Full text: Hessenland (1.1887)

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Erwerb waren gemeinsam, keiner der Brüder 
durfte betteln oder terminiren, oder geistliche 
Pfründen besitzen, jeder mußte sich von seiner 
Hände Arbeit nähren, und was einer verdiente, 
gehörte dem Brüderhause und den Dürftigen. 
Dadurch wurden aber diese Brüderhäuser nicht 
blos Sitze eines stillen, ehrbaren und gottseligen 
Lebens, sondern auch Stätten christlicher Bildung 
und Wissenschaft, sowie der Unterweisung in 
mancherlei Gewerben und Handarbeiten. In 
weiterer Ausdehnung ihrer Wirksamkeit ertheilten 
die Brüder vom gemeinsamen Leben nicht allein 
in niederen Schulen mit frommem Sinn und bei 
reinem Lebenswandel der Jugend Unterricht im 
Lesen, Schreiben, Rechnen, der Religion u. s. w., 
sondern bildeten auch in höheren Schulen, be 
geistert für griechische und römische Literatur, die 
Fähigen durch Wissenschaften und Sprachen, 
namentlich durch das Studium der alten Klassiker 
zu ausgezeichneten Männern aus.*) Landgraf 
Ludwig gewährte den aus Münster berufenen 
Kogelherren die Mittel zur Niederlassung in 
Kassel und übergab ihnen 1454 die eingezogene 
Besitzung des im Jahre 1391 wegen Aufruhrs 
und Hochverraths Hingerichteten Bürgers Kunz 
Seheweis, den s. g. Weißen Hof. In der „Con- 
geries etlicher hessischer Geschichten", Kuchen 
becker, Analecta Hassiaca, Coli. 1 pag. 18, 
heißt es: 
„1454 Hat Landgraf Ludewig die behausung 
zu Cassel, so Cunz Seheweis des Hingerich 
teten Bürgers gewesen, denen Kugelherru 
gegeben, die haben ein Closter daraus ge 
macht und ist der Weissehoff." 
Die Kogelherren entfalteten eine stille, der Bil 
dung für Frömmigkeit und Gottseligkeit gewid 
mete Thätigkeit und daß diese hinsichtlich ihres 
bewährten Unterrichts sehr erfolgreich gewesen 
sein muß, dafür spricht allein schon die That 
sache, daß zu Anfang des folgenden Jahrhunderts 
vier Kasseler Bürgerssöhne zu gleicher Zeit an 
vier verschiedenen Fürstenhöfen das Amt eines 
Kanzlers bekleideten. — 
Im Jahre 1429 unternahm Landgraf Ludwig 
eine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande 
und 1450 wohnte er zu Rom der Feier des 
vom Papste Nicolaus V. angeordneten großen 
Jubeljahres bei. Vom Grabe des Erlösers 
brachte er einen Splitter des heiligen Kreuzes 
mit, der in einem silbernen Schreine der Ver 
ehrung der Gläubigen in der Kirche zu St. Martin 
ausgestellt wurde. Und in Rom wurde ihm vom 
Papste am Rosensonntage 1450 (15. März) die 
*) S. Röth, Geschichte von Hessen, neue Ausgabe, be 
arbeitet von C. von Stamford, S. 130; Weber, Geschichte 
der städtischen Gelehrtenschule zu Kassel, S. 8; vergl. 
außerdem Kuchenbecker, Analecta Hassiaca, Coli. VII. 1. 
goldene Rose und der Ehrentitel »krwoeps pack“ 
„Fürst des Friedens" verliehen. Ueber Ludwig's 
Pilgerfahrt nach Jerusalem, wie über dessen 
Wallfahrt nach Rom ist in dem trefflichen Artikel 
des Herrn Majors C. v. Stamford „die Pilger 
fahrten des Landgrafen Ludwig I. und Wil 
helm I. von Hessen nach dem heiligen Grabe", 
S. „Hessenland Nr. 12 vom 15. Juni", ausführ 
licher berichtet und brauchen wir hier blos auf 
jenen Artikel zu verweisen. 
Besondere Vorliebe hegte Landgraf Ludwig für 
die Baukunst. Unter seiner Regierung entstanden 
die Burgen zu Ludwigsau, zu Ludwigseck und 
Ludwigsstein; letztere zur Sicherung des Werra 
thals gegen die fehdelustigen Ritter des Eichs- 
seldes, namentlich gegen die von Hanstein er 
richtet, wurde unter dem Schutze eines Heer 
haufens in so kurzer Zeit aufgebaut, daß man 
der Sage nach an Zauberei glaubte. Während 
in Kassel die Errichtung der Wage (1404) und 
des Rathhauses (1408) noch in die Regierungs 
zeit des Landgrafen Hermann des Gelehrten 
fällt, erbaute Landgraf Ludwig u. a. das Kauf 
haus auf der Freiheit (neben der Martinskirche), 
gleich dem Rathhause mit einem stark besuchten 
Weinkeller verbunden, ferner das Hochzeitshaus, 
der neue Bau genannt, an der Fulda, da, wo 
jetzt der Stadtbau steht. Gesteigerte Privat- 
Bauthätigkeit ist immer ein Zeichen des sich meh 
renden Wohlstandes und auch diese nahm unter 
des Landgrafen Ludwig's Regierung von Jahr 
zu Jahr zu. Die Bauten aus jener Zeit find 
verschwunden, zumeist sind sie durch Menschen 
hände zerstört worden, um anderen Anlagen 
Platz zu machen, nur ein Baudenkmal aus jenen 
Tagen ist noch vorhanden — der Druselthurm, 
erbaut 1415, der jetzt so fremdartig auf seine 
Umgebung herniederblickt. 
Im Jahre 1440 ereignete es sich, daß das 
schlecht gemauerte Gewölbe der vom Landgrafen 
Heinrich dem Eisernen um 1330 begonnenen, 
durch die Ungunst der Zeit aber erst um 1357 
zu einem gewissen Abschlüsse gelangten St. 
Martinskirche, des hohen Domes unseres Hessen- 
landes, einstürzte, wodurch viele Menschen ge- 
tödtet und verwundet wurden. Die Wieder 
herstellung der Kirche war kostspielig. Es 
wurden deshalb im ganzen Lande Gaben ge 
sammelt und mit diesem Geschäfte der Kanonikus 
Matthias Theyß beauftragt, dem sich der vom 
Judenthum zum Christenthum übergetretene ehe 
malige Rabbi Leonhard von Schweinfurt anschloß. 
Dieser war nach seinem Uebertritte vom Papste 
Martin V. und der Kirchenversammlung zu 
Basel mit Ertheilung von Ablaßbriefen betraut 
worden, kam auf seinen Reisen auch nach Hessen 
und erwarb sich wegen seiner ärztlichen Kennt-
	        

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