Full text: Hessenland (1.1887)

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26. in einem Lebens-Ver- 
sicherungs-Kapital v. 202,826 Thlr. 
und endlich 
27. in Hypothekenforder. 
im Betrage von . . 19,350 Thlr. 
Nachdem von diesem Vermögen eine Saldo- 
Schuld des Bankhauses M. A. von Rothschild 
in Frankfurt a. M., sowie die Fonds einer 
Stiftung, der s. g. Prinzeß Charlotten-Stiftung 
ausgeschieden worden waren, welche an Se. Kgl. 
Hoheit den Landgrafen Friedrich von Hessen aus 
geliefert wurden, endlich aber die auf der Erbschaft 
lastenden Ausgaben nebst den Kosten des Tefta- 
ments-Exekutoriums bestritten waren, verblieb 
nach dem Cours der hinterlassenen Effekten ein 
vertheilbares Vermögen von nur: 2,418,170 Thlr. 
6 Sgr. 9 Hlr. 
Da nun dies Kapital in neun Theile ging, 
so ertrug es dem einzelnen Erbtheil nur die ge 
ringe Summe von 268,685 Thlr. 17 Sgr. 5 Hlr., 
wovon jedoch sieben Erben in österreichischer 
Silberrente noch den Betrag von 170,172 Thlr. 
20 Sgr. 6 Hlr. bei dem Bankhause v. Rothschild 
in Frankfurt a. M. hinterlegten, weil wegen 
Versorgung derjenigen kurfürstlichen Hosdiener, 
welche mit ihrem Herrn die Verbannung getheilt 
ten, die Verhandlungen mit Preußen sich 
chlagen hatten und diese sieben Erben die 
im Diener ihres Vaters nicht darunter leiden 
lassen wollten. 
Hierzu kommen freilich noch zwei Vermögens 
bestandtheile, welche sich der Vertheilung seitens 
des Exekutoriums entzogen, da die Testaments- 
Exekutoren darüber nicht verfügen konnten. Bei 
der Theilung des Vermögens Wilhelms II. in 
den Staatsschatz und den kurfürstlichen Hausschatz 
war nämlich ein Rest von 1,500,000 Thlr. ver 
blieben, welchen die kurhessischen Stände, „aus 
Dankbarkeit" für das coulante Entgegenkommen 
des Kurfürsten, diesem als „Chatoulle-Vermögen" 
zum besonderen Geschenke gemacht hatten. In 
dem Testament Wilhelms II. kommt dann dies 
Chatoulle-Vermögen, das bei dem Rothschild'schen 
Bankhause in Wien hinterlegt war, als Geschenk 
an seinen Sohn, den Kurfürsten Friedrich Wil 
helm I., und zwar ebenfalls als Geschenk an 
besten Chatoulle, vor, jedoch unter der Voraus 
setzung, daß der letztere dafür den Besoldungs 
Etat des ersteren übernehme, andernfalls der 
Hinfall dieser Summe an die Chatoulle Friedrich 
ha 
zer 
letzt 
Wilhelms I. erst dann erfolgen sollte, wenn von 
den Zinsen keine Pension an die hinterlastenen 
kurfürstlichen Hofdiener mehr zu zahlen war. 
Und indem der Kurfürst die Zahlung dieser 
Pensionen auf seinen Etat wirklich übernahm, 
wurde er freier Eigenthümer jener Summe. Ob 
wohl dieselbe aber mehr als die Hälfte seines 
Unterlassenen Vermögens betrug, so befindet fie 
ich nicht etwa unter diesem,sondern der Kur- 
Ärst ließ sie schon zu seiner Regierungszeit bei 
einer Hausschatzkassen-Direktion verrechnen und 
ie ist ihm auch nach der Entthronung nicht 
j ugeflossen. Bei dem Umstande nun, daß der 
Kurfürst überhaupt kein Herr war, besten Sinn 
auf Vermögenserwerb gerichtet gewesen wäre, 
ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß er, in der 
— dann allerdings irrigen — Meinung, er 
mäste dies Chatoulle-Kapital seinem Nachfolger 
in der Regiemng hinterlassen, daß er, sage ich, 
in der Verfügung, mittelst welcher .er die Ver 
waltung desselben an die Hausschatz-Direktion 
übertrug, das Kapital selbst in irgend einer Form 
mit dem Hausschatze vereinigte. Näheres darüber 
ist mir allerdings nicht bekannt, doch würden die 
Privaterben des Kurfürsten darauf einen recht 
lichen Anspruch haben, wenn eine Vereinigung 
mit dem Hausschatze etwa nicht stattgefunden 
haben sollte, zumal der Kurfürst die darauf 
ruhenden Lasten thatsächlich getragen hat. 
Der zweite, nicht zur Vertheilung gelangte 
Vermögensbestandtheil hingegen besteht aus den 
»er gesetzlichen Sequestration unterworfen gewe- 
enen Hausschatz-Revenüen, deren jährlicher Be- 
rag sich auf ca. 290,000 Thaler beläuft und 
)eren Ausfall um so empfindlicher war, als die 
Zinsen des Privatvermögens des Kurfürsten 
schließlich nicht ausreichten, die Kosten seines Hof 
staates in Prag zu decken. Die fequestrirte 
Summe kann ohne Zinsen etwa 1,938,000 
Thaler betragen und würde mit den Zinsen 
ungefähr die Höhe des an sich kleinen hinter 
lassenen Vermögens erreichen. 
Alles in Allem hat also Kurfürst Friedrich 
Wilhelm I. thatsächlich nicht mehr als 2,418,170 
Thaler 6 Sgr. 9 Hlr. hinterlassen und in diese 
Summe hatten sich neun Kinder zu theilen. 
Was mithin jüngst in politischen Blättern von 
„eminentem", von „großem" und von „koloffalem" 
Vermögen geschrieben wurde, gehört in das Be 
reich der Fabel.
	        

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