Full text: Hessenland (1.1887)

325 
„Ö Kathrinlies, warum hast du nichts auf 
deine Ehre gegeben, die das Einzige ist, was 
wir armen Leute gerade so haben, wie die 
reichen? Hast du denn nicht gewußt, daß du 
'was werth bist in Gottes Augen und meinen, 
daß du ach so — so", er schluchzte fast, „weg 
geworfen hast in Schand und Schmach? Sieh, 
ich möcht dich aufheben, dich bei mir vor allen 
Menschen hüten und bergen, wenn ich nur wüßt', 
ob du wieder werden kannst, was du warst?!" 
Kathrinlies sah ihn an und obwohl sie im 
Leben nicht viel daran gedacht hatte, wie wohl 
Anderen zu Muth wäre, empfand sie, daß sie 
dem Hannes weher gethan noch als sich selbst 
und das Vertrauen der Kindheit brach sich Bahn! 
„Ich hab's nicht verdient, was du für mich thust. 
Ach Gott, wenn ich auf der Welt einen Schlupf 
winkel wußt', wo mich Keiner wieder fänd', ich 
kröch hinein, aber das geht nit. Du weißt nit, 
wie es thut, wenn jedes Gesicht spricht: Ich weiß, 
was du für Eine bist und man selbst es noch 
besser weiß, als die Anderen. Arbeiten möcht' 
ich, daß mir das Blut unter den Fingernägeln 
vorkäm, aber auch das kauft den ehrlichen Namen 
nit zurück. Für unser Eins ist's nur noch gut 
bei Gott, der allein versteht, wie weh Schmach 
und Schande thun." Da sagt Hannes: 
„Ich will dich ehrlich machen Kathrinlies. Flenn' 
nicht mehr. Sei meine Frau — sollst's gut 
haben und keinen Vorwurf hören. 
Ich kann's nit mehr! sagte die Kathrinlies 
— „ich bin's nit wert." 
„Um das Wort bist du's wert," sagte der 
Hannes. Sie wurde sein Weib und ein ehrliches, 
gutes, — denn im Herzen unseres Volkes liegt 
jene Kraft, welche am liebsten sühnt mit liebe 
vollem, thätigem Leben. 
Aber der Abend ist ganz gesunken, ich stehe 
an meinem Fenster und vor mir liegt das Häuser- 
gehock von Melsungen. Ich denke, vielleicht wird 
man sagen: Die Geschichte ist nicht schön — 
Nicht erheiternd — kein animirendes Sittenbild 
— dem Allen entgegne ich: Sie ist wahr! In 
eines Volkes Leben, wie in dem eines einzelnen 
Menschen, erwachsen böse Neigung und Schuld. 
Ohne Schuld ist Keiner, wer aber seine Schuld 
erkennt in ihrer furchtbaren Bedeutung, Gott, 
sich selbst und Anderen gegenüber, wer innerlich 
büßt und sie sühnen möchte mit bestem Können, 
ist lebenskräftig für die Zukunft. 
Am Friedhof steht « ;tt Amordach. 
1. 
Ich wollt' ein Stückchen Land erwerben, 
Darauf mit Dir noch kurze Zeit 
Zu wohnen und darauf zu sterben 
Nach unsrer Tage Glück und Leid. 
Doch hat ein Andrer schon für Dich 
Zurecht gemacht ein Kämmerlein 
Und einsam bist Du, ohne mich, 
Ins eigne Haus gezogen ein. 
Kein Fenster glänzt aus grünem Rahmen, 
Kein Fähnlein weht vom Giebeldach; 
Ein weißes Kreuz mit Deinem Namen, 
Am Friedhof steht's zu Amorbach. 
2. 
O komm und wär's zu theilen 
Aufs Neue Sorgen und Noth. 
Wir klagten ja nie darüber 
Und wieder lachst Du dazu; 
Ich aber singe Dir Lieder, 
Die Niemand kennt als Du. 
3. 
Ich suche noch jeden Morgen» 
Wo Du wohl möchtest sein; 
Ich wach' in Kummer und Sorgen 
Tief in die Nacht hinein. 
Ich sitz' an diesen Pfühlen, 
Darauf Du krank geruht, 
Als könnt' ich noch Dir kühlen 
Der Stirne heiße Glut. 
Nun sind die schweren Zeiten, 
Die Tage des Ringens vorbei; 
Wie konntest Du dennoch scheiden 
In deiner Lieb' und Treu? 
Doch hörst Du nicht mehr klopfen 
Mein Herz — das ist ein Glück; 
Auch halt' ich das rasche Tropfen 
Der Thränen streng zurück. 
Hast Du nur mögen weilen 
Bei Mühen und hartem Brot? 
Du kämst ja sonst herüber. 
Anstatt zu schlummern, zu mir;
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.