Full text: Hessenland (1.1887)

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ländischen Thor und der Mensing'sche vor dem 
Weserthor waren solche Vergnügungslokale, welche 
vorzugsweise von den bürgerlichen Familien be 
sucht wurden, während der Henkel'sche Garten 
vor dem Königsthor und die Restauration in der 
Karlsaue der Sammelplatz der vornehmen Welt 
waren. Von allen diesen ist nur die letztere, aber in 
sehr veränderter Gestalt, noch jetzt vorhanden. 
Unter den mächtigen, nun auch schon seit einigen 
Jahren der Zeit zum Opfer gefallenen, Tannen 
bäumen wurde der meistens von den Familien 
mitgebrachte und in der Restauration gekochte 
Kaffee oder Thee getrunken. An Stelle des jetzt 
wenig Beifall findenden Restaurationsgebäudes 
stand ein einfaches, aber geschmackvolles Haus und 
der Raum zwischen diesem und den Tannen enthielt 
schöne mit Blumenanlagen verzierte Rasenplätze. 
Bier wurde in der Restauration nicht verschenkt 
und hatte die ganze Anlage noch ein vornehmeres 
und bester mit der Umgebung stimmendes Gepräge 
als es jetzt der Fall ist. 
Es war dies damals auch noch das einzige 
öffentliche Vergnügungslokal, in welchem musika 
lische Genüffe geboten wurden. Vom 1. Pfingst- 
tage an concertirten hier an einem dafür be 
stimmten Wochentage abwechselnd auf Allerhöchsten 
Befehl, ohne Eintrittsgeld nehmen zu dürfen, 
die vortrefflichen Musikkorps der Kasseler Gar 
nison. An anderen Orten durften diese nicht 
spielen und andere dazu geeignete Musikkorps 
gab es vor Errichtung der Bürgergarde im Jahre 
1830 nicht. Am 1. Pfingsttage herrschte hier 
auch damals schon ein sehr reges Leben durch 
die zahlreich zu dem Pfingstfest hierherkommenden 
Fremden, unter denen sich namentlich eine große 
Anzahl Göttinger Studenten bemerklich machten. 
An sonstigen Tagen, namentlich an den Wochen 
tagen war der Besuch ein geringer, da es in den 
nicht zur baut« volee gehörigen Kreisen noch nicht 
üblich war, außer Sonntags öffentliche Vergnüg 
ungsorte zu besuchen. Für uns Kinder war es 
gerade kein großes Vergnügen, dort oder im 
Henkelschen Garten im Sonntagsstaat ruhig 
sitzen zu müssen, wir und alle Kinder, die in 
gleicher Lage waren, zogen es vor, im eigenen 
Garten die Freiheit zu genießen. Wir trösteten 
uns damit, daß das Vergnügen ein frühes Ende 
nahm, da es noch nicht Sitte war, Kinder bis 
spät in die Nacht in öffentliche Lokale mitzu 
nehmen. Auch der Besuch von Wilhelmshöhe 
fand selbst an den Sonntagen in den meisten 
Familien nur selten statt und in der Regel nur, 
wenn Besuch von auswärtigen Freunden oder 
Verwandten dazu Veranlassung gab. Der 
Besuch von Wilhelmshöhe war außer anr 2. 
Pfingst- und Himmelfahrtstag namentlich seit 
dem im Jahre 1823 an den Kurfürsten gelangten 
Drohbrief ein sehr beschränkter geworden, da Ein 
heimische und Fremde sich nicht gern den in Folge 
davon zur Sicherheit des Kurfürsten angeordneten 
sehr strengen militairischen und polizeilichen Maß 
regeln unterwerfen mochten. Der Kurfürst welcher 
durchAnlegung des neuenWasserfalls,Verschönerung 
der Anlagen, Erbauung des neuen Gasthauses und 
Wachtgebäudes so viel zur Verschönerung der 
Wilhelmshöhe beigetragen hat, fühlte sich durch 
diesen geringen Besuch sehr unangenehm berührt 
und glaubte den Grund in der allerdings sehr 
mangelhaften Fahrgelegenheit zu finden. Er 
erließ deshalb im Jahre 1827 den Befehl an 
die Polizei, dafür zu sorgen, daß an dem Wil 
helmshöher Thore an Sonn- und Festtagen 
Wagen zur Beförderung gegen einen billigen 
Fahrpreis bereit ständen. Mehrere Jahre hin 
durch war dies denn auch der Fall und dort 
ein Sitz im Wagen zum Hinauffahren für 5 Sgr. 
zu haben. 
Bei einem Vergleiche der damals den Familien 
ebotenen Gelegenheit zu Vergnügungen außer 
em Hause mit der der jetzigen Zeit tritt 
nun weiter ein gar gewaltiger Unterschied 
hervor, wenn wir noch einen Blick auf die 
damals zu geselligen Zwecken bestimmt gewesenen 
Vereine werfen. Während es deren jetzt mehrere 
hundert geben soll, waren es damals eigentlich 
nur drei, welche solche Zwecke mit Einschluß 
ihrer Damen verfolgten. Es waren dies der 
Abendverein, das Civilkasino und die Euterpe, 
von denen sich nur die letztere noch erhalten hat. 
Außerdem bestand noch das ausschließlich für 
Männer bestimmte Militairkasino. Die Gesell 
schaft Lese-Museum ist erst im Jahre 1831 ge 
gründet worden. 
Die Physiognomie der Stadt, wie sie sich 
unter den hier geschilderten Verhältniffen durch 
das in ihr herrschende Leben und Treiben zu 
erkennen gab, mußte abgesehen von allen anderen 
später für dieselbe so bedeutsam gewordenen 
Veränderungen ein von der jetzigen sehr ver 
schiedenes Gepräge tragen. 
Unser schönes Kassel hat zu verschiedenen 
Zeiten, namentlich unter der Regierung des 
letzten Kurfürsten, das Schicksal gehabt, daß die 
öffentlichen und socialen Zustände in derselben von 
Correspondenten auswärtiger Blätter in sehr ge 
hässiger Weise geschildert und insbesondere von 
den Witzblättern zum Gegenstand ihres Spottes 
gemacht wurden, ein Umstand, dessen nachtheilige 
Folgen sich trotz aller so anerkennenswerthen Be 
strebungen zur Beseitigung früherer Vorurtheile 
zuweilen auch jetzt noch bemerklich machen. 
Auch unserem berühmten Landsmanne Franz 
Dingelstedt kann der Vorwurf nicht erspart 
bleiben, daß er im Jahre 1836 in der von An-
        

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