Full text: Hessenland (1.1887)

330 
Km Wrst öes Meörns. 
Historische Skizze von F. Iw enger. 
(Fortsetzung.) 
Wahrhafte Religiosität war dem von frühester 
¥ f Jugend an frommen und gottesfürchtigen 
Laüdgrafen Ludwig nicht nur Herzens 
bedürfniß, sie war ihm auch Staatszweck; sie 
bildete das Fundament und war das Endziel 
seines Regierungssystems. Er erkannte wohl, 
oaß seine weisen Verordnungen und wohlgemeinten 
Bestrebungen nur Erfolg haben konnten, wenn 
er durch religiöse Erziehung, durch Lehre und 
Unterweisung die sittliche und intellektuelle Bil 
dung seines Volkes hebe und fördere und desien 
SiUn empfänglich mache für alles Hohe und 
Edle. Obgleich weder Theologe noch Gelehrter, 
wie seine späteren Nachfolger auf dem hessischen 
Fürstenthrone, traf er vermöge feines klaren 
Verstandes und feiner'vorurtheilsfreien Einsicht, 
verbunden mit energischer Willenskraft, fast stets 
das Richtige. Die Unterrichtsanstalten Kassels, 
die Parochialschule wie die städtische Schule, die 
s. g. Schriefschole, welche von Geistlichen und 
Mönchen (nach Dilmar von Franziskanern) ge 
leitet wurden, lagen im Argen, in der kriege 
rischen Zeit der Regierung des Landgrafen Her 
manns des Gelehrten konnte die Volksbildung 
nicht aufkommen und das Land blieb in seiner 
geistigen Entwickelung zurück. Die Klöster er 
füllten ihre Aufgaben nicht, sie waren zum Theil 
ausgeartet und lebten nicht nach ihren Ordens 
regeln. Hier wirkte Landgraf Ludwig reforma- 
torisch. Er versuchte es, den Klöstern die ihrem 
ursprünglichen Zwecke entsprechende Richtung 
wiederzugeben und ihren veredelnden Einfluß 
auf das Volk zu bewahren; und wo Milde nicht 
ausreichte, mit die gesunkene Zucht zu heben, da 
verfuhr er mit durchgreifender Strenge. Die 
Augustinernonnen des Klosters Eppenberg bei 
Felsberg führten ein ärgerliches anstößiges Leben. 
Landgraf Ludwig hob das Kloster auf und ver 
pflanzte dahin deck damals strengsten Orden der 
Christenheit, die Karthäuser, desien Regeln strenges 
Fasten, rauhe Kleidung und beständiges Schweigen 
bei fleckenloser Reinheit der Sitten vorschrieben. 
An den Ordensgeneral der Karthäuser zu Chart 
reuse bei Grenoble schrieb Landgraf Ludwig: 
„Entschlosien kein unwürdiger und träger Be 
wahrer des ihm verliehenen Pfandes zu sein, 
und aus besonderer Achtung für seinen Orden, 
wolle er ihm ein erledigtes Kloster mit allen 
seinen Einkünften übergeben, damit das Beispiel 
dieser neuen Pflanzschule der Wahrheit heilsam 
auf seine Unterthanen wirke. Er (der Ordens 
general) möge dem Prior der Karthäuser zu 
Erfurt die Besetzung des Eppenbergs mit seinen 
Mönchen und die weitere Einrichtung des neuen 
Stiftes befehlen." *) Dies geschah im Jahre 
1440. Das neue Stift, dem St. Johannes ge 
widmet, löschte bald das Andenken an die frühere 
Zügellosigkeit aus und in den Klosterhallen, in 
denen früher das frivole Treiben jener Nonnen 
geherrscht, tönte jetzt nur das „Memento mori“ 
der Karthäuser als einzige Begrüßung wieder. 
Eine der folgenreichsten Regierungshandlungen 
des Landgrafen Ludwig war die Berufung der 
„Brüder vom gemeinsamen Leben", der s. g. 
„Kogelherren", nach Kasiel. Ihnen übertrug er 
das verdienstliche Werk der Erziehung und des 
Unterrichtes. Gestiftet war diese Brüderschaft von 
Gerdt(Gerhard) Groot zuDeventerim Jahre 1371. 
Kogelherren wurden dieselben vom Volke nach 
ihrer Kopfbedeckung, der Kogel, cuculla, genannt, 
sie selbst nannten sich „Untres communis vitae*. 
Ihrer Bestimmung nach traten Kleriker und 
Laien in einem besonderen Brüderhause zu 
sammen und suchten nächst der Sorge für die 
eigene Seele und gegenseitiger Stärkung im 
Glauben durch Forschen in der hl. Schrift, durch 
das Studium der Kirchenväter, durch Verkün 
digung des göttlichen Wortes in der Landes 
sprache, durch christlichen Jugendunterricht, durch 
Abschreiben und Verbreitung der Bibel, durch 
ein vorleuchtendes Beispiel den Ausbau des 
Gottesreiches auf Erden zu fördern. Arbeit und 
*) S. Rommel, Geschichte von Hessen, 2. Th. S. 337.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.