Full text: Hessenland (1.1887)

schreiben und französisch sprechen, auch die 
Psalmen-Melodie nebst etlichen Sorten Arbeiten 
lernen will- Wöchentlich giebt jedes Kind 2 albus, 
In Beziehung auf die Kunst findet sich in 
den ersten Jahrgängen der Zeitung nur eine 
das Theater betreffende Anzeige vom 3. Sep 
tember 1731 folgenden Inhalts: 
„Es werden die Sächsischen Comoedianten 
heute N. M. praecise um 4 Uhr auf dem Neuen 
Bau (Stadtbau) den Anfang machen, und können 
sich Liebhaber da eiufiuden." 
Von den Leistungen dieser Künstler ist nichts 
bekannt, ebensowenig von dem Auftreten anderer 
Schauspielergesellschaften während der Regierungs 
zeit Friedrich I., wenn auch wohl anzunehmen 
ist, daß in dieser Zeit Wandertruppen eines 
Förster, Ludovici u. A. in Bretterbuden in 
Kassel Vorstellungen gegeben haben. Ein Schau 
spielhaus war noch nicht vorhanden. Es war 
nach der glänzenden italienischen Oper unter 
Landgraf Karl und vor dem Glanze des theätre 
franyais eine sehr trübe Zeit für das Theater. 
Unter dem Articul „Neue Sachen" enthält 
die Zeitung nur die Beschreibung der Festlichkeiten, 
namentlich der Illuminationen, welche die Städte 
Kassel, Hofgeismar, Rinteln, Marburg- ver 
anstaltet hatten, als der neue Landesherr, 
Friedrich I., im Jahre 1731 zum ersten Male 
als solcher in seinem Stammlande eingetroffen 
war. 
Im folgenden Jahre wird wieder nur eine 
Ausnahme gemacht mit: 
„Kurtze Beschreibung des Ein- und Aus 
zugs der Salzburgischen Emigranten." 
Der Articul beginnt: 
„Demnach der Verleger wahrgenommen, daß 
bishero die Ausländische Nachrichten dein Publieo 
nicht mißfallen, wie die um die Lehre des 
Evangelii vertriebene Salzburger hin und wieder 
unter denen Protestanten aufgenommen worden; 
als hat er nicht ermangeln wollen, dem geneigten 
Leser durch einen Anhang eine zuverlässige Notiz 
von allem demjenigen, so allhier bei dieser Leute 
Ein- und Auszug passiret ist, zu comnranieiren." 
Es heißt dann weiter: „Kaum liess die sichere 
Nachricht ein, daß »hnfern Cassel den 16. hujus 
l (Mai) Vormittags 238 Emigranten an Männer, 
i Weiber und Kinder angekommen seien, gingen 
j die Gemeinde-Bürgermeister ihnen bis an die 
> Stadt-Grentze entgegen, empfingen dieselbe in 
j Christlicher Liebe und führten sie Paar-Weiße 
j durch die Stadt auf den Neuen Bau, in welcher 
! Prozession sie allerhand gottseelige Lieder an- 
; stimmten, um dem Allerhöchsten für die ihnen 
j aufs ihrer Reyse bishero erzeigte vhnverdiente 
Gnade hertzinniglich zu danken. - Inzwischen 
. hatte Bürgermeister und Raht die löbliche Ver- 
j anstaltung gemacht, daß die um der Evangelischen 
' Religion halber vertriebene Gäste durch Gilden, 
! Zünffte und Gemeine Bürgerschaft daselbst zu 
. Mittag mit allerhand convenablen Speysen und 
Tranck versorgt wurden, wozu eine milde Hand 
den nöthigen Wein verehrte." Nach der weiteren 
, Erzählung wurden dann die nach dem Worte 
Gottes seufzenden Christen in voriger Ordnung 
auf die Rennbahn geführt, wo der lutherische 
Prediger Magister Schlosser bei einer volkreichen 
Versammlung hohen und niederen Standes über 
; Lucas XI, v. 38 „Fürchte dich nicht du kleine 
' Heerde, dann cs ist eures Vaters Wohlgefallen, 
euch das Reich zu geben" eine erbauliche Predigt 
hielt. Die Emigranten marschirten dann ans 
den Neuen Bau zurück, wo sie abermals mit 
Speise und Trank, auch dem Nachtlager ver 
sehen wurden. 
Es wurden dann ansehnliche Liebesgaben an 
Geld, Linnen, Geräthe und anderen nöthigen 
Sachen rühmlicher Weise unter diese bedrängten 
Christen ausgetheilt. „Selbst die hiesige Juden- 
schaft wurde zum Mitleyden bewegt und steuerte 
reichlich an diese arme Exulanten, sich hierbey 
erinnernd des ehemaligen Auszugs der Kinder 
Israels aus Egypten." 
Einige führten Bibeln, andere Joh. Arndt's 
u. dgl. geistliche Schriften bei sich und schon 
Erwachsene hatten ABC-Bücher und schämten 
sich nicht, selbst in ihrem Alter das Lesen zu 
lernen, zu täglicher Förderung ihrer Erkenntniß 
in Göttlichen Geheimnissen. Gegen ihre harte 
Verfolger hörte man nicht das geringste Schmäh- 
wort ausgießen, fonbcrn sie gaben eine innerliche 
Vergnügung und Zufriedenheit an den Tag,
	        

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