Full text: Hessenland (1.1887)

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in den nahen Preußischen und sächsische» Provinzen, 
wodurch die große Wahrheit dem sinnlichen Auge 
hingestellt wurde, daß alle Deutsche, welche Grenzpfähle 
sie auch trennen, ein Volk sind, daß sie e i n Vater 
land, einen Grundcharakter, ein Interesse haben, 
daß sie für jetzt und auf ewige Zeiten nur gemeinsam 
und für eine Sache kämpfen werden und es ein 
Greuel sein würde, wenn sie jemals gegeneinander 
das Schwert führte». Man hörte in Heften aus 
dem Munde geringer Leute, alter Männer und Frauen, 
wie glücklich sie sich schätzten, einen solchen schönen Tag 
noch erlebt zu haben. 
Für solchen Sinn der Heften wird alsdann den 
Geistlichen das hauptsächlichste Verdienst zugeschrieben, 
da diese durch ihren Rath, ihre Reden und Er 
mahnungen, sowie durch zum Theil im Druck erschienene 
Borträge, unter denen die des Metropolitans Schantz 
in Ziegenhain besonders hervorzuheben seien, aus den 
patriotischen Geist des Volkes wesentlich eingewirkt 
hätten. Der Predigerstand habe sich, als unter dem 
westphälischen Joche alle höhere Gesinnung erstickt 
gewesen und Tausende und Tausende der Knechtschaft 
des Feindes mit Leib und Seele sich hingegeben hätten, 
immer in einer ehrenvollen Stellung gehalten und 
das Volk vor dem Verderben der Zeit zu bewahren 
und in ihm die Hoffnung auf eine bessere Zukunft 
zu erhalten gesucht. Darum hätten damals auch so 
viele Prediger Verfolgung, Gefängniß und Verbannung 
erfahren. 
Der Berfafter schließt seine Artikel mit dem Wunsch 
«ud der Hoffnung, daß es in Heften nicht an Männern 
fehlen werde, welche die Stärkung und Erhöhung des 
deutschen Sinnes in ihrem Lande alle Zeit pflegen 
und dabei vor keinem Hinderniß zurückschrecken mögen. 
«Sie finden sicherlich keinen unfruchtbaren Boden. 
Der kräftige und treWche hessische Stamm wird in 
der großen und allgemeinen Entwickelung der deutsche» 
Nation «immerdar zurückbleiben. 
3t.-/. 
Eine seltsame Unterrichts-Methode. Das 
Hinscheiden des Musikdirektors vr. Wilhelm Bolckmar 
in Homberg erinnert uns an einen andern berühmten 
Tonkünstler und Orgel-Komponisten unseres Hessen- 
landeS, der zu Ende vorigen und zu Anfang dieses 
Jahrhunderts eine ähnliche Stellung in der musika 
lischen Welt einnahm, wie in neuester Zeit vr. W. 
Bolckmar, wir meinen den Organisten Johann 
Gottfried Vierling. Seltsam ist die Art und 
Weise, wie diesem nachmals so bedeutenden Musiker 
das Klavierspielen beigebracht wurde. I. G. Vierling 
war am 25. Januar 1750 in dem zwischen Mei 
ningen und Schmalkalden gelegenen Dorfe Metzels 
geboren. Sein Vater, ein wohlhabender und recht 
schaffener Mann, war Schultheiß des Ortes. Da er 
Talente bei seinem geweckten Knaben bemerkte, so 
kam es ihm ganz gelegen, daß dieser Lust zum Stu 
dieren bezeigte. Er schickte ihn zum Schulmeister des 
Ortes, um bei demselben die Anfangsgründe der 
lateinischen Sprache und der — Musik zu erlernen. 
Machte nun der junge Vierling in ersterer Beziehung 
recht erfreuliche Fortschritte, so haperte es ganz ge 
waltig in dem Musik-Unterrichte. Sein Vater mußte 
ihn fast mit Gewalt dazu zwingen, manche Ohrfeige 
mußte der Knabe hinnehmen und sich zuweilen an 
Haaren in die Stunde schleppen laffen. Und wie 
verfuhr der Herr Schulmeister mit seinem jungen 
Schüler! Mit dem Stocke in der Hand stand er 
neben diesem, um den Takt zu schlagen, und da ver 
irrte sich denn der Bakulus nicht selten auf des Schülers 
Rücken, gewiß keine besondere Aufmunterung für das 
junge verborgenlicgcnde Genie, das ihm so zu sagen 
eingeprügelt wurde. Bald sollte es aber anders 
werden. Der junge Vierling kam auf die Gelehrten- 
schule nach Schmalkalden. Hier wurde der wackere 
Organist Tischer sei» Lehrer in der Musik, hier gab 
es keine Prügel mehr und hier entwickelte sich das 
außergewöhnliche musikalische Talent Vierling's in 
glänzender Weise, so daß Tischer selbst, der kränklich 
geworden war, den erst 18jährigen jungen Mann zu 
seinem Nachfolger vorschlug, welche Stelle er denn 
auch erhielt. Unter Vierling, der sich während eines 
ihm von seinen Vorgesetzten zu diesem Zwecke 1771 er 
theilten länger« Urlaubs unter den berühmten Musik- 
gelehrten K. Ph. Emanuel Bach in Hamburg und 
I. Ph. Kirnberger in Berlin noch der gründlichsten 
theoretischen Studien befleißigt hatte, wurde Schmal 
kalden eine Art musikalischer Hochschule. Zahlreiche 
Schüler strömten dorthin, um unter dem berühmten 
Meister ihre musikalischen Studien zu machen, und 
weit und breit war deften Ruf verbreitet. Vierling 
starb am 22. November 1813. A. I. 
Die Unsicherheit der Poststraßen im 
vorigen Jahrhundert belegt ein Schriftstück, das 
von Herrn Postmeister i. P. Bon-Eyff in Grünberg 
aufbewahrt wird. Dasselbe ist an seine Großmutter, 
«die verwittibte Postmeisterin Frau Bon-Eis allhier" 
gerichtet und hat folgenden Inhalt: 
«Nachdeme von Hochfürstl. Regierung zu Gießen 
anheute der Befehl anhero ergangen ist, daß, weilen 
eine Bande Spitzbuben von 20 bis 30 Man», welche 
zwischen Münden und Göttingcn nahe bey dem 
hannöverischen Ort Transfcld den von Hamburg nach 
Hannover, Caffel und Frankfurth gehenden «Postwagen 
am 7. abgewichenen Monats beraubet, sich in die 
Wetterau begeben haben soll und von solcher noch 
mehrere dergleichen Straßenraub zu befürchten stehet, 
der Eisenachische Samt Postwagen durch die dahiesige 
Fürst!. Landen zur Nachtzeit jederzeit durch Husaren 
begleitet werden solle, hiervon auch dem dahiesige»
	        

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