Full text: Hessenland (1.1887)

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auf dem äußersten Flügel der demokratischen 
Partei stehende Schuhmachermeister Heinrich 
Gundlach, ein offener Kopf, der von Natur aus 
mit allen den Eigenschaften ausgerüstet war, die 
man an einem Volksführer vorauszusetzen pflegt. 
Er war stattlich von Gestalt und überragte, wie 
Saul, das Volk um eine Kovfshöhe. Dunkel 
brannten seine Augen unter der weißen, von 
dunkelem Lockenhaar umrahmten Stirn und 
schoflen Blitze im Feuer der Rede. Diese war 
fließend, überzeugend und zündend bei der Menge, 
der er durch Wissen und Weltkenntniß Be 
wunderung abnöthigte. 
Es war an einem Sonntagnachmittage und 
ein prächtiges Wetter. In dichten Gruppen stand 
das Landvolk der Umgegend von Homberg auf 
dem Marktplatz, des Dinges gewärtig, das ihm 
die großen, rothen Zettel, welche feit Tagen die 
Gundlach'schen Sendboten in den Dorffchenken 
verbreitet, in Aussicht gestellt hatten. Jetzt, wo 
die letzte Choralstrophe von der nahen Kirche 
herüberschallte und das Ende des Nachmittag 
gottesdienstes veMndete, schlürften auch die 
Homberger rascher ihren Kaffee und eilten groß 
und klein, reich und arm, Männlein wie Fräu 
lein herbei und wuchs die Zufchauermenge von 
Augenblick zu Augenblick. Aller Augen aber 
waren neugierig nach dem Schilde an dem Hause 
über der Löwen-Apotheke gerichtet, das eine 
goldene, strahlende Sonne zeigte. 
Mit dem ersten der langgezogenen Glockenschläge, 
welche die drei Uhr vom Rathhause und ihnen 
nach vom hohen Kirchthurme verkündeten, öffnete 
sich die Thür des Gasthauses „Zur goldenen 
Sonne," und ein schwarz behangener Leiterwagen, 
der von zwei mageren Gäulen gezogen wurde, 
fuhr vor demselben vor. Das Kopfzeug der 
Pferde war mit schwarzen Schluppen und langen 
flatternden Atlasbändem ausgeputzt, ebenso 
schmückte eine schwarze Quaste die Spitze von dem 
Peitschenstiele des Fuhrmanns, der in schwarzem 
Sonntagsrocke neben den Gäulen herfchritt. 
In dem Augenblicke, als der Wagen vorfuhr, 
wurden zwei handfeste Bursche in der Wirths 
hausthürsichtbar, die einen Dritten, deffenAeußeres 
sonderbar genug gegen die beiden abstach, zu dem 
Wagen zu geleiten und ihn auf den Brettersitz 
desselben zu postiren schienen; denn er war von 
der Zipfelmütze bis zu den Füßen in Weiß ge 
kleidet, die Troddel der Zipfelmütze nur warschwarz 
und das Wams über die Brust mit schwarzen 
Schluppen statt der Knöpfe besetzt, während die 
Beiden ihre schwarze Sonntatzskleidung trugen. 
Nicht sobald hatte man den, einen Armensünder 
travestirenden Strohmann, denn als solcher hatte 
sich derselbe -entpuppt, auf den Sitz befestigt, als 
sich ein Mann in einem altfränkrschen Mantel, 
der talarähnlich zugestutzt war, mit einem Drei 
spitz auf dem Haupte, unter dem Kinn zwei 
übergroße Bäffchen, wie sie die protestantischen 
Geistlichen zu tragen pflegen, und einen langen 
Hirtenstabe in der Rechten neben ihn schwang. 
Es war das der Schäfer Mehlberg aus dem 
nahen Hüttendorfe Holzhausen, der den Spitz 
namen der „Parr" wegen des Redeflusses führte, 
den er bei Neujahrsgratulationen und anderen 
derartigen Gelegenheiten bethätigte. Sofort schien 
er den Armensünder unter dem endlosen Jubel 
der Menge in das Gebet zu nehmen. 
Jndeflen setzte sich der Wagen nach dem Markte 
hin in Bewegung. Ihm folgten paarweise, wie 
es bei den dortigen Leichenbegräbnissen Herkommen 
ist, die Leithämmel der Homberger Opposition: 
der stattliche Gundlach, der untersetzte Lohgerber 
meister Jckler und der kleine Putzel-Stern, ein 
körperlich vernachlässigtes, aber desto giftigeres 
Männlein, seines Zeichens Held der Nadel und 
Scheere, denen sich die übrigen Gesinnungstzenoflen 
anreihten, ohne Unterschied in schwarzen Feiertags 
kleidern und den sowenig volksthümlichen Angst 
röhren, die meistentheils fuchsig und eine Muster 
karte aller erdenklichen Moden mehr denn eines 
halben Jahrhunderts abgegeben hätten. 
Langsam bewegte sich der Zug durch die, ein 
Spalier bildende Menge. Der „Parr" spielte 
seine Rolle in einer, die Neugierigen belustigenden 
Weise immer bester. So kam man über die 
Mitte des Marktplatzes hinaus, da schien der 
verstockte Sünder dem geistlichen Zuspruch nicht 
mehr pariren zu wollen, denn zornig erhob sein 
Begleiter den Krummstab und drohte in nicht 
mitzzuverstehender Weise. Vergebens! Da — 
wer will es dem priefierlichen Zorne solcher Ver 
stocktheit gegenüber verargen? — sauste der 
Stab durch die Luft, fiel auf den Nacken des 
Deliquenten hernieder und — schlug dem Stroh 
mann das Haupt von dem Rumpfe, daß es 
über die Leitern des Wagens flog und unter 
deflen Räder rollte. Der „Parr" machte 
ein verblüfftes Gesicht, und ein donnerndes 
Hurrah lohnteseinerUngeschicklichkeit. Verlegenheit 
aber malte sich auf den Angesichtern Gundlach's 
und seines Stabes; schien der Demonstration 
damit doch ein klägliches Fiasko bereitet. — 
Da — im kritischesten Augenblicke — stand mit 
einem Male ein windiges, geschniegeltes und ge 
bügeltes Bürschchen, den Armensünderkopf unter 
dem Arm, auf den Wagen, als hätte ihn der 
Wind darauf geblasen, schlug mit Leichtigkeit und 
Fingerfertigkeit, die nur einem Schneider eigen 
sind, das helle havanabraune Röckchen auseinander, 
entnahm der Innenseite Nadel und Faden, im 
Nu saß der Kopf wieder an seiner früheren Stelle 
und mit einer leichten Verbeugung schwang sich
        

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