Volltext: Hessenland (1.1887)

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gust Lewald redegirten Zeitschrift Europa in 
mehreren Artikeln den Eindruck, welchen die Stadt 
auf ihn. den 22jährigen Gymnasiallehrer, nach 
kaum halbjährigem Aufenthalt in derselben ge 
macht hat, in einer sehr pikanten, aber vielfach 
übertriebenen und durchaus nicht vortheilhasten 
Weise geschildert habe. Die Artikel riefen daher 
in Kassel großen Unwillen und zahlreiche Ent 
gegnungen in auswärtigen Blättern hervor, in 
welchen dargethan wurde, daß er namentlich für 
die politische Bewegung des Jahres 1830 und 
das seit dieser Zeit viel reger und freier in der Stadt 
gewordene Leben gar kein Verständniß gehabt habe. 
Der Dingelstedt gemachte Borwurf war für die 
Zeit, in welcher er die Artikel schrieb, nicht un 
gerechtfertigt, sie paßten bester für die hier in Rede 
stehende Zeit der zwanziger Jahre, für welche 
sie viel Wahres und Zutreffendes enthalten. 
Es möge deshalb hier zum Schluß Einiges 
daraus seine Stelle finden: 
„Keine Stadt ist schöner im Herbst und herbst 
licher in ihrer Schönheit, als Kassel, sie ist, 
wie eine versteinerte Elegie. Kein Laut, als 
Klage, kein Licht, als eine ferne Abendröthe. 
Ich wandele oft durch die nächtlichen Gasten, 
von einem nächtlichen Lärm und dem späteren 
Vergnügen einer Residenz weiß man hier nichts, 
man ist in Kaffel häuslicher, als in den meisten 
Städten dieser Größe. Die Thüren und Fenster 
schließen sich fein bürgerlich mit dem zehnten 
Glockenschlage, und wenn nicht hier und da der 
Ruf einer Schildwache an Civilisation erinnerte, 
würde kein Laut, kein Licht die wohlthuende 
Illusion stören, als wandle man in einer ver 
schütteten Stadt durch eine hallende Katakombe. 
Ueberall in der schönen Stadt, wie in der schönen 
Umgebung fehlt die lebendige Staffage, es ist 
nichts, wie Natur, ein landschaftliches Stillleben 
ohne eine Idee von Residenz. Bouterwek taufte 
Kassel einen Tempel des Schweigens. Schön 
ist dieser Tempel allerdings, aber verteufelt lang 
weilig; wo er eine Merkwürdigkeit besitzt, da steht 
auch ein Schilderhaus mit einem bewachenden 
Krieger und vor jedem schönen Punkt hängt 
sicher ein obrigkeitliches Vorhängeschloß. Eine 
Wolke, ein Nebel von Befangenheit und Träg 
heit, eine theilnahmlose Gewitterschwüle lagert 
über der Stadt. Alles muß ä'aeeorä sein, voll 
ständige Ruhe, Ruhe des Grabes." 
Wie ganz anders hat sich jetzt das Leben in 
der Stadt, deren Einwohnerzahl seitdem auf das 
doppelte gestiegen ist, gestaltet, und wie unendlich 
ist der Fortschritt, der auf allen Gebieten des Lebens 
seine so segensreichen Wirkungen erkennen läßt! 
Aber nicht Alles ist bester geworden, auch manches 
Gute der alten Zeit hat sein Ende genommen 
und ist schwer zu vermissen, vor Allem der häus 
lichere Sinn, die größere Einfachheit und Ge 
nügsamkeit in der Lebensweise und was am 
meisten zu beklagen ist, die neidlose Zufriedenheit 
der Menschen mit dem ihnen zu theil gewordenen 
bescheideneren Lebensloose, ein Umstand, welcher 
setzt die Gemüther Aller mit um so schwereren, 
ihnen früher unbekannten Sorgen für die Zu 
kunft erfüllt, als Heilmittel dagegen so schwer 
zu finden sind. 
Von Joseph Schwank. 
(Fortsetzung.) 
II. In dem Kriege Kaiser Leopold's 
gegen die Türken. 
1664 4t.3fufitj Die von der Landgräfin, Regentin 
und Vormünderin Hedwig Sophie dem 
Kaiser Leopold nach Ungarn gesandten 
Hilfstruppen zeichneten sich sehr aus uud 
erfochten den Sieg bei St. Gotthard mit. 
III. In dem Kriege zwischen Oesterreich, 
Dänemark und Brandenburg gegen 
Frankreich. 
1676 Nach dem Regierungsantritt des Land 
grafen Karl zogen 3 neugeworbeue Com- 
pagnieen Reiter und 1 Regiment Infan 
terie zur Reichsarmee und nahmen an der 
Belagerung von Philippsburg theil. 
1677 zogen diese Truppen als dänische Hilfs 
truppen nach Dänemark. 
1677 14. Juli Treffen bei Landskron und Hel 
singborg in Schonen. 
1678 8. Januar Treffen bei Warksow auf Rügen 
egen die Schweden. Glänzender Angriff 
er Hess. Reiterei. In dieser Zeit erschie 
nen zuerst Grenadiere im hessischen Dienst. 
Auch wird zuerst die Uniformirung des 
Hess. Landesausschuffes erwähnt: lange, 
weite graue Tuchröcke, breite Aermel mit 
*) S. Nr. 19 des „Hessenlandes", S. 269 flg.
        

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