Full text: Hessenland (1.1887)

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an eigentlichen Bier-Restaurationen nicht wenig 
beitrug. 
Der Bezug auswärtigen Bieres, namentlich 
des bayerischen, war noch ebenso unbekannt, wie 
der Frühschoppen. Gelegenheit, Abends zum 
Bier zusammen zu kommen, boten nur die Bier 
brauer in kleinen dazu hergerichteten Stuben, 
welche aber so dürftig, wie jetzt kaum eine Dorf 
schenke ausgestattet waren und schon deshalb nur 
wenig und nur von der geringeren Klasse der 
Einwohner besucht wurden. Dies war auch bei 
den sehr zahlreich vorhandenen Branntweinschenken 
der Fall, in welchen Bier in der Regel nicht zu 
haben war. Eine große Aenderung in den Bier 
verhältnissen der Stadt trat Ende der zwanziger 
Jahre mit Einführung des Felsenbieres ein. 
Die damit eingetretene wesentliche Verbesserung 
des Bieres und die erfolgte Anlegung der Felsen- 
keller hatte bei vielen eine nicht immer Vortheil 
hafte Aenderung in ihrem häuslichen Leben zur 
Folge. So wie es nun bis dahin bei den Princi 
palen und Meistern zur größten Seltenheit ge 
hörte, daß sie noch nach dem frühzeitig ein 
genommenen Abendessen das Haus verließen, so 
war dies noch weit weniger bei den Gehilfen 
oder gar bei den Lehrlingen der Fall. Bei uns 
und in allen mir bekannten Kaufmannsfamilien 
erschienen diese Sonntags und Werktags Abends 
zehn Uhr im Familienzimmer zur Ablieferung der 
Schlüssel, nachdem sie den Abend im Comptoir 
zugebracht hatten. Bon einem Ausgehen derselben 
Abends in ein Wirthshaus oder gar Ausbleiben der 
selben über 10 Uhr war nie die Rede. Ihr Ver 
hältniß zur Familie war dabei ein ganz anderes, 
als jetzt, sie wurden als ihr zugehörig betrachtet 
und zu den Familienfestlichkeiten mit heran 
gezogen. Eine Folge davon war, daß sie auch 
große Anhänglichkeit an ihr Geschäftshaus bewiesen, 
und viele Jahre und so lange demselben ihre 
Thätigkeit widmeten; bis sie bei der allergrößten 
Sparsamkeit von ihrem geringen Gehalt so viel er 
übrigt hatten, um selbst ein eigenes Geschäft gründen 
zu können. Von solchen alten Jnventarstücken; 
welche Sonntags mit den bei uns beschäftigten 
Commis verkehrten, ist mir noch eine größere Anzahl 
erinnerlich. 
Eines Musterbildes dieser Gattung habe ich 
früher schon einmal an anderer Stelle bei 
Schilderung Kasseler Orginale aus jener Zeit 
gedacht. Es war der Commis Wiemer in dem in 
der Nähe unseres Hauses befindlichen Mangold'schen 
Spielwaarengeschäft, bei dem ich mir als Knabe 
manchen Bilderbogen und manche Schachtel Soldaten 
B * "t habe. Vom frühen Morgen bis zum späten 
war er immer mit derselben Unverdrossen 
heit und Freundlichkeit im Geschäfte thätig. 
Das Haus verließ er in der Woche außer zu 
Geschäftswegen niemals, und nur Sonntags 
versäumte er als guter Katholik zu keiner Zeit 
den Besuch der Kirche. Seine einzige Erholung 
von den Mühen des Geschäftes bestand darin, 
daß er Abends nach Schluß des Geschäftes im 
Sommer und Winter vor der Hausthüre stehend 
oder vor dem Hause auf und abgebend seine 
Pfeife rauchte. Darin machte er auch des Sonn 
tags keinen Unterschied, nur daß er sich dann 
dabei den Genuß einer Cigarre gestattete. 
Und doch hatte der kleine freundliche Mann 
eine große Leidenschaft — die des Tanzens, der 
er sich jedoch bei seiner großen Sparsamkeit nur 
zweimal im Jahre, aber viele Jahre hindurch 
bis in sein höheres Lebensalter hingab. Es ge 
schah dies im Sommer am 2. Pftngsttage auf 
Wilhelmshöhe, wo an diesem Tage Abends im 
Gasthause getanzt wurde, und im Winter auf 
einem von dem Balletmeister Braemer in den 
Sälen des Wirths Oesterreich arrangirten Masken 
ball, auf welchen! er stets in einem von uns ge 
liehenen Domino erschien. 
Ueber 50 Jahre hat er immer mit derselben 
Treue und Gewisienhastigkeit dem Mangold'schen 
Geschäfte bei allen dessen Wandlungen seine 
Thätigkeit gewidmet und als er sein Ende heran 
nahen fühlte, noch einen Beweis seiner dankbaren 
und edlen Gesinnung dadurch gegeben, daß er 
einige in ihren Vermögensverhältnissen zurück 
gekommene Mitglieder der Mangold'schen Familie 
zu Erben seines ersparten, mehrere tausend 
Thaler betragenden Vermögens einsetzte. 
Derartige Persönlichkeiten, die bei so geringer 
Abwechslung ourck Vergnügungen irgend welcher 
Art in ihrer stets regen Thätigkeit immer heiter 
und zufrieden blieben, gehören jetzt wohl auf 
immer der Vergangenheit an. 
Wenn nun, wie angegeben, die innerhalb der 
Stadt, zur Erholung vom Geschäft bestimmten 
Lokale wenig Anreiz zum Besuche boten, so war 
dies im Vergleich zur Jetztreit in noch weit 
höherem Grade in Betreff der außerhalb der 
Stadt gelegenen öffentlichen Vergnügungslokale 
der Fall. 
Für solche lag bei dem häuslicheren Sinn der 
Bürger auch schon deshalb ein geringeres Be 
dürfniß vor, weil sehr Viele Ersatz für solche in 
ihren jetzt in großer Anzahl der Stadterweiterung 
zum Opfer gefallenen Privatgärten fanden, in 
denen sie im Sommer den Abend nach Beendigung 
der Geschäfte im Kreise ihrer Familie verbrachten. 
Hiervon wurde nur an Sonn- und Festtagen zu 
weilen eine Ausnahme gemacht und einer der vor 
den Thoren gelegenen öffentlichen Kaffeegärten mit 
der Familie besucht. Der Weber'sche Garten 
vor dem Königsthor, der Adolph'sche Garten vor 
dem kölnischen, der Oestreich'sche vor dem hol
        

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