Full text: Hessenland (1.1887)

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|u0 engem Wal. 
Rovellelte v. M. Herberk. 
(Schluß.) 
An dem ganzen Tage sprach der Hannes kein 
Wort, was vollständig gegen seine Gewohnheit 
war. Er saß nachdenklich da und zuweilen fiel der 
Leisten aus seiner Hand polternd auf die Dielen. 
Die Hammerschläge, mit denen er das Leder auf 
seinem Knie dünn klopfte, kamen in langen Zwischen 
pausen. „Für mich wär's nit gewesen, einen 
Stein auf sie zu werfen!" sagte er zu sich, „für 
mich nit! Denn die Steine, die Einer auf Einen 
wirft, den er 'mal lieb gehabt, die fallen nit ab, 
die bohren sich durch Haut und Rippen in's 
Herz. Für mich wär's nit gewesen!" Gegen 
Abend stülpte er die Mütze auf und ging aus: 
Als er spät heimkehrte, trug er einen ver 
wickelten Gegenstand und einen verdeckten Korb. 
Beide Dinge verschloß er geheimnisvoll in den 
Keller. Kathrinlies ließ sich nicht wieder in der 
engen Gaffe blicken; lieber wollte sie keinen letzten 
Abschied von der Leiche ihres Kindes nehmen, hätte 
sie den Hannes wiedergesehn, sie wäre zusammen 
gebrochen. Sie hatte nur Geld geschickt und ein 
WeißesKleidchen, welches ihr die Herrschaft zum 
Bahrschmuck des kleinen Todten geschenkt. Freilich 
zog die Alte dem Kinde das Kleid nicht'an; sie 
schloß es heimlich in ihre Truhe. Auch zum 
Begräbniß kam die Mutter nicht, — der Pfarrer 
ging voran und dicht hinter dem Sarge schritt 
als einziges Ehrengeleit der Hannes, — eine 
komische Figur in seinem hohen, beinahe fuchs 
roten Cylinderhut und dem Fracke mit den 
langen spitzen Schößen, den bereirs der Groß-. 
Vater selig zur Hochzeit getragen. Der kleine Zug 
ging durch die Stadt nach dem mauerumgebenen 
Friedhofe. Hier und dort sammelten sich einige 
Neugierige, und einmal glaubte Hannes in der 
Ferne an einer Straßenecke ein geputztes Mäd 
chen mit einem Kinde auf dem Arm zu sehen; 
er konnte sich aber getäuscht haben. 
Endlich ruhte der Sarg mit dem Keim eines 
Menschenlebens, das zur Hoffnung berechtigt, 
um Schmerze befähigt gewesen, sechs Schuhe 
ief in der Erde. Die schweren Schollen fielen 
dröhnend auf den kleinen Deckel. Dann wölbte der 
Todtengräber den kleinen Hügel, welcher eine 
Weile noch eine Erhöhung bilden würde, um dann 
vom Winde und den Fußtritten achtlos darüber 
Hinschreitender dem Erdboden gleich gemacht zu 
werden. Die Sonne beleuchtete die groben, 
schwarzen Erdbällen, welche der Spaten empor- 
geschürselt, und ringsum über den hundertjährigen, 
grauen Grabsteinen an der Mauer, wie auf den 
frischen — hie und da noch blumengeschmückten 
Gräbern lag Schweigen. Die Dämmerung kam 
und die Nacht. In der Nacht schlich Kathrinlies 
sich leise aus dem Hause ihrer Dienstherrschaft 
durch die menschenleeren mondhellen Straßen nach 
dem Todtenhofe. Wo Niemand sie sehen konnte, 
in der Dunkelheit und Stille, wollte sie zu ihrem 
Kinde gehen und den wilden, reuigen Schmerz 
noch einmal austoben und ausweinen. Sie ging 
durch die Reihen der Gräber nach der Stelle, 
wo man die armen Kinder hinlegt. Da plötz 
lich fiel ihr ein, daß sie ja nicht wußte, an wel 
chem Platz man ihr Kind gebettet. Mitten im 
Schreiten sank sie in die Knie und begann zu 
schluchzen. Da sah sie auf einem der neuen 
Gräber eine Gestalt sich regen, — es pflanzte 
Jemand ein Kreuz auf einen blumenbedeckten 
Hügel. Das konnte Niemand sein als der Toten 
gräber, der sicher wußte, wo ihres Kindes letzte 
Ruhestatt war. Zagen Schrittes kam sie näher, 
der Mondschein fiel hell auf das weiße Kreuz, 
welches der kniende Mann in den Boden zu 
rammen versuchte. Leserlich und klar hoben sich 
von dem lichten Grunde die Worte: 
„Karl, — Sohn der Katharina Elisabeth 
Tiel." und darunter: „Gott ist barmherzig und 
gnädig." 
So hatte sich's der Hannes ausgedacht. Ka 
thrinlies wußte kaum, wie ihr geschah, — stumm, 
regungslos stand sie da, immer die Augen auf 
das Kreuz gerichtet. Nun hob der Mann das 
Gesicht und sie erkannte den Schuster. Alte Treu 
kommt wieder, wie kräftige Grundfarbe hält sie 
im Menschenleben, wenn man die Flecken von 
Schmach und Irrthum wegwischt, erscheint sie in 
alter Frische. 
Das Mädchen kam langsam näher; sie zitterte 
und bebte: als sie sagte: 
„Ich will dir's in meinem Leben nit vergessen, 
Hannes, was du für eine arme Sünderin thust. 
Und wenn du meinst, daß der liebe Gott meine 
Gebete noch anhört, dann will ich nicht ablaffen 
für dich zu beten — Tag und Nacht. Für mich 
ist ja doch alles hin, keine Ehr, keine Freud', 
keine Hoffnung mehr in der Welt." Der Hannes 
aber nahm die Hände der Kathrinlies. „Reue 
kommt nimmer zu spat, Kathrinlies. — Im 
Herzen hab' ichs nit verwinden können, was du 
mir und dir gethan hast."
	        

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