Full text: Hessenland (1.1887)

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Dieser war ein alter, harter und stolzer Mann, 
seine Tochter ein Musterbild der Sanftmuth und 
des Edelsinnes. Hermann von Riedesel und 
Margaretha von Röhrenfurt lernten sich kennen, 
beide schienen von der Natur für einander be 
stimmt zu sein, sie liebten sich; der Landgraf be 
merkte ihre gegenseitige Neigung mit Wohlgefallen 
und wünschte seinen Freund glücklich zu sehen. 
Anders dachte der Vater Margarethens. Un 
beugsam und gefühllos gegen die Thrünen seiner 
Tochter, hatte er für dieselbe einen Bräutigam 
aus einem reicheren und mächtigeren Hause be 
stimmt. Riedesel bot alles auf, den Vater für 
sich zu gewinnen, auch der Landgraf verwendete 
sich warm für die LiebeUden, umsonst, der Alte 
blieb unerbittlich. „Die reiche Erbin meiner 
Güter," pflegte er zu sagen, „soll nicht die Beute 
eines leichten Abenteurers sein." Es sollte anders 
kommen. 
Einst befand sich Hermann von Riedesel in 
einem dichten Walde auf der Jagd. Plötzlich 
hörte er Hilferufe. Seiner Ritterpflicht eingedenk, 
folgt er diesem Rufe, um dem Nothleidenden 
beizustehen. Wenige Schritte — und er erblickt 
den Vater seiner Geliebten von Räubern nieder 
geworfen, in der äußersten Gefahr, ermordet zu 
werden. Rasch zieht er sein Schwert, stürzt sich 
auf die Räuber, haut tapfer auf sie ein und der 
zitternde Greis ist gerettet. „Unbekannter Mann, 
sprach der Erbmarschall, „heische von mir, und 
kein Lohn wird mir zu groß sein, um dir deine 
Biederthat zu vergelten!" Er hatte seinen Retter 
nicht erkannt, denn dieser war geharnischt und 
hatte sein Haupt mit dem Helm umschlossen. 
„Meine Bitte ist kühn," erwiderte der junge 
Ritter, „aber du wirst sie mir nicht versagen. 
Ich bitte dich um die Hand deiner Tochter!" — 
„Du sollst sie haben", sprach der Greis, „so du 
anders von edlem Blute bist." „Das bin ich", 
versetzte Riedesel, öffnete den Helm und warf sich 
dem staunenden Röhrenfurt in die offenen 
Arme. Dieser hielt sein Wort und beide 
eilten nun zu dem Hoflager des Landgrafen 
zurück und brachten Margaretha die freudige 
Kunde, daß alle ihre Wünsche erfüllt seien.*) 
— Hermann von Riedesel erhielt (1429) die 
Anwartschaft auf das Erbmarschallamt, das ihm 
auch nach dem Tode des letzten Röhrenfurt 
zu Theil wurde. Er ist der Begründer des 
Ansehens und des Reichthums der Familie Riedesel, 
bei welcher von nun an das hessische Erbmarschall 
amt verblieb. Hermann von Riedesel starb am 
31. Juli 1463 in hohem Alter, seine Gattin 
Margaretha war ihm acht Jahre früher 1455 
im Tode vorausgegangen. 
*) Wir find hier Justi gefolgt, da uns die Schildening 
G. v. Günderode's doch allzu romantisch erschien. 
>g folgt.) 
-*-*-*■ 
Aus einem Waffeler Kürgerhause vor 68 Fahren. 
Von W. Dogge-Ludwig. 
(Schluß.) 
Wenn ich es nun versuchen will, die Lebens 
weise der Kasseler Bürger, namentlich der besier 
fituirten dieser Zeit, wie sie fich auch in unserem 
Hause gestaltete, aus meiner Erinnerung zu 
schildern, so wird sich im Vergleich zur Jetztzeit 
ein sehr erheblicher Unterschied in Beziehung auf 
das Leben im Hause, noch mehr aber auf das 
Leben außerhalb desselben ergeben; und dieser 
wesentlich darin zu finden sein, daß die für 
letzteres in weit geringerem Grade gemachten 
Ausgaben den Familienvätern eine weit größere 
Fürsorge für die Angehörigen im Hause ge 
statteten. Dabei war man aber von dem jetzt 
überall fich geltend machenden Aufwand in Aus 
stattung der Wohnungen noch weit entfernt. 
Eine große Verschiedenheit von der jetzigen Zeit 
zeigte fich zunächst in der besseren Herrichtung 
des Mittags- und Abendtisches, an welchen bei 
den Kaufleuten immer die noch ausnahmslos im 
Hause des Principals wohnenden Gehülfen und 
Lehrlinge und bei den Handwerkern auch die 
Dienstboten theilnahmen. Der große Vorzug 
der damaligen Zeit bestand darin, daß es bei den 
Familienvätern noch nicht so wie jetzt allgemein 
üblich war, am Abend ein Vergnügen außer dem 
Hause aufzusuchen und zum Biere zu gehen. Dabei 
ist allerdings nicht zu verkennen, daß zu dieser 
Enthaltsamkeit die wenig Verführung bietende 
Beschaffenheit des damals hier gebrauten Bieres 
und der damit in Verbindung stehende Mangel
        

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