Full text: Hessenland (1.1887)

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nisse das Vertrauen des Landgrafen. Er wandte 
den Ertrag seiner geistlichen Vergünstigungen der 
St. Martinskirche zu, und so konnte mit den 
weiter eingegangenen Gaben die Wiederherstellung 
des Domes in Angriff genommen und ausgeführt 
werden. In dem oben angeführten „Congeries“ 
heißt es: 
„1440. Als an dem Gebäude der St. Mar 
tinskirche zu Cassell das gewoelbe nieder 
gefallen, welches etliche Personen todt ge 
schlagen und viele Leute verlähmt, ist ein 
Jude, welcher ein Rabbi gewesen, der hatt 
sich taufen lassen, derowcgen ihm pabst 
Martinus aus gnaden einen brief gegeben, 
daß er alles verkausfen moege. Dieser Jude 
hieß Meister Leonhard von Schweinfurth, 
war ein arzt. Landgr. Ludwig lies ihn 
deshalbe kommen, daß er geld die kirche zu 
erbauen durch den alles zusammenbracht." 
Dem schließt sich in der „Congeries“ noch fol 
gende Notiz an: 
„1441. Ist die große Glocke zu Cassel auf 
dem Altstaetter kirchthum gegossen, ward 
genannt OsanllL, als die kirche Hernachmals 
abgebrochen, ist dieselbe auf den freyheiter 
Thurm gehangen und wird zur uhr und 
sturmglocke gebraucht. Ist 3'/« Ehlen weit." 
Wir bemerken hier, daß die alte Osanna der 
Martinskirche zu Ende des Jahres 1818 in der 
Stück- und Glockengießerei des Stückgießers Georg 
Carl Henschel hier in Kassel eingeschmolzen und 
in die jetzige größere und schönere Glocke um 
gegossen worden ist, welche am 1. Januar 1819 
zum erstenmal mit ihrem Geläute die Gemeinde 
zur Kirche rief. (Vergl. Piderit, Geschichte der 
Stadt Kassel, in erweiterter Auflage heraus 
gegeben von I. Hoffmeister, Anm. S. 68.) 
Besondere Sorgfalt widmete Landgraf Ludwig 
dem Münzwesen. Er regelte daffelbe nach dem 
Beispiele der rheinischen Kurfürsten und in Ueber 
einstimmung mit dem Hause Sachsen. Gewicht 
und Gehalte der Marken wurden genau bestimmt 
und zur Beförderung des kleineren Verkehrs 
wurden damals schon die geringwerthigen Münz 
sorten: Groschen, Weißpfennige, halbe Weiß 
pfennige, Heller geprägt, die sich bis in das ge 
genwärtige Jahrhundert erhalten haben. — 
In unserem nächsten Artikel, dem Schlußartikel, 
werden wir uns mit Landgraf Ludwig in seiner 
Eigenschaft als Staatsmann beschäftigen, 
folgt.) 
llrichstein im Wogelsberg. 
Von Dr. August Dorschen. 
m Vogelsberg, unweit der Quelle der Ohm, 
ragt ein gewaltiger Basaltkegel empor, aus 
dem wir das kleine Gebirgsstädtchen Ulrich 
stein finden. Noch über diesem Orte erhebt sich 
der 640 Meter hohe „Schloßberg", von dem wir 
eine entzückende Fernsicht auf den übrigen Vogels 
berg, auf Taunus und Rhön genießen. Doch 
nicht nur um dieser Fernsicht willen besuchen wir 
den Schloßberg von Ulrichstein. Mehr noch 
zieht uns die geschichtliche Bedeutsamkeit dieses 
Berges an, auf dessen Gipfel einst eine gewaltige 
Feste prangte. Nur noch geringe Reste von 
Mauern und Kellergewölben sind vorhanden; 
doch selbst diese wenigen Spuren zeugen noch von 
der einstigen bedeutenden Ausdehnung und Festig 
keit dieses Schloffes.') 
Mehr, denn sechs Jahrhunderte, bis in die Zeit 
der Gründung unseres Fürstenhauses führt uns 
die Geschichte zurück. 
') Eine genaue Beschreibung der einstigen Anlage 
dieses Pergschlofses liefert uns Landau: Hessische Ritter 
burgen, IV, 10!) ff. — 
Zum ersten Male wird Ulrichstein urkundlich 
genannt 1279, in welchem Jahre Ritter Johann 
und Mengoz von Merlau mit „Gerlach, dem 
edlen Herrn, gen. Neitz von Bruberg" einen Ver 
gleich schließen und demselben ihr Schloß öffnen 
gegen alle Feinde, den Landgrafen ausgenommen. 
Unter den Zeugen dieses Vergleichs finden wir 
einen Loäo svnltetus äs Illriolisteins. Wir sehen 
in dieser Urkunde das feindselige Verhältnis des 
Landgrafen Heinrich I. von Hessen gegen 
einzelne Ritter ausgesprochen, mit denen derselbe 
wegen derer Räubereien in vielfache Fehden ver 
wickelt wurde. So sehen wir denn auch diesen 
„Enkel der heiligen Elisabeth" im Jahre 1293 
das Raubschloß zu Ulrichstein zerstören.') 
Nach einer drei Jahre späteren Urkunde, vom 
4. Juli 1296, vergleicht Kaiser Adolf den 
’) Ueber die Zerstörung dieses Raubschlosses, mit dem 
noch dasjenige von Petershain fiel (woran noch heute der 
„Petershainer Hof", */ 4 Meile in südwestlicher Richtung 
von Ulrichslein gelegen, erinnert) vgl. Landau, a. a. O. 
110, sowie Schmincke, Mon. Hass. II, 434. —
        

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