Full text: Hessenland (1.1887)

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nn Kürst des Krieöens. 
Historische Mizze von F. Iw eng er. 
(Fortsetzung.) 
Da wir noch tranken unsern Trank, 
Da wir noch sangen unsern Sang, 
Da wir noch trugen unser Gewand, 
Da stund es gut um Hessenland. 
c^gohl auf keine Periode unserer hessischen 
Geschichte paßt obiger Spruch besser, als 
) auf die Regierungszeit Ludwig's des Fried 
samen. Nach den unaufhörlichen Fehden und 
Kämpfen, inneren wie äußeren, unter den Land 
grafen Heinrich dem Eisernen und Hermann dem 
Gelehrten, in welchen Stadt und Land der Ver 
wüstung anheim gefallen, die Sitten verwildert, 
der Wohlstand geschwunden waren, that dem 
Hessenlande Ruhe noth, daniit es sich erholen 
konnte, und in Ludwig war ihm ein Regent er 
standen, dessen Hauptsinnen, besten größte Sorge 
darauf gerichtet waren, die Wohlfahrt seines Volkes 
zu fördern, die Sitten zu mildern, den Frieden 
seinem Lande zu erhalten. Ganz besonders galt 
seine Thätigkeit der Regelung des bürgerlichen 
Lebens; er erließ gegen Mißbräuche, die sich in 
demselben eingeschlichen, eine Reihe scharfer Ver 
ordnungen, welche uns heute wohl kurios vor 
kommen mögen, die aber in jener Zeit ihre volle 
Berechtigung hatten und dem allgemeinen Wohle 
nur förderlich waren. Nicht minder besorgt war 
er für die Hebung des einheimischen Verdienstes, 
und seine Bemühungen waren von dem besten 
Erfolge gekrönt. 
Daß er den Handwerksleuten neue Zunftbriefe 
(1421) verlieh, in welchen, nebenbei bemerkt, die 
Fleischer „Fleischhänger", die Meister vom Wollen 
handwerke „Flemminge" (Flamänder) genannt 
werden, haben wir bereits an anderer Stelle er 
wähnt. Diese Zunftbriefe bildeten die Grund 
lage aller späteren landesherrlichen Bestimmungen 
über das Zunftwesen in Hessen. 
Es würde zu weit führen, wollten wir hier 
die Verordnungen, welche Landgraf Ludwig in 
dem oben angegebenen Sinne erließ, einzeln er 
wähnen, es kann uns vielmehr in unserer histo 
rischen Skizze nur darum zu thun sein, auf 
die hauptsächlichsten unter denselben hinzuweisen, 
und so beginnen wir denn mit der zunächst für 
Kastel bestimmten Verordnung vom 28. März 
1423,*) wie es „in Ansehung der Ehegelöbnisse, 
Kindtaufen und Hochzeiten zu halten" sei, bei 
welchen ein übertriebener Prunk und eine außer 
ordentliche Ueppigkeit geherrscht haben müssen. 
Danach sollten Ehen nicht mehr ohne Vorwissen 
der Eltern und Vormünder, und nicht ohne 
Beisein der Nächsten und Verwandten ge 
schloffen werden. Es wurden die bei solchen Ge 
legenheiten üblichen Schmausereien, die uns einen 
seltsamen Begriff von dem damaligen Appetite 
einflößen, am ersten Abend auf fünfzehn Schüsseln 
ermäßigt, am anderen Tage zu der Brautsuppe eben 
falls auf fünfzehn und zu dem rechten Imbiß auf 
fünfzig Schüffeln und am Abend mag man noch 
haben fünfzehn Schüffeln, für je zwei Menschen 
eine Schüssel gerechnet. — Item, als man ein 
Kind taufen läßt, da sollen nicht mehr denn 
zwölf Frauen zur Kirche gehen und wieder in 
das Haus. — Item, wer Hochzeit oder Wirth 
schaft (Gasterei) in unserer Stadt Kaffel haben 
oder machen will, er sei Pfaff, Laie oder 
Hofgesinde, der soll es so halten: Zum ersten 
sollen der Frauen, die zur Hochzeit bitten gehen, 
nicht mehr sein, denn sechs und eine Magd, 
und wenn der Priester oder Bräutigam darnach 
umgehet und bittet, dann sollen nicht mehr sein, 
denn zwölf; und wenn die Braut in die Kirche 
geht, sollen der Jungfrauen und Mägde auch 
nicht mehr sein, als zwölf. 
Die Statuten vom 7. Oktober 1444 richten 
sich hauptsächlich gegen die Uebergriffe der geist 
lichen oder Sendgerichte, durch welche nicht nur 
die energische Handhabung der bürgerlichen Ge 
setze beeinträchtigt, sondern auch ein so schlep 
pender Prozeßgang hervorgerufen wurde, daß 
ganze Generationen vor Erledigung der Sache 
*) S. »Sammlung fürstlich hessischer Landesverord 
nungen", herausgegeben auf Befehl des Landgrafen Fried 
rich 11. von Chr. Ludwig Kleinschmidt, Kastel 1767, 
1. Th. S. 9, sowie Piderit, Geschichte der Haupt- und 
Residenzstadt Kastel.
	        

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