gliedern derselben und wiederholt war ihm das Amt 
des Präsidenten übertragen worden. Im Jahre 1848 
sandte ihn seine Vaterstadt Kassel in das deutsche 
Parlament zu Frankfurt. Strenge Rechtlichkeit, stets 
bewährter freier Muth, treues Festhalten an seinen 
Grundsätzen waren Eigenschaften, die seinen Charakter 
zierten und die ihm die Liebe und Hochachtung seiner 
Mitbürger in hohem Grade eintrugen. Auch seine 
politischen Gegner erkannten bereitwillig die Verdienste 
dieses außergewöhnlichen Mannes an, der sich ebenso 
ausgezeichnet hatte auf dem Felde der Ehre, wie auf 
dem Gebiete des Rechts. Bis an sein Ende thätig, 
starb er am 26. Oktober 1857. Die Stadt Kassel 
verlor in ihm einen ihrer edelsten Söhne und allgemein 
war die Trauer um den Hingeschiedenen, dessen 
Andenken stets ein gesegnetes bleiben wird. 
Zk. I. 
Hemperla und seine Bande. Im Novem 
ber 1726 wurde zu Gießen eine große Räuberbande, 
meist aus Ziegeunern bestehend, die Bande des Hem 
perla genannt, hingerichtet. Fünf, unter ihnen der 
Anführer Johann la Fortune, gewöhnlich Hemperla 
genannt, wurden gerädert, neun gehängt, elf, darunter 
acht Weiber, enthauptet. Diese Bande hatte wie 
Vilmar in seiner »Hessischen Chronik« berichtet, die 
ganze Wetterau sieben Jahre lang unsicher gemacht, 
ganze Dörfer fz. B. Hosenfeld bei Fulda) am hellen 
Tage überfallen, mit den Landreitern förmliche Treffen 
geliefert und eine Unzahl von Räubereien, auch viele 
Mordthaten begangen, z. B. den Pfarrer zu Dörs- 
bach im Naffauischen, Heinsius, nebst dessen Frau, 
sowie, den Hessen-Darmstädtischen Landlieutenant 
Emmeraner ans der Glashütte bei Hirzenhain er 
schossen. Im Januar und Februar gelang es end 
lich, diese Bande einzufangen. Die Exekution wurde 
an zwei Tagen am 14. und 15. November vollzogen. 
Hemperla selbst wurde am zweiten. Tage hingerichtet. 
Als an ihn die. Reihe kam, rief er von der Richt 
stätte herab: „er sei allzeit ein guter katholischer Christ ge 
wesen, und wenn gute Katholische unter den Zuschauern 
wären, möchten sie etliche Seelenmessen für ihn lesen 
lassen, und davon, daß sie solches thun wollten, ein 
Zeichen mit Schwenkung des Hutes geben/ welches 
auch von mehreren Zuschauern geschah. Am Tage 
vor der Exekution wurden den Weibern die Kinder 
weggenommen, worüber sie in die äußerste Ver 
zweiflung geriethen und die Drohung ausstießen, sie 
wollten nach ihrer Hinrichtung wiederkommen und 
mit ihren abgehauenen Köpfen in ganz Gießen die 
Fenster einwerfen. — 
Obige Räubergeschichte aus dem Anfang des 
vorigen Jahrhunderts erinnert uns an eine in den 
30er Jahren dieses Jahrhunderts gleichfalls zu 
Gießen erfolgte Hinrichtung eines Raubmörders, 
namens Heß, die einen ganz eigenthümlichen 
Verlauf nahm. Wiederholt war der Delinquent zur 
Richtstätte auf dem Armensünder-Wagen geschleppt 
worden, jedesmal erklärte er, dort angekommen, daß 
er noch weitere Geständnisse über die Mitschuld 
Dritter zu machen habe. Dies bewirkte, daß er in 
das Gefängniß zurückgebracht wurde, um weitere 
Verhöre mit ihm anzustellen. Seine Angaben er 
wiesen sich jedoch lediglich als leere Ausflüchte, um 
eine Aufschiebung seiner Hinrichtung zu erwirken. 
Auch als der Raubmörder zum drittenmal zum 
Richtplatze gebracht wurde, wiederholte er sein früheres 
Verfahren. Als aber seinen Versicherungen, Mit 
schuldige zu nennen, kein Gewicht mehr beigelegt 
wurde, da geberdete er sich so rasend, daß die Henkers 
knechte seiner nicht Herr werden konnten, bis ihn ein 
einziges Wort des ihn zum Schaffst begleitenden 
Geistlichen, des s. g. Galgenpaters zur Ruhe brachte 
und er willig sein Schicksal über sich ergehen ließ. 
Dieser Geistliche war der Kirchenrath Engel,*) eine 
der populärsten Persönlichkeiten Gießens, der einen 
außerordentlichen Einfluß auf die dortige Bevölkerung 
auszuüben vermochte. Kirchenrath Engel trat un 
verzagt zu dem armen Sünder und sprach zu ihm 
im echt Gießener Dialekt: „Was wachste für Sache, 
laß dich köppe, Heßche, thu mir's zu Gefalle." 
Augenblicklich legte sich die Raserei des Delinquenten, 
ruhig und zerknirscht antwortete er: „Ihne zu Lieb, 
*)Kirchenrath vr.Zoha nnPhilippZakob Engel, 
geb. am 27. Februar 1790 zu Gießen und daselbst vor 
etwa 20 Jahren hochbetagt gestorben, war ein Original im 
wahren Sinne des Wortes. Der geistreiche, stets schlagfertige 
und gelehrte Mann bediente sich mit Vorliebe des Gießener 
Idioms, und unzählig find die Anekdoten, die von ihm 
umgehen. Auch als Schriftsteller ist er thätig gewesen, 
a. hat er eine Hebräische Grammatik geschrieben,
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.