Full text: Hessenland (1.1887)

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Charakter Wilhelm I. aufgefaßt hat, wenn er von 
ihm sagt: 
„Was den Kurfürsten Persönlich angeht, so ist er 
ohne Widerrede ein Regent von vielen vortrefflichen 
Eigenschaften und einer der vorzüglichsten deutschen 
Fürsten. Seine Ordnungsliebe, seine Thätigkeit, seine 
Gerechtigkeit und seinen Sinn für fürstliche Würde 
könnte nur leidenschaftliche Persönlichkeit verkennen. 
Man wirft ihm vor, daß er das Geld zu sehr liebe. 
Für das praktische Wirken ist aber das Nachteiligste, 
daß er, was freilich bei seinem hohen Alter nicht 
auffallen kann, mit dem Geist der Zeit nicht fort 
gegangen ist und gänzlich außer dieser Zeit steht. 
Die großen volksthümlichen Entwickelungen des öffent 
lichen Lebens sind ihm fremd und widerwärtig, deshalb 
hat er die Popularität verloren. Fast alle diejenigen 
Männer von einiger moralischen oder geistigenBedentung, 
die während der fremden Unterdrückung Vaterlands 
liebe und Freiheitssinn bewährten, werden auch jetzt 
mit Mißtrauen und Argwohn betrachtet". Der Ver 
fasser bespricht dann mit der größten Anerkennung 
die Bestrebungen des Landtags vom Jahre 1815, 
wobei er nur beklagt, daß sich in Heffen so wenig 
Menschen finden, die die öffentlichen Verhandlungen 
und Angelegenheiten vor die Publicität bringen, 
„denn gewiß wäre der Muth und die Standhaftigkeit 
der Landstände vermehrt, ihr Standpunkt erhöht und 
ihre Ansicht erweitert worden, wenn die Verhandlungen 
einem größeren Publikum bekannt geworden wären 
Er sagt von ihnen dann weiter: 
„Die Stände haben ihren Landtag auf eine recht 
schöne und lobenswerthe Weise begonnen, sie haben 
mit Bescheidenheit und großer Standhaftigkeit die 
Hauptbeschwerden des Landes entwickelt und um deren 
Abstellung gebeten, insbesondere haben sie mit Nach 
druck auf einer Trennung des Staatsvermögens von 
dem des Fürsten bestanden. Das ist für Heffen ein 
sehr wichtiger Punkt, da dieses Land sich in einem 
von den andern deutschen Ländern verschiedenen Ver 
hältniß befindet. Sowie diese mit Schulden überhäuft 
sind, so besitzt jenes bedeutende Geldmittel und 
Kapitalien. Die Stände glauben nun mir dem größten 
Recht, daß die seit Jahren gesammelten Ueberschüffe 
der öffentlichen Einkünfte, sowie die mit hessischem 
Blute erworbenen Subsidiengelder als wahres Staats 
eigenthum anzusehen und unter ihrer Mitaufsicht zu 
den Bedürfnissen des Landes zu verwenden seien. 
Die Entscheidung dieser Frage ist aber wichtiger für 
die kommende, als für die gegenwärtige Regierung, 
da der ökonomische Sinn des Kurfürsten nicht besorgen 
läßt, er werde die vorhandenen Gelder und Kapitalien 
verschwenden und verschleudern. Die Heffen haben 
immerhin Ursache, die Gottheit um noch ein langes 
Leben für ihren Regenten zu bitten, denn sie sehen 
unter dieser Regierung des 73 jährigen Greises einem 
geordneten Gange der Geschäfte, dagegen keinem 
Ausbruch der Willkür und Laune und keinem Eingriff 
in die Verhältnisse Einzelner entgegen". Am Schluffe 
seines Artikels erklärt dann der Verfasser, daß er 
längere Zeit aus Hessen entfernt gewesen und jetzt 
freudig überrascht worden sei, als er deutlich gesehen, 
wie der mächtige Geist, der in diese Zeit getreten, 
sich auch in Heffen so schön und kräftig zu entwickeln 
anfange, er habe dies aus der ganzen Art und Weise, 
wie sich alle Menschen geben und darstellen und 
hauptsächlich an zwei Erscheinungen, dem hessischen 
Landsturm und der Jahresfeier der Leipziger Schlacht 
erkannt. 
Bon dem ersteren schreibt er: 
„Der Landsturm ist ein zu neues und volks- 
thümliches Institut um in dem Sinn der hessischen 
Regierung zu liegen. Diese hat daher für denselben 
auch weiter nichts gethan, als daß sie die großen 
Grundzüge angab, die sie anzugeben genöthigt war. 
Dem ohnerachtet hat sich der hessische Landsturm in 
Zeit von etwa anderthalb Jahren recht zweckmäßig 
und tüchtig ausgebildet. Diese Ausbildung ist ganz 
von dem Volke ausgegangen und war der Widerspruch 
gegen die damit verbundenen Lasten und Kosten nur 
unbedeutend und selten. Ja man hat gar häufige 
Beispiele, daß die zur Uebung zusammengezogenen 
Mannschaften nach Ablauf der festgesetzten Zeit ihre 
Anführer nöthigten, diese Uebungen noch .mehrere 
Stunden fortzusetzen. In den Städten haben sich 
freiwillige Reiter- und Schützengilden gebildet, die in 
der ganzen kriegerischen Haltung oft sehr wenig gegen 
das Militair zurückstehen. 
Von der Feier des 18. Oktober wird dann gesagt: 
Das Fest ist mit einer Allgemeinheit, mit einem 
inneren Sinne und mit einer Erhebung der Herzen 
gefeiert worden, wie in keiner anderen Provinz des 
gesammten Vaterlandes. Das Schöne war dabei, 
daß auch hierbei nichts angeordnet war, sondern Alles 
vom Volke ausging. Jedoch muß man der Regierung 
zum Ruhme nachsagen, daß sie dem Beispiele der 
Darmstädtischen nicht gefolgt ist und nichts verhindert 
und verboten hat. Im Gegentheil hat der Kurfürst 
auf eine schöne, rührende Weise ausgesprochen, welchen 
Antheil er an den Gefühlen seiner Unterthanen nimmt. 
In dem Augenblick, als in Kaffel der Zug zu den 
Feuern bei der kurfürstlichen Residenz vorüberging, 
erschien dort ein schönes Transparent mit der sinnigen 
Inschrift „Heil meinem Volke". Dieser Zug beweiset, 
daß der Kurfürst da, wo er selbst und ohne Ein 
wirkung handelt, einen richtigen Takt hat. Den eigen 
thümlichen Charakter dieses Festes macht das Anzünden 
der Feuer auf den Bergen. In Heffen ist kein 
Dorf so klein und arm, das nicht sein Feuer ange 
zündet hätte; ja hin und wieder brannten dergleichen 
vor einzelnen einsam stehenden Häusern. Am Werra 
strom boten einzelne Punkte einen besonders erfreulichen 
und erhebenden Anblick dar. Man sah da außer 
denen in Heffen noch mehrere Feuer auf den Anhöhen
        

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